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Abschied vom «Pendler-Pintli»

Das «Pendler-Pintli» fuhr gestern zum letzten Mal auf der Strecke von Bern nach Bolligen. Der 93-jährige Oldtimer verursachte hohe Unterhaltskosten. Das Führen erforderte eine Zusatzausbildung für das RBS-Personal.

Bern ab 07.53 Uhr, Bolligen an 08.02 Uhr. Das «Pendler-Pintli» nahm das letzte Mal die Strecke von Bern nach Bolligen unter die Räder. Der 93-jährige Triebwagen des RBS war bis gestern das älteste noch in regelmässigem Einsatz stehende S-Bahn-Fahrzeug der Schweiz. Nicht nur Pendler, auch etliche Anhänger des «Pintlis» haben sich für die letzte Fahrt Zeit genommen.

Solidarische Bahnfreunde

Einer von ihnen ist Daniel Gertsch. «Ein Stück Zeitgeschichte geht verloren», sagt der RBS-Angestellte. Er trägt wie seine Kollegen ein blaues Poloshirt mit dem weissem Emblem des Vereins «Ds Blaue Bähnli». Die Männer machen aus ihren Emotionen keinen Hehl. Sie bedauern, «dass einmal mehr ein Zug aus dem regelmässigen Bahnverkehr gezogen wird». Aus diesem Grund und mit der Absicht, einen anderen Oldtimer zu retten, hätten sie auch ihren Verein gegründet. «Wir sind einfach ein paar Spinner, die sich für die Erhaltung des originalen Triebwagen 36 auf der RBS-Linie von Bern nach Worb einsetzen.»

Kaffee vom Kondukteur

Das «Pendler-Pintli», das sich nun aus dem regelmässigen Dienst verabschiedet, stammt aus dem Jahr 1916. Nach einem Umbau in den Fünfzigerjahren war der Zug als Vorgänger des RBS (damals Solothurn-Zollikofen-Bern-Bahn SZB) auf der Strecke Solothurn–Bern im Einsatz. Als in den 1980er-Jahren die Öffnungszeiten der Schalter in den Bahnhöfen eingeschränkt wurden, bot die SZB vermehrt Dienste in den Zügen an: Sie förderte den Billettverkauf in den Wagen, und die Kondukteure verkauften Getränke und Esswaren. Im «Pendler-Pintli», das seinen Namen einer Umfrage bei den Fahrgästen verdankt, hatten die Zugpassagiere noch bis ins Jahr 2002 die Möglichkeit, an der Theke Kaffee zu trinken. Die letzten neun Jahre war das «Pendler-Pintli» als Entlastungszug in den morgendlichen Stosszeiten auf der Strecke Bern–Bolligen–Bern unterwegs. Obwohl der Kaffeeverkauf eingestellt wurde, behielt der Triebwagen seinen Namen.

Erstes und letztes Mal

Auf den dunklen Holztischen im Triebwagen liegen Fotoapparate. Angestellte des RBS verteilen Mandarinen und Schokolade an die Zugpassagiere. Während sich die Freunde des «Pintlis» angeregt unterhalten, sitzen die Pendler meist stumm auf ihren Plätzen. Mandarinenduft erfüllt das Wageninnere, und Schokoladenpapier liegt auf den blanken Holzbänken. Die wenigsten RBS-Fahrgäste wissen, dass sie diese Strecke zum letzten Mal im Oldtimer zurücklegen. Für jene Passagierin, die sonst nie auf dieser Strecke fährt, ist das letzte gar das erste Mal. Etliche Passagiere wissen nichts von der Geschichte und dieser historischen Fahrt.

Teil dieser Geschichte ist der Lokomotivführer Volker Sindermann. Wehmütig erzählt der 41-Jährige, warum er diese Fahrten schätzt: «Hier kann ich noch selber denken.» Der Umgang mit der Luftbremse und die Kontrolle der grossen Messanzeigen seien noch Handwerk. Seit 20 Jahren gehört er zu den zehn RBS-Lokomotivführern, die für den Oldtimerzug geschult wurden.

Für seine Anhänger wird das «Pendler-Pintli» in Reichweite bleiben. Der Triebwagen kommt in ein RBS-Depot und kann für Sonderfahrten von Privatpersonen gebucht werden.

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