Andrea und das Herz

Bern/Trub

Die Lehrerin Andrea Langenegger erlebt im Schwabgutschulhaus in Bümpliz täglich eine Weltreise. Ihren Ausgleich findet sie im Emmental in einer Schwitzhütte.

Mehr besondere Menschen aus Bern und Region finden Sie in diesem Dossier.
Claudia Salzmann@C_L_A

«Feliz Navidad, feliz Navidad», tönt es aus dem Klassenzimmer. 18 Schüler sitzen im Kreis, auf den Tischen liegen Grittibänze, Nüssli und Mandarinen. Die Lehrerin Andrea Langenegger begleitet das Lied mit der Gitarre. «So, und jetzt noch mal mit den Buben», sagt sie und stimmt noch einmal an. Langenegger unterrichtet im Schulhaus Schwabgut in Bern-Bümpliz.

Viele der Kinder haben einen Migrationshintergrund, sie kommen unter anderem aus Albanien, Somalia und der Türkei. Die meisten Kinder sprechen drei Sprachen, ein Bub sogar sieben. «Egal, woher sie kommen, es sind einfach Kinder, die die Zukunft der Schweiz mitgestalten werden», sagt Langenegger. «Das Schwabgutschulhaus ist meine tägliche Weltreise.» Oft blicke sie auf den Pausenhof und sehe die halbe Welt an ihrem Fenster vorbeispazieren. Früher selber viel auf Reisen, ist für die 41-Jährige nun ein Lebensabschnitt angebrochen, in dem sie in der Heimat bleibt.

Gelebte Integration

Gerade mal zwei ihrer Schüler feiern Weihnachten daheim mit ihrer Familie, aber sie alle erleben in der Schule die Adventszeit. Nach dem Singen lauschen die Kinder einer Weihnachtsgeschichte, die ihre Lehrerin vorliest. Bald ist klar, wer der Klassenclown ist, wer die Leseratte und wer das Alphatier. Beim Basteln der Weihnachtsdekoration haben die Kinder aus eigener Initiative ein Kreuz und einen Halbmond für das Adventsschloss gemacht.

«Was wir hier im Schwabgut tun, ist gelebte Integrationsarbeit, denn hier können Kinder verschiedener Herkunft und Religion zusammen sein. Das finde ich spannend.» Am liebsten unterrichtet Langenegger musische Fächer, die auch die Kinder am liebsten haben. «Ich unterrichte mit dem Herzen und nicht, weil ich Mathematik mag.»

Streng und gesund

Freitags reist Andrea Langenegger jeweils in ihre Wochenendresidenz: ein altes Bauernhaus auf dem Eyboden im emmentalischen Trub. Es gibt dort weder fliessend Wasser noch eine Zentralheizung. Fremd ist Langenegger dieses bescheidene Leben nicht, da sie auf einem Bauernhof in Langnau aufgewachsen ist. «Denke ich an meine Kindheit, so erinnere ich mich an viele Leute am Tisch und daran, dass es immer etwas zu tun gab.»

«Egal, woher sie kommen, es sind einfach Kinder, die die Zukunft der Schweiz mitgestalten werden.»Andrea Langenegger

Noch heute fühlt sie sich mit diesen «Högern» verbunden. Seit letztem Sommer mietet sie das Bauernhaus oben am Waldrand, wo man nur mit Vierradantrieb oder aus eigener Kraft hochkommt. Die Länggasse mit all ihren urbanen Vorteilen, wo Langenegger unter der Woche wohnt, ist weit weg. «Hier oben ist es einfach ein anderes Leben. Wenn ich Durst habe, muss ich zum Brunnen. Wenn mir kalt ist, muss ich Holz hacken. Das ist streng, aber auch gesund.» Viel Zeit verbringt sie hier allein und still. Ausser dem Waldkauz, dem Wind in den Tannen und dem seltenen Schrecken der Rehe ist es draussen still. Viel stiller als in ihrem Haus, wo sie wirkt, kocht und malt. Ein Zimmer hinter der Küche ist ihr Malzimmer, wo die Staffelei einfach stehen bleibt. Die erste Ausstellung liegt zehn Jahre zurück. «Damals habe ich gemerkt, dass nicht nur die Farben, sondern auch die Sprache toll ist. Jedes Wort hat eine Energie und eine Aussagekraft.»

An diesem Nachmittag aber hat sie keine Zeit zu malen, denn sie hat Gäste. Der Schwedenofen in der Küche ist eingefeuert, das Sofa hingeschoben. Überall steht Essen, es gibt Linzertorte, Nüsse, Fruchtsalat. Auf dem Herd dampft Teewasser in einer Pfanne. Alle rücken zusammen und bereiten sich auf die Schwitzhütte vor, die Andrea Langenegger leiten wird. Bereits haben sie Steine auf ein Feuer gelegt, die nach anderthalb Stunden rot glühend für die Hitze in der Schwitzhütte sorgen werden.

Mit dem Herzen sehen

Die meisten, die hier sind, haben das schon mal gemacht. Nur am Rand lässt sich das spirituelle Ritual, das von den Ureinwohnern Amerikas stammt, mit einer konventionellen Sauna vergleichen. Denn im Innern der Jurte ist es dunkel, man bleibt länger drin, und es ist sehr heiss. «Man darf jederzeit aus der Hütte raus», betont Langenegger.

«Lebendig zu sein, darum geht es ja im Leben.»Andrea Langenegger

Langsam dämmert es, und die Gruppe macht sich bereit. Die Besucher ziehen sich aus und verlassen in dünne Tücher gehüllt die warme Küche. Es hat angefangen zu schneien, und der Wind bläst durch den Wald. Barfuss stellen sie sich ums Feuer, drehen ab und zu ihre Rücken den Flammen zu, damit auch die aufgewärmt werden. Zuerst betritt Andrea Langenegger die Jurte, sie kniet sich hin, die Fusssohlen sind von Erde bedeckt, sie rutscht hinein. Die anderen Teilnehmer tun es ihr gleich. Der Feuermann klaubt die rot glühenden Steine mit einer Gabel aus dem Feuer, befreit sie mit einem Tannenzweig von der Asche und legt sie in die Mitte der Jurte. Vier Steine reichen, um die Temperatur hochzutreiben, sobald die Öffnung der Hütte geschlossen wird. Drinnen leuchten die Steine, doch nach und nach wird es stockfinster. «In der Dunkelheit beginnt man mit dem Herzen zu sehen», sagt Langenegger den Leuten.

Sie hat eine klare Vorstellung von ihrer Rolle: «Ich bin eine Reiseleiterin, die die Besucher in ihre Seelenheimat zurückführt.» Die Schwitzhütte sei dabei nur eine Möglichkeit, andere übten ein Hobby aus, wieder andere gingen in die Natur. «Es geht um eine Tätigkeit, die einen spüren lässt, dass man jetzt bei sich daheim ist.» Das Ritual der Schwitzhütte ist sehr körperlich: Man sitzt halb nackt auf dem kalten Boden. Zuerst ist es lebensbedrohlich kalt, dann wieder viel zu heiss. «So kommt man zurück in den Körper, zum Herzen und zurück in den Moment», sagt Andrea Langenegger.

Lebendig sein

In den ersten zwei Runden ist es still, alle schwitzen. Dann, in der dritten Runde, stöhnen einige, dann stimmen sie ein Lied an. Die meisten sitzen nicht mehr, sondern liegen auf dem kalten Boden, um der Hitze zu entweichen. «Man schwitzt, schreit, weint, aber macht auch Witze. Mich freut es immer, weil der Mensch lebendig wird und endlich er selber ist», sagt Langenegger. Lebendig zu sein, darum gehe es ja im Leben.

Berner Zeitung

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