«Als Berner hältst du einfach zu YB»

Lupo Il Grande ist ein Urgestein der gelbschwarzen Fanszene. In 40 Jahren hat er mit den Berner Young Boys alle Emotionen – von Cupfinalsieg über Schweizermeister, Aufstieg, aber auch Abstieg – erlebt. Bernerzeitung.ch/Newsnetz hat ihn getroffen.

Lupo wohnt im Breitsch, würde YB nicht als seine Religion bezeichnen und trägt den Nachnamen Il Grande.

Lupo wohnt im Breitsch, würde YB nicht als seine Religion bezeichnen und trägt den Nachnamen Il Grande.

(Bild: Claudia Salzmann)

Claudia Salzmann@C_L_A

Mit Hut, Sonnenbrille und einem Ostkurve-Pullover sitzt der 49-jährige Lupo da und erzählt von den Anfängen als YB-Fan: «Als 10-jähriger ging ich an den ersten Match, YB spielte gegen den FC Zürich 2:2.» Er sei ein «Landgiel», aus dem gleichen Dorf wie Gölä, im Herzen der SVP.

YB-Fan wurde er zu Beginn wohl aus Langeweile. Früher habe es in Bern einfach nichts gegeben, keine Reithalle, keine «Dampfere», nichts. Gerade mal an zwei Orten wurde Musik gespielt, dann gab es noch die «Pläfä» und die Bars machten schon um 23.30 Uhr zu. «So trafen wir uns am Match, damals noch im Wankdorf», erzählt er. Er und andere Halbstarke mit langen Haaren, in Jeans, selbstgestrickten YB-Schals und Tücher um den «Gring». Noch heute trägt Lupo Il Grande seine Haare lang. Er streicht sie aus dem Gesicht und sagt: «YB ist ein sehr grosser Teil in meinem Leben, ich würde vieles hinten anstellen, nicht alles, aber das meiste.»

«Streit gab es früher auch»

Damals hätten sie viel «Seich» gemacht, lacht Lupo. «Wir haben im Stadion auf einem Feuer Würste gebraten, Bier ins Stadion geschmuggelt und Beamte provoziert.» Die Streitereien mit der Polizei und anderen Fans seien nicht neu. Auch die Pyro gehören seiner Meinung nach einfach zum Fussball dazu. Lupo findet, dass in der Schweiz wegen Kleinigkeiten überreagiert werde. Was ihn aber auch störe sei, wenn jemand verletzt werden könnte. «Im Fanzug helfe ich beim "Ghüder" mit, wenn da einer eine Flasche schmeisst, dann sage ich es ihm. Ich sage ihm, er solle nicht deswegen aufhören, weil ich ihm es verbiete, sondern weil sich jemand verletzen könnte.» Warum die Flasche überhaupt fliege, das könne er schon verstehen. Manchmal habe man einfach eine Wut, wie er früher auch, erklärt Lupo energisch. Vor ihm steht eine Flasche Cola und er nimmt einen Schluck.

Lupo Il Grande sieht man oft an Auswärtsspielen und die Fans kennen ihn. Er ist mit seiner Grösse auch nicht zu übersehen, deshalb trägt er auch den Spitznamen «Il Grande». Die Zugfahrt und den Eintritt verdient er sich mit Aufräumen im Extrazug. Letztes Jahr war Lupo auch am Europa-League-Spiel in Odense dabei. «Ich hätte ja keine Kohle gehabt, da ich als Hilfsabwart nicht so viel verdiene», sagt der 49-Jährige. Aber die von der Ostkurve hätten für ihn gesammelt. «Stell dir das mal vor! Die hätten mir auch die anderen Spiele gezahlt, aber das wollte ich nicht.»

Bei der Ostkurve sei der Spirit, wie Lupo ihn vom Wankdorf kenne, spürbar. Er hätte früher doch nie, nie einen Nachmittag damit verbracht, eine Fahne zu nähen oder zu malen, betont er. Lieber wollte er in Ruhe ein «Bierli trinken, Töffli frisieren und Mais» machen. Diese «Giele» würden tagelang mit dem Basteln der Choreographien verbringen, ohne irgendwas dabei zu verdienen. Lupo ist sich sicher, dass sie viel mehr für YB machen, als er das jemals gemacht habe. «Ich fühle mich der Ostkurve am nächsten, bin jedoch nicht Mitglied, auch bei keiner Partei. Vereinsmeierei ist nichts für mich», sagt er mit seiner tiefen Stimme, die ein wenig an Polo Hofer erinnert.

Vom Stehplatz zum Sitzplatz

Für Lupo, wie für viele andere YB-Fans, ist das Stadion nach wie vor das Wankdorf, obwohl es umgetauft wurde. Das «Joggeli» in Basel bleibe auch das «Joggeli» und der Letzigrund in Zürich der Letzigrund. Seit den Neufeld-Zeiten kämen mehr Leute an die YB-Matchs. Auch mehr Frauen, was er super finde, erklärt er, hebt seine Sonnenbrille und zwinkert. Früher sei er im Sektor B gestanden, heute sitze er auf dem Balkon im Sektor D. Von den Leuten, mit denen er früher am Match war, sehe er noch einen. Die meisten hätten Kinder und seien verheiratet. Er nicht, weder Frau noch Kinder, er sei «vögelifrei».

Mit seinen 49 Jahren ist Lupo einer der ältesten im harten Kern, was ihn gar nicht stört. «Manchmal habe ich schon "Lämpe", aber mit Modefans, die nur an die Matches kommen, wenn YB gerade gut spielt», enerviert Lupo sich und nimmt erneut einen Schluck Cola. Die würden ihn dann nicht kennen und ihn blöd anmachen.

Gelassen meint der gestandene YB-Fan: «Wer Krach mit mir will, kann ihn haben.» Aber so grün hinter den Ohren wie früher sei er nicht mehr. Vor neun Jahren habe er aufgehört, Alkohol zu trinken und könne so gut abschätzen, wer komplett «bsoffe» sei und Streit suche. Die Dümmsten seien die, die auf die eigenen Fans losgehen.

«Alles muss stimmen»

Die Enttäuschung, dass YB den Meistertitel letztes Jahr nicht geholt habe, konnte er nach 40 Jahren Auf und Ab leichter ertragen als andere. In der Kochlehre habe es auch geheissen: «Wenn die Suppe versalzen ist, kannst du noch lange Kartoffeln und Wasser dazutun, sie ist und bleibt versalzen.» Da helfe auch kein Doumbia. 40 Jahre den Young Boys treu zu bleiben, ist für ihn Ehrensache: «Als Berner hält man einfach zu YB.»

Lupo ist für die kommende Saison zuversichtlich. Inwiefern der neue Trainer Christian Gross gut für einen Pokal ist, kann er nicht abschätzen. Er habe eine Siegermentalität und wisse, wie man Titel holt. Die neuen Spieler Khalifa, Silberbauer und «Fahrni» spielten gut, Degen hätte einfach den «Ofen» am letzten Match gegen Basel machen müssen. «Am Samstag gehe ich nach Sion an den Match», sagt er. Es gebe doch keine bessere Alternative als an den YB-Match.

Ob es in dieser Saison schon für einen Titel reichen werde, werde sich zeigen. Um zu gewinnen, müsse einfach alles stimmen, die Menschlichkeit im Team, der Trainer, das Präsidium, die Fankultur und die ganze Region müsse an YB glauben.

Lupo erklärt: «Wenn ich nicht an YB glauben würde, müsste ich ja auch nicht an den Match gehen.»

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt

Loading Form...