Ans Spital wird er sich nie gewöhnen

Toffen

Markus Hänni aus Toffen leidet wie seine beiden Brüder an Cystischer Fibrose. Dass er noch lebt, hat er nicht nur den Fortschritten der Medizin zu verdanken. Jetzt hat er ein Buch geschrieben.

Markus Hänni: «Ich bin dankbar, dass mir das Leben durch ein Wunder neu geschenkt wurde.»

Markus Hänni: «Ich bin dankbar, dass mir das Leben durch ein Wunder neu geschenkt wurde.»

(Bild: Urs Baumann)

Johannes Reichen

Auf seinem Auto wirbt Markus Hänni für das Buch wie andere für ein Pubfestival. Grell sind die Buchstaben, knackig ist der Slogan: «Eigentlich müsste ich längst tot sein.» Darunter steht auch noch eine Pointe, sie klingt gut: «Aber man muss nicht immer das tun, was andere sagen.» Eine Reklame wie ein lauter Schrei.

Markus Hänni selbst ist nicht laut, seine Stimme auch nicht. Hoch klingt sie und etwas zerbrechlich, dazu so freundlich, dass man sie sich schreiend nicht vorstellen kann. «Ich hoffe einfach, dass sie ein bisschen auffällt», sagt er über die Werbung. Über sich schreibt er im Buch: «Gut möglich, dass mich hin und wieder ein Husten unterbricht, ein stechender Schmerz in der Lunge, aber das gehört dazu.»

Drei Jahre Krankenhaus

Das Auto von Markus Hänni steht vor dem Haus seiner Eltern in Toffen. Gleich daneben fährt der Zug und fliesst die Gürbe vorbei, hier verbrachte er den grössten Teil seines Lebens. Allerdings, zusammengezählt lag er drei seiner 31 Lebensjahre im Krankenhaus. «Daran gewöhnt man sich nie», sagt er. Gerade erst, um Weihnachten herum, hat es ihn mal wieder «verräumt». Zweimal zwei Wochen war er im Spital.

Im April 1983 wurde bei Markus Hänni Cystische Fibrose diagnostiziert. Er war zwei Jahre alt, als die Ärzte diese Stoffwechselkrankheit feststellten. Damals gaben sie ihm höchstens 30 Lebensjahre. «Eigentlich müsste ich längst tot sein», so lautet denn auch der Titel des Buchs.

1000 Betroffene in der Schweiz

Jedes 2000. Kind in Mitteleuropa, schreibt Hänni, leidet an dieser Krankheit. In der Schweiz gibt es rund 1000 Betroffene. Zwei weitere von ihnen kennt er sehr gut. Das ist das besondere Schicksal der Familie.

Nach dem Befund bei Markus wurden auch seine drei Geschwister untersucht. Die Schwester, älter als ihre Brüder, ist gesund. Aber Markus’ Zwillingsbruder und der vier Jahre ältere Bruder leiden auch an Cystischer Fibrose. «Sie traf es weniger schlimm als mich», sagt Markus. Sie wollen auch nicht öffentlich darüber reden.

Markus Hänni bemerkte vor ein paar Jahren, dass es kein Buch in deutscher Sprache eines Betroffenen gibt. Er beschloss, selbst eines zu schreiben. «Leben lernen von einem, der jeden Tag als Geschenk begreift», heisst es im Untertitel, und das hat nicht nur mit der Krankheit zu tun.

Im Sommer 2008 – es war Fussball-Europameisterschaft – schenkte Markus Hänni sein Ticket für das Spiel Holland - Rumänien in Bern seinem Zwillingsbruder. Er hatte einen neuen Plan gefasst – doch sein Versuch, sich das Leben zu nehmen, ging schief. «Wenn ich zurückblicke», schreibt er im Buch, «bin ich dankbar, dass mir das Leben durch ein Wunder neu geschenkt wurde. Was für eine Chance.»

Zwei Stunden Therapie

Heute geht es ihm gut. Natürlich belastet ihn die Krankheit. Er ist anfällig auf Erkältungen, bekommt rasch eine Lungenentzündung, er wird bei körperlicher Tätigkeit rasch müde. «Ich habe einfach nicht so viel Energie wie andere», sagt er. Zwei Stunden pro Tag verbringt er mit Therapien, etwa Inhalationen oder Atemphysiotherapie. Auch Antibiotika lindern die Symptome.

Er ist gerade sehr mit seinem Buch beschäftigt und auch sonst umtriebig. Vergangenen Herbst kandidierte er auf der EVP-Liste für den Nationalrat. Bei der Freikirche ICF in Bern ist er als künstlerischer Leiter tätig, er schreibt Drehbücher, ist Schauspieler und Kabarettist.

Und nun wartet er vor allem auf den Sommer. Dann wird er seine Freundin Barbara Hubler heiraten. Und die Werbung von seinem Auto wieder wegreissen.

Berner Zeitung

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