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«Ach, Ruedi...»

BernAuch nach dem Rückzug von Gemeinderatskandidat Stefan Hofer kommt die SVP nicht zur Ruhe. Präsident Rudolf Friedli hätte die Basis über Hofers Rotlichtvergangenheit informieren müssen, wird parteiintern kritisiert.

SVP-Präsident Rudolf Friedli steht in der Kritik.

SVP-Präsident Rudolf Friedli steht in der Kritik. Bild: Beat Mathys

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Wer kennt es nicht, das Gefühl, in einer Flut von E-Mails fast zu ­ertrinken? SVP-Stadtrat Henri-Charles Beuchat jedenfalls hatte am letzten Sonntag keine Lust auf einen längeren Austausch. Eine E-Mail von Parteipräsident Rudolf Friedli an rund zwanzig Vorstandsmitglieder, Stadträte und Gemeinderatskandidaten beantwortete Beuchat so: «Ach, Ruedi, wenn Du gleich viel Zeit in die Parteiarbeit investieren würdest wie in Deine ewigen Rundmails, wären wir eventuell schon ein paar Schritte weiter.»

Das sei «das Schöne an den Mails», mailte Friedli – an alle – zurück. «Man erreicht sehr viele gleichzeitig mit den genau gleichen Worten und zur gleichen Zeit und sehr spontan.» Diese Spontaneität hatte er eine Woche zuvor vermissen lassen. Dabei wäre es damals wohl angebracht gewesen, gleichzeitig viele über den gleichen Sachverhalt ins Bild zu setzen: Spätestens am 1.?Februar hatte Friedli gewusst, dass Stefan Hofer einst Bordellbe­treiber war. Friedli verzichtete darauf, parteiintern – etwa per E-Mail – darüber zu informieren, und auch an der SVP-Hauptversammlung am gleichen Abend hielt er die Information unter Verschluss.

Hofer wurde von der ahnungslosen Basis als einer von fünf Kandidaten für die SVP-Gemeinderatsliste nominiert. Nicht einmal Wahlkampfleiter Roland Jakob hatte von Hofers geschäftlicher Vergangenheit gewusst.

Seit Dienstag ist Hofer Ex-Kandidat. Nach Vorwürfen, er vermiete überteuerte Zimmer an Sozialhilfeempfänger, liess ihn die Partei fallen.

Kein Wucher

Was sagt die Causa Hofer über Friedlis Krisenmanagement und -kommunikation aus? Wer sich in der SVP umhört, erhält nur wenig Antworten, die zitiert werden dürfen. Hinter vorgehaltener Hand wird indes einige Kritik am Präsidenten geäussert: Friedli hätte in den zehn Tagen, in denen er bereits gerüchtehalber von Hofers Rotlicht-vergangenheit gewusst habe, der Sache nach­gehen müssen; das Argument in Friedlis Medienmitteilung zu Hofers Rückzug, es sei «zumindest im Moment nicht klar durch ein Gerichtsurteil nachweisbar», dass bei den Vermietungen alles rechtskonform sei, mache keinen Sinn – es sei ja gar kein Gericht involviert; aufgrund der vorliegenden Informationen könne von Wucher keine Rede sein, und als Vorstandsmitglied des Hauseigentümerverbands hätte Friedli dies wissen müssen – stattdessen habe er Hofer wegen unbelegter Behauptungen geopfert; und, vor allem: Friedli hätte intern transparent informieren sollen.

Beatrice Wittwer, Mitglied des Parteivorstands, steht mit ihrem Namen zur Kritik: «Wenn Rudolf Friedli über Stefan Hofers Vergangenheit im Bild war und dies an der Parteiversammlung nicht offenlegte, dann habe ich wirklich ein Problem mit ihm.»

Egal, wie die Versammlung entschieden hätte, wäre die Partei ihrer Ansicht nach auf der sicheren Seite gewesen: «Entweder wäre Hofer nicht nominiert worden, oder man hätte offensiv kommunizieren können: Ja, wir wissen es, und wir halten ihn dennoch für geeignet. Einfach darauf zu hoffen, dass es nicht publik wird, war nicht so schlau.»

Keine Auskunft

Friedli reagierte am Donnerstag per E-Mail an Bernerzeitung.ch/Newsnet auf einen Artikel in der Donnerstagsausgabe. Darin hatte ein Geschäftspartner von Hofer kritisiert, Friedli habe diesen wegen einer «Null-Geschichte» beim «zweiten lauen Lüftchen» fallen lassen.

Für die SVP und die öffentliche Wahrnehmung mache es einen Unterschied, ob Hofer vor fast zehn Jahren irgendwo Geschäftsführer war oder ob er Geschäfte noch jetzt laufen lasse und nicht innert nützlicher Frist dargelegt werden könne, ob sie legal seien.

Auf die schriftliche Nachfrage zur Kritik an seinem Krisenmanagement schrieb Friedli, er gebe keine Auskunft mehr. «Das Thema Hofer ist für mich vorbei.»

Erstellt: 11.02.2016, 18:53 Uhr

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