Ärztin arbeitete über ein Jahr ohne Bewilligung

Bern

Trotz Bewilligungsentzug behandelte eine Berner Ärztin weiterhin Patientinnen – etwa auch im Salemspital.

Die Frauenärztin hat auch im Salemspital unerlaubterweise Patientinnen behandelt (Archivbild/Stefan Anderegg).

Die Frauenärztin hat auch im Salemspital unerlaubterweise Patientinnen behandelt (Archivbild/Stefan Anderegg).

Michael Bucher@MichuBucher

Wer zum Arzt geht, rechnet nicht unbedingt damit, dass dieser gar nicht praktizieren darf. Doch solche Fälle gibt es – auch in Bern. Hier hat eine Frauenärztin anderthalb Jahre lang ohne Berufsbewilligung Patientinnen behandelt. Nicht nur in ihrer Praxis, sondern auch als Belegärztin am Salemspital (siehe Kasten). Dies hatte die «Rundschau» von SRF in einem Beitrag am Mittwoch aufgedeckt.

Gegen den Entzug der Bewilligung hatte sich die Ärztin juristisch gewehrt. Ihre Beschwerde hat das Verwaltungsgericht jedoch abgewiesen, wie aus einem am Freitag publizierten Urteil hervorgeht.

Bussen ignoriert

Die Berufsbewilligung verlor die Frauenärztin nicht wegen Behandlungsfehlern, sondern aufgrund von schlampiger Administration. Die Frau praktizierte seit 1985. Auffällig wurde sie beim Kantonsarztamt (Kaza) bereits 2010. «Mangels Vertrauenswürdigkeit» entzog ihr die Behörde damals erstmals die Bewilligung, wie es in dem Urteil heisst. Die Berner Ärztin gelobte, sich künftig besser zu organisieren und Auskünfte fristgerecht zu erteilen. Die Verfügung wurde folglich wieder aufgehoben.

Doch offenbar waren das nur Lippenbekenntnisse. Auch in der Folge reagierte sie nicht auf Schreiben des Kaza, wies keine gültige Betriebshaftpflichtversicherung vor und ignorierte eine Disziplinarbusse. Zwischen Spätherbst 2016 und Mai 2017 drohte das Kaza der Frauenärztin mehrmals mündlich, dann schriftlich mit dem erneuten Entzug der Bewilligung. Doch auch die eingeräumte Frist für eine Stellungnahme liess die Frau unbeantwortet verstreichen.

Am 22. August 2017 hatte das Kaza genug. Mit rechtskräftiger Verfügung untersagte es der Ärztin, künftig zu praktizieren. Dagegen wehrte sie sich, blitzte jedoch ein Jahr später erst bei der Gesundheitsdirektion des Kantons Bern ab und nun auch vor Verwaltungsgericht.

Ehemann als Sündenbock

Aus dem Urteil geht hervor, dass die Ärztin behauptete, sie habe nichts vom Bewilligungsentzug gewusst. Verantwortlich dafür machte sie ihren Mann. Dieser habe ihr den eingeschriebenen Brief vorenthalten. Diese Behauptung sei «wenig glaubhaft», hält das Gericht fest. Die Frau habe sich in der Vergangenheit oft schwergetan, Aufforderungen des Kaza zu beantworten, «weshalb eher davon auszugehen ist, dass sie die administrativen Belange ihrer Praxis überhaupt vernachlässigt hat». Eine Aufsichtstätigkeit habe die Ärztin so über Jahre «geradezu verunmöglicht». Bereits beim ersten Entzug vor neun Jahren hatte sie behauptet, ihr Mann habe entsprechende Post nicht an sie weitergegeben.

Ihr Mann, der übrigens ebenfalls als Arzt tätig ist, kommt auch im «Rundschau»-Bericht vor. Dieser stellt gemäss SRF auch gleich die Rezepte für die Praxis seiner Frau aus. Laut Kantonsärztin Linda Nartey ist dies nicht zulässig. Dass die Frauenärztin ohne Bewilligung weiter praktizierte, dazu meinte ihr Mann gegenüber der «Rundschau», sie habe nur noch Patientinnen behandelt, «die sie lange kennt und zu denen ein Vertrauensverhältnis besteht».

Auch Patientinnen klagen

Offenbar agierte die Frauenärztin nicht nur gegenüber den Behörden nachlässig, sondern auch gegenüber Patientinnen. Sie habe Reklamationen und gar finanzielle Ansprüche nach einem Behandlungsfehler «monate- und teils jahrelang ignoriert», hält das Verwaltungsgericht fest. Auch Google-Rezensionen liefern kein schmeichelhaftes Bild. Patientinnen schreiben von «langen Wartezeiten bis zu zwei Stunden» und von einer «katastrophalen Praxisorganisation».

Offenbar war dem Kaza bis zur TV-Berichterstattung nicht bewusst, dass die Frauenärztin bis vor kurzem noch in ihrer Praxis Patientinnen empfing. Denn bis vor ein paar Tagen war die Praxis noch geöffnet, nun ist sie bei Google mit dem Zusatz «dauerhaft geschlossen» versehen.

Bei einem Anruf in der Praxis meldet sich der Mann der Ärztin. Man wolle keine Auskunft geben, es sei ein weiteres Verfahren am Laufen. Er sagt lediglich, der jüngste Gerichtsentscheid basiere auf «früheren Fehlurteilen». Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, wenn er zum Schluss sagt: «Die Behörden arbeiten eben etwas langsam.»

Berner Zeitung

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