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Ade, liebe Baustelle

Während dreier Jahre wurde die Tiefenaustrasse in Berns Norden saniert – in den ersten zwei Jahren Tag und Nacht. Nun kommt die Dauerbaustelle zu einem Ende.

Poesie des Unorts: Dumper, Autokolonnen und Bauarbeiter – drei Jahre lang war auf der Tiefenaustrasse Dauerbaustelle.
Poesie des Unorts: Dumper, Autokolonnen und Bauarbeiter – drei Jahre lang war auf der Tiefenaustrasse Dauerbaustelle.
Fotos: Beat Mathys, Raphael Moser

Die rote Baracke, liebevoll verziert mit einem freundlichen Gespenst und verspielt angeschrieben mit «Katakömbli», sie ist auf trittsicheren, wenig dekorativen Stufen erreichbar. Stabiler Gerüstbau, er symbolisiert immer das Flüchtige. Sagt: Hier ist alles nur temporär. Das ist die vielleicht wichtigste Eigenschaft einer Baustelle: Sie ist immer da, um wieder zu verschwinden.

Nur war die Baustelle, um die es hier gehen soll, etwas länger da als andere. Ziemlich genau drei Jahre lang wurde auf der Tiefenaustrasse gebaut. Die Baustelle war auch geografisch länger als andere: Sie zog sich vom Neufeldtunnel am nördlichen Ende der Stadt Bern über einen Kilometer bis zum Bahnhof Tiefenau. Ein Kilometer, der einen Unort plötzlich fassbar machte. Beinahe täglich fuhr ich daran vorbei.

Zuerst wenig begeistert. Das war im September 2015. Plötzlich stockte es. War man vorher auf dem Weg in die Stadt und aus der Stadt in Gedanken versunken gebraust, gab es jetzt jeden Tag neue Hindernisse. Jeden Tag neue genervte Blicke, viele Blicke, denn die Strasse ist der Arbeitsweg von vielen.

Da waren Betonmischer, die quer über der Strasse standen und ihre frisch angerührte Fracht abladen wollten, da waren Dumper, da waren Muldentransporter, da waren Arbeiter in Helmen und orangefarbenen Arbeitskleidern, da waren Vermesser und Diamantbohrer und Bagger, immer standen sie im Weg. Alles nur mühsam, wenn doch das Meeting im Büro in einigen Minuten anstand. Ich dachte, das legt sich wieder, eine Baustelle, in zwei, drei Monaten ist alles wieder gut, alles beim Alten, freie Fahrt.

Doch dann realisierte ich: So ist es nicht. Diese Baustelle ist gekommen, um (ziemlich lange) zu bleiben. Denn es war keine Rede vom Abschluss, stattdessen war die Strasse an immer neuen Orten aufgerissen, man arbeitete Tag und Nacht, die Strassenführung wurde von einem Tag auf den anderen völlig neu gelegt.

Natürlich, die Sanierung war wichtig, die Tiefenaustrasse ist eine der Hauptverkehrsachsen zwischen Stadt und Agglomeration Bern. Die Strasse verlief bisher über den RBS-Geleisen, die Stützmauer darunter befand sich in einem schlechten Zustand. Ein Glück, dass man sich in der Schweiz frühzeitig um solche Probleme kümmert.

Nur nützte mir dieses Wissen nichts, ich musste nach wie vor mehr Zeit einrechnen. Einmal, als ich wieder in einer langen Fahrzeugkolonne stand, weil vorne irgendwelche Baustellenmanöver im Gang waren, fiel mein Blick auf den Wald, der über der Stützmauer wächst. Kein besonders schöner Wald. Er liegt am Hang, ist am Rand verbuscht, wird vermutlich nicht sehr gepflegt. Nichts für Pilzsammler und Beerenfreunde. Kein Pfad, nur unwegsames Gelände. Und die Autos brausten bisher daran vorbei.

Doch da war ein alter Betonkasten, halb am Zerbröckeln, darauf ein Graffiti. Ein wunderbarer Schmetterling, orange und blau, auch er ein verblassendes Relikt. Ein poetischer Gruss von Nachtbuben. Ich musste lächeln. Am nächsten Morgen, wenige Meter vom Schmetterling entfernt, waren sie wieder zugange. Sie presslufthämmerten. Da schaute ein Bauarbeiter auf, zufällig noch ein junger und gut aussehender, und lachte mich fröhlich an.

Gute Laune ist ansteckend. Fortan änderte sich meine Einstellung zur Baustelle. Sie gehörte nun fix zu meinem Morgen- und Abendritual. Durch die Verlangsamung, die an diesem sehr unwirtlichen Strassenabschnitt Pflicht war, eröffneten sich jeden Tag neue Blicke.

Bei 30 Kilometern pro Stunde sah ich den Fuchs, der eines Morgens auf der Stützmauer balancierte. Ich sah die Eiskristalle, die sich im Winter an den Fahrzeugrädern gebildet hatten. Ich sah die kahlen Bäume, die zögerlich austrieben, dann dichtes Grün, später alle Farben des Herbsts. Ich sah die rote Baracke, nicht gerade einladend, eigentlich, und doch so gemütlich wie möglich gemacht. Der Pausenraum, das Baustellenbüro. Ein Tisch, ein paar Stühle. Sixpacks mit Mineralwasserflaschen und Mayonnaise aus der Tube. Vielleicht. Leider war ich nie im «Katakömbli».

Bald herrscht freie Fahrt auf der Tiefenaustrasse. Adieu, Poesie des Unorts.

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