Ärger über Tempo 20 am Viktoriaplatz

Bern

Dass am Berner Viktoriaplatz Tempo 20 eingeführt werden soll, sorgt für Kopfschütteln. Der TCS und FDP-Stadtrat Oliver Berger finden, dass es sich nicht um einen Unfallschwerpunkt handelt.

Zankapfel Viktoriaplatz: Die Stadt Bern will Tempo 20 einführen, dagegen gibt es Widerstand.<p class='credit'>(Bild: Beat Mathys)</p>

Zankapfel Viktoriaplatz: Die Stadt Bern will Tempo 20 einführen, dagegen gibt es Widerstand.

(Bild: Beat Mathys)

Markus Ehinger@ehiBE

Das gibt es bisher in der Schweiz noch nirgends: Die Stadt Bern plant, auf dem Viktoriaplatz, also einer Hauptverkehrsachse, auf der auch der ÖV unterwegs ist, ab Sommer Tempo 20 einzuführen. Auch wenn die Autos die Kreuzung schon heute recht vorsichtig passieren, führe man das neue Tempo­regime aus Sicherheitsgründen ein, «damit wirklich allen klar ist, dass man hier langsam fahren muss», sagt der Stadtberner Verkehrsplaner Karl Vogel.

Platz ist Unfallschwerpunkt

Tempo 20 soll auch gelten, weil es sich beim Viktoriaplatz um einen Unfallschwerpunkt handle. Laut Max Bushell, Sicherheitsbeauftragter bei der Verkehrsplanung der Stadt Bern, hat das Bundesamt für Strassen (Astra) den Viktoriaplatz bereits 2013 als Unfallschwerpunkt ausgewiesen.

Die Methodik, wie das Astra einen Strassenabschnitt als Unfallschwerpunkt definiert, ist komplex. Bei der Ermittlung von Unfallschwerpunkten spielen unter anderem die Anzahl Unfälle sowie Anzahl Verletzten oder Toten eine Rolle. «Im Umfang des Unfallschwerpunktes Viktoriaplatz passierten zwischen dem 1. Januar 2015 und dem 31. Dezember 2017 insgesamt fünf Unfälle», sagt Bushell. Die Unfälle hatten zwei Schwerverletzte und eine leichtverletzte Person zur Folge. Bei zwei Unfällen entstand lediglich Sachschaden.

Laut Astra gilt eine Stelle im Strassennetz dann als Unfallschwerpunkt, wenn sich dort mehr Unfälle ereignen, als dies unter «normalen» Umständen zu erwarten wäre – dies als Folge von «lokalen unfallbegünstigenden Einflussfaktoren». Gemeint sind damit etwa Defizite in der Strasseninfrastruktur sowie der Verkehrsregelung.

TCS: Tempo 20 überflüssig

Der TCS erachtet eine Tempo­­reduktion als nicht sinnvoll. «Heute gilt Tempo 50, aber es gibt verhältnismässig sehr wenig Unfälle», sagt Stefan Plüss, Leiter Verkehrssicherheit der TCS-Sektion Bern. Mit anderen Worten: «Die Automobilisten passen sich schon heute sehr gut an die Strassenverhältnisse an. Es braucht gar keine zusätzlichen Regeln.»

Ausserdem würden die Zahlen zeigen, dass es sich beim Viktoriaplatz nicht um einen Unfallschwerpunkt handle und dass keine Unfälle wegen überhöhter Geschwindigkeit passierten. «Ansonsten müsste eigentlich jede Kreuzung in Bern als Unfallschwerpunkt gelten.»

«Ideologische Zwängerei»

Für FDP-Stadtrat Oliver Berger ist das geplante Temporegime eine «ideologische Zwängerei»: «Eine sachliche Rechtfertigung für Tempo 20 auf einer Hauptachse gibt es nicht.» Tempo 20 habe einen rein politischen Hintergrund und werde trotz anderslautender Beteuerungen eingeführt, «um die Automobilisten weiter auszubremsen». Damit solle der motorisierte Individualverkehr möglichst unattraktiv gemacht werden.

«Eine sachliche Rechtfertigung für Tempo 20 auf einer Hauptachse gibt es nicht.»Oliver Berger, FDP-Stadtrat

Das Problem beim Viktoriaplatz sei nicht die Geschwindigkeit, sondern die Gestaltung der Kreuzung. «Sie ist unübersichtlich, ein so grosser Rechtsvortritt ist heute nicht mehr üblich.» In Bergers Augen ergibt Tempo 20 keinen Sinn. «Das aktuelle Temporegime funktioniert gut, die Teilnehmer passen sich schon jetzt dem Verkehrsaufkommen an.» Der Viktoriaplatz sei kein eindeutiger Unfallschwerpunkt. «Seit 15 Jahren ist dort die Tendenz von Unfällen mit Personenschaden sogar abnehmend, auch ohne zusätzliche Massnahmen», sagt Oliver Berger.

Provisorischer Kreisel?

Der Verkehrsplaner Karl Vogel betont, dass es sich nicht um eine 20er-Zone, sondern um eine «streckenbezogene Geschwindigkeitsreduktion gemäss Signalisationsverordnung» handle. Bei einer 20er-Begegnungszone, die man vor allem in Quartierstrassen kennt, hätten zum Beispiel spielende Kinder Vortritt.

Voraussichtlich bis Ende 2022 wird der Viktoriaplatz im Rahmen des Projekts «Dr nöi Breitsch» zu einem Kreisverkehr umgebaut werden. Oliver Berger schlägt deshalb vor, statt Tempo 20 bereits jetzt für mehr Sicherheit einen provisorischen Kreisel zu erstellen: «Das wäre weitaus wirksamer.»

Berner Zeitung

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