Als Kirchenmänner noch richten konnten

Neuenegg

Das Stationentheater Liberté 1812 erzählt Geschichten aus einer Zeit, in der uneheliche Schwangerschaften oder ein Tänzchen an einem Feiertag für eine ­Verurteilung ausreichten.

Pfarrer Elias Roder ist von seinen Problemen überfordert. Erst recht, als eine Familie von Jenischen im Pfarrhaus Schutz sucht.

Pfarrer Elias Roder ist von seinen Problemen überfordert. Erst recht, als eine Familie von Jenischen im Pfarrhaus Schutz sucht.

(Bild: zvg)

1812, Kirche Neuenegg. Als Einziger des Lesens und Schreibens kundig, amtet der Neuenegger Pfarrer Elias Roder (Andreas Hauswirth) als Schreiber des Chorgerichts. Dieses befasst sich mit Verstössen gegen die guten Sitten. Vergehen wie ein Wirtshaus- statt eines Gottesdienstbesuchs reichen schon aus für eine Verurteilung. Etwa, wenn ein Mann wie Samuel Gasser (Andreas Henzer) die Magd Elsbeth Salvisberg (Laura Gerteis) «beschläft» und sein Eheversprechen bricht. Gasser muss ins Verlies des Schlosses Laupen.

Diese und andere Fälle hat der echte Pfarrer Roder 1812 im Neuenegger Chormanual eingetragen. Diese Aufzeichnungen inspirierten den ehemaligen Neuenegger Pfarrer Heinz Hubacher, das Stück Liberté 1812 zu schreiben, das am Mittwoch unter seiner Regie Premiere hatte.

Sündiger Pfarrer

Von Frankreich her weht ein frischer Wind. «Liberté, Fraternité, Egalité» sind 1812 auch in Neuenegg bekannt. Der Landjäger Raboud, brillant gespielt von Roland Suter, verfolgt die Verfehlungen der Menschen, die ein bisschen Freiheit schnuppern, sich beispielsweise erlauben, am Bettag in der Beiz zu sitzen oder an Pfingsten zu tanzen – Vergehen, die Pfarrer und Chorgerichtsschreiber Roder übersieht.

Denn auch er hat keine reine Weste, pflegt er doch mit seiner Pflegschwester Lea (Marianne Holzer) eine heimliche Liebesbeziehung. Offen dazu stehen kann er erst, als die Geliebte ihn verlässt und dann mit dem Kind vor dem Chorgericht erscheinen muss. Und jetzt kommt der erfundene Teil von Liberté 1812: Das Paar versöhnt sich, gibt sich das Heiratsversprechen und das Büblein wird getauft – ein Happy End, das nicht verbrieft ist.

Grossartig gespielt

Positiv: Die Originalschauplätze in und ausserhalb der Kirche und des Pfarrhauses sind stimmig. Die Kostüme und die sparsam eingesetzten Requisiten wirken echt. Und die Akteure, Frauen, Männer und Kinder, spielen schlichtweg grossartig. Jede Geste passt, nichts wirkt zufällig. Einsame Spitze ist die Närrin (Heike Arn). Sie führt durch die Geschichte, zeigt die Bedeutung von Freiheit auf. Die Frau mit der Schellenkappe gibt dem Stück einen feministischen Anstrich, hatten doch 1812 die Männer das Sagen. Die Ehe- und Kirchenmänner, die Chorrichter, die Landjäger. Frauen spielten damals nur Nebenrollen, wenigstens gegen aussen.

Negativ: Das Stück ist überladen und weist Längen auf. Inklusive Wechsel zwischen mehreren Schauplätzen dauert es fast zweieinhalb Stunden. Dank der Närrin ist es aber möglich, den Faden nicht zu verlieren. Der Anspruch des Autors, ein Stück Weltgeschichte im Dorf Neuenegg spielen zu lassen, gelingt nur teilweise. Wer sich nicht mit dem geschichtlichen Hintergrund und dem Einfluss der Französischen Revolution auf die Schweiz befasst hat, ist überfordert oder gar ratlos.

Künstlerische Freiheit

Für die Magd Elsbeth Salvisberg gibt es kein Happy End. Sie erscheint mit ihrem toten Baby in den Armen vor dem Chorgericht. Dass es auf dem Friedhof und nicht ausserhalb begraben wird, lässt einen Hauch von Freiheit ahnen, den auch die Richter spüren. Ob das auch wirklich so war, ist nicht bekannt. Aber es gibt ja auch noch die künstlerische Freiheit und die Freude am Fabu­lieren.

www.stationentheater-1812-neuenegg.ch Nächste Vorstellungen: heute und Samstag, 29. Oktober, 19.30 Uhr.

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