Als es bloss ein paar Stadtinseln in einem Meer von Land gab

Noch vor 150 Jahren gab es im Kanton Bern lauter schwach besiedeltes Land – und ein paar wenige Kleinstädte. Erst die Eisenbahn und später die Autobahnen haben die Landkarte neu gezeichnet.

Die einzige grosse Stadt ist um 1860 noch umzingelt von Land: An der Schwelle zur Moderne hat Bern zwar schon einen Bahnhof und das heutige Bundeshaus West. Das Kirchenfeld (rechts) und der Spitalacker (links) aber sind noch unüberbaute Felder und Weiden.

Die einzige grosse Stadt ist um 1860 noch umzingelt von Land: An der Schwelle zur Moderne hat Bern zwar schon einen Bahnhof und das heutige Bundeshaus West. Das Kirchenfeld (rechts) und der Spitalacker (links) aber sind noch unüberbaute Felder und Weiden. Bild: Schweizerische Nationalbibliothek

Vor 250 Jahren beherbergte der Kanton Bern bloss ein Fünftel seiner heutigen Einwohner, nämlich 224'343 Menschen. In Bern, der einzigen richtigen Stadt, waren es 13'681. Heute zählt Bern zehnmal so viele, die Agglomeration Bern gar zwanzigmal so viele Bewohner.

Die alten Zahlen entstammen der ersten einigermassen seriösen Volkszählung von 1764. Im Auftrag der alten patrizischen Stadtrepublik registrieren die Pfarrer damals die Mitglieder ihrer Kirchgemeinden. Die Erhebung ergibt das Bild eines zutiefst ländlichen Kantons: 1764 leben die allermeisten Bernerinnen und Berner in Dörfern mit weniger als 2000 Leuten.

Langsame ländliche Welt

1764 besteht Bern nur aus der heutigen Altstadt. Die Aare-schleife und die Befestigungsmauern gegen Westen begrenzen die Stadt präzis. Unmittelbar vor den Stadttoren beginnt das Land. Wo heute im Breitenrain oder in der Länggasse urbanes Treiben herrscht, grasen damals Kühe, Bauern ernten auf den Feldern das Korn.

Städte und Stadträume sind historisch betrachtet ein junges Phänomen, das Land aber ist uralt. Im 18. Jahrhundert heisst die Landkarte noch zu Recht so. Die paar Schweizer Städte sind kleine Inseln in einem Meer von Land. Diese ländliche Welt tickt bedächtig und agrarisch. Von Kühen gezogene Fuhrwerke rumpeln im Schneckentempo über holprige Landstrassen, mit einer Tagesreichweite von etwa 30 Kilometern. Weiträumig unterwegs sind ohnehin wenige, die Menschen wohnen und arbeiten sesshaft in ihren Dörfern.

Als die Schweiz ein Wald ist

Als die Stadt Bern kurz vor 1200 von Herzog Berchtold von Zähringen gegründet wird, zählt die mittelalterliche Schweiz gemäss Schätzungen etwas mehr als eine halbe Million Einwohner – aber unglaublich viele Millionen Bäume. Weite Teile des Landes sind dicht bewaldet, schreiben die Autoren der «Geschichte der Landschaft in der Schweiz», die der in Burgdorf lebende Historiker Jon Mathieu 2017 im Orell-Füssli-Verlag herausgegeben hat.

Wälder, Sümpfe und unverbaute Flüsse, die bei Hochwasser ihr Flussbett verlassen, machen das flache Land unwegsam. Die wenigen Landstrassen verlaufen oberhalb der Ebenen an Abhängen oder führen steil über Hügel. Bei Regen sind es unpassierbare Schlammpisten.

Welle von Stadtgründungen

Als die Bevölkerung ab dem 13. Jahrhundert wächst, schafft sie sich für Siedlungen und Felder Platz, indem sie Wald rodet und Sümpfe trockenlegt. In dieser Zeit rollt auch eine Welle von Stadtgründungen an. Damals werden neben Bern auch Burgdorf, Thun, Freiburg oder Murten gebaut. Im Tagesreiseabstand von rund 30 Kilometern.

Es sind vorerst kleine Städte mit ein paar Gassen und Zeilen von Holzhäusern, die immer wieder mal einem Stadtbrand zum Opfer fallen. Die Atmosphäre bleibt auch innerhalb der Stadtmauern ländlich. Schweine und Hühner wuseln in den Hinter­höfen herum.

So klein die Städte noch sind, sie entfalten dennoch bald ungeahnte Kräfte und dehnen ihren Einfluss auf das Land aus. Fürsten und im Falle des aufstrebenden Bern gar der deutsche Kaiser verleihen den Städten Privilegien. Sie dürfen Handel treiben, Märkte abhalten, Zölle eintreiben, Geldmünzen prägen, zu Gericht sitzen.

Die Bewohner innerhalb der Stadtmauern erhalten Rechte und Pflichten. Leibeigene vom Land profitieren davon, wenn sie es in die Stadt schaffen. Das illustriert der Ausspruch «Stadtluft macht frei». Die wachsenden Kleinstädte sind auf Zuwanderer angewiesen: auf Handwerker, Soldaten.

Als es eng wird innerhalb der Stadtmauern, beschränken die Stadtbürger den Zustrom. Noble eingesessene Geschlechter teilen unter sich die Macht auf. In der Stadt Bern bildet sich eine Oligarchie von patrizischen Herrscherfamilien heraus, die sich von den übrigen Stadtbürgern abgrenzt.

Die Stadt Bern schwingt sich bis ins 16. Jahrhundert zur Beherrscherin des Landes vom heute aargauischen Brugg bis vor die Tore Genfs auf. Sie bleibt aber wirtschaftlich vom Land abhängig und muss etwa den aufmüpfigen Bauern im Emmental Autonomierechte gewähren.

Die Entthronung der Städte

Schlechte Witterungsphasen und Missernten führen zu Hungersnöten, auch Krankheiten wie die Pest dezimieren die Bevölkerung zwischen 1500 und 1800 immer wieder. An der Schwelle zur Moderne ist der Kanton Bern immer noch dünn besiedelt. In der ganzen Schweiz gibt es damals erst 42 Siedlungen mit mehr als 2000 Einwohnern.

Ab 1830 fegt die liberale Revolution die Sonderrechte der Städte weg. Sie werden zu ganz normalen Einwohnergemeinden. Ob Stadt- oder Landbewohner: Allen garantiert die liberale Berner Kantonsverfassung nun die gleichen Rechte. Insbesondere die Niederlassungsfreiheit. Menschen und Waren kommen so in Fahrt.

Weil sich der wirtschaftliche Austausch und Verkehr zwischen Stadt und Land intensivieren, lassen die Kantonsbehörden ab 1830 die Stadtbefestigungen in Bern und anderen Städten schleifen. Dort, wo sich einst die Schanzenanlagen erhoben, wird nun Platz frei – für Berns Bahnhof, die Bauten am Bollwerk oder für den Park der kleinen Schanze.

Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts ist das Land mit den Städten noch konkurrenzfähig. Erst sieben Berner Gemeinden zählen 1850 mehr als 5000 Einwohner. Dazu gehören die grossen vier von heute: Bern, Biel, Thun und Köniz. Erstaunlicher sind die anderen drei Orte: die Emmentaler Dörfer Langnau und Sumiswald sowie Schwarzenburg.

Das Emmental ist damals die am dichtesten besiedelte und ökonomisch stärkste Berner Region. Und das Schwarzenburgerland in den Voralpen ist das Berner Armenhaus mit vielen Kleinbauern. 1850 wohnen noch 68,2 Prozent der Schweizer Bevölkerung in ­Orten unter 2000 Einwohnern und nur 6,4 Prozent in Städten mit 10'000 Personen.

Bahn trennt Stadt vom Land

Ab 1860 bricht sich eine urbane Revolution Bahn. Im wörtlichen Sinn: Die ersten Eisenbahnlinien erreichen den Kanton Bern. Sie zeichnen die Landkarte neu und stellen das Verhältnis von Stadt und Land auf den Kopf. Die Bahn lässt an ihren Knotenpunkten ­regionale Zentren und Städte wachsen und verbindet sie zu Wirtschaftsräumen. Ländliche Regionen aber geraten ins Abseits. Die Bahn scheidet ab 1860 die Stadt vom Land und die Arbeitsplätze vom Wohnort, so wie es uns heute vertraut ist.

Die Bahngeleise verlaufen geradlinig, im flachen Land und entlang der nun gegen Hochwasser verbauten Flüsse. Ein Bahnanschluss entscheidet künftig über die wirtschaftliche Power eines Orts. Das vorher unbedeutende Lyss überflügelt das historische Städtchen Aarberg und wird zum Industriezentrum. Die Gewerbeorte Trubschachen oder Zollbrück, die früher von Em­mehochwasser bedroht waren, stellen die stolzen Emmentaler Bauerndörfer Trub und Rüderswil in den Schatten.

Die Explosion der Stadt

Die Hauptgewinner der von der Bahn angetriebenen Industrialisierung sind die Städte. Ab 1880 explodiert ihre Bevölkerung förmlich. Bern erreicht 1918 durch die Eingemeindung von Bümpliz die Grossstadtgrenze von 100'000 Einwohnern. Die patrizische Sandsteinstadt hat sich in einen Industrie- und Verwaltungsort verwandelt. Ringsherum um die historische Altstadt wachsen Aussenquartiere wie Jahrringe.

Die Entwicklung der Siedlungsfläche in den letzten 150 Jahren:

Die Zuzüger vom Land erleben in der Stadt schockartig eine neue Welt. Mondäne architektonische Dimensionen glänzen im Schein des elektrischen Lichts. Indus­triefabriken und Büros der Verwaltung eröffnen auf dem Land nicht existierende Arbeitsmöglichkeiten. In den Aussenquartieren aber ballt sich in engen Wohnblocks ohne öffentliche Hygiene die Armut.

Die Zersiedlung des Landes

Ab 1950 setzt mit dem Bau des Autostrassen- und Autobahnnetzes ein zweiter Modernisierungsschub ein. Er verändert das Gesicht des noch ländlichen Kantons unwiederbringlich. Dank der Feinverteilung durch Strassen entsteht ein flächendeckender Teppich von Siedlungen und Einfamilienhäusern. Verkehrsachsen zerschneiden das Land. Städte und Vororte wachsen zu Agglomerationen zusammen.

Die Gewichte verschieben sich im Kanton Bern nun zugunsten der verstädterten Räume. Gemäss den jüngsten Zahlen des kantonalen Wirtschaftsamts Beco wohnen in den drei Agglomerationen Bern, Biel und Thun 40 Prozent der Kantonsbewohner, die drei Powerregionen beherbergen aber über 50 Prozent der Berner Arbeitsplätze, und sie erwirtschaften gar 60 Prozent des bernischen Bruttoinlandprodukts (BIP). Allein die Agglomeration Bern steuert 45 Prozent des BIP bei.

Seit den 1950er-Jahren wird durch das Umverteilungssystem des Finanzausgleichs die wirtschaftliche Schwäche des Landes auf Kosten der Städte ausgeglichen. Das Berner Land ist heute wirtschaftlich und finanziell von den Städten und ihren brummenden Dienstleistungsclustern abhängig. Politisch allerdings vermögen sich die Landregionen im Kantonsparlament gegen die Stadtregionen zu behaupten.

Rückgrat Thun-Bern-Biel

Heute ballen sich die Bevölkerung und die Besiedlung immer markanter auf der Hauptachse Thun-Bern-Biel sowie auf der Nebenachse Bern-Burgdorf-Langenthal. Sie bilden das ökonomische Rückgrat des Kantons.

Entvölkern sich nun Berner Landregionen wie das einst kraftvolle Emmental? «Nein», sagt Daniel Wachter, der Vorsteher des kantonalen Amtes für Gemeinden und Raumordnung, «nur ausserhalb der Siedlungs­gebiete in der Landwirtschaftszone gibt es einen Bevölkerungsschwund.» Wachter bestätigt aber, dass die Konzentration und die Verstädterung auf den Hauptachsen voranschritten.

Dank immer dichterem Verkehrsnetz kann man auch vom Land zu einer Arbeitsstelle in der Stadt pendeln. Allein die Zahl der Emmentaler, die in die Region Bern pendeln, hat sich nach einer Zählung dieser Zeitung seit 2005 um mehr als 20 Prozent erhöht.


Im Video: Leben Sie lieber in der Stadt oder auf dem Land? Umfrage: Florine Schönmann, Quentin Schlapbach (Berner Zeitung)

Erstellt: 22.07.2017, 10:26 Uhr

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