Abgesang auf eine kleine Haltestelle

Ferenbalm-Gurbrü

Ferenbalm-Gurbrü war nicht nur ein Bahnhalt, sondern auch Galerie und Kulisse für einen Film. Am Samstag geht die Ära zu Ende.

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Stephan Künzi

Ferenbalm-Gurbrü. Diesen Doppelnamen muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. So vertraut er für die meisten in der Landschaft westlich der Stadt Bern sein mag, so wohltuend hallt sein Klang in den Ohren nach. Trotzdem macht seine korrekte Aussprache vielen auch hierzulande Mühe, und nicht einmal die Bähnler, die von Berufs wegen mit ihm zu tun haben, sind vor Stolperern gefeit. Wie auch immer, ab dem Fahrplanwechsel von Samstag Nacht spielt das alles keine Rolle mehr. Die kleine Haltestelle an der BLS-Linie nach Neuenburg, die ziemlich genau in der Mitte zwischen den Dörfern Ferenbalm und Gurbrü liegt, wird geschlossen.

Ferenbalm-Gurbrü. Auch Sebastian und Lukas Badenaus Karlsruhe haben sich den Namen auf der Zunge zergehen lassen. Die Zwillingsbrüder waren noch Kunststudenten, als sie 2006 mit der Bahn an eine Ausstellung nach Neuenburg reisten. Schon damals trugen sich die beiden mit dem Gedanken, eine eigene Galerie für zeitgenössisches Schaffen zu eröffnen. Als der Zug an der kleinen Haltestelle stoppte, «auf Verlangen», wie Sebastian Baden noch heute weiss, war die Idee geboren: Das Baby sollte genauso heissen. Der Doppelname versprach ein auffälliges, unverwechselbares Markenzeichen – auf Neudeutsch Branding – zu werden.

Ferenbalm-Gurbrü. Ohne Gurbrü hätte es die Haltestelle kaum je in ihrer heutigen Art gegeben. Als an der Schwelle vom 19. zum 20 Jahrhundert die Linie gebaut wurde, drängten Einwohner- wie Burger­gemeinde auf einen Standort möglichst nahe an ihrem Dorf. Statt der ursprünglich geplanten Haltestelle wünschten sie gleich einen richtigen Bahnhof. Schliesslich kam es zum Kompromiss mit den Nachbarn in Ferenbalm: In der Rütimatt wurde tatsächlich ein Bahnhof hochgezogen, ein kleines Gebäude nur mit Büro und Wartsaal sowie einer kleinen verwinkelten Dienstwohnung. Der separate Güterschuppen erinnert noch heute unverdrossen an diese Zeiten.

Ferenbalm-Gurbrü. In Karls­ruhe organisierten Sebastian und Lukas Baden Ausstellung um Ausstellung. Für ihr Projekt mieteten sie eine ehemalige Druckerei an zentraler Lage und konnten als frischgebackene Kuratoren «wertvolle Erfahrungen sammeln», wie Sebastian Baden erzählt. Zur Namenswahl sagt er nun auch inhaltlich noch etwas: Der Brand «Ferenbalm-Gurbrü Station» – richtig, nicht «Ferenbalm-Gurbrü Gallery» oder ähnlich – habe etwas vom Beweglichen, vom Vorüber­gehenden abgebildet, das einer Galerie im Gegensatz zu einem Museum innewohne. Verwechslungen nahmen die Zwillingsbrüder übrigens gerne in Kauf: Für süddeutsche Ohren tönte das ü im Namen derart türkisch, dass etliche meinten, sie hätten es mit einer Döner-Bude zu tun.

Ferenbalm-Gurbrü. Am Bahnhof muss seit je nicht allzu viel los gewesen sein. Der letzte Vorstand wurde jedenfalls schon 1970 abgezogen, fortan diente das Gebäude nur noch als Haltestelle. Dabei sollte erst jetzt, da ganz in der Nähe die Autobahn nach Murten gebaut wurde, die Post so richtig abgehen. Kies und Zement wurden Bahnwagen um Bahnwagen ins kurze Stumpengleis gestossen und dort für die letzten paar Kilometer bis zur Baustelle auf Lastwagen verladen. 

Ferenbalm-Gurbrü. Noch einmal und in ganz anderem Zusammenhang schaffte es die kleine Haltestelle in die Kulturspalten der Medien. Diesmal ging es um einen Film, konkret um eine Frau, die regelmässig dem vorbeifahrenden TGV zuwinkt und eines Tages konsterniert feststellen muss, dass der französische Superzugeine andere Route nimmt und deshalb ausbleibt. Die Geschichte erregte Aufmerksamkeit bis nach Hollywood, wurde im Frühling 2017 gar für einen Oscar in der Sparte Kurzfilm nominiert. In Tat und Wahrheit spielte sie aber zwischen Ferenbalm und Gurbrü an der BLS-Linie nach Neuenburg,wo Anwohnerin Sonja Schmid regelmässig die Lokführer grüsste und bleibende Freundschaften schloss.

Ferenbalm-Gurbrü. Schon um die Jahrtausendwende wurde immer wieder die Frage gestellt, wie sinnvoll und zeitgemäss es überhaupt sei, für die täglich rund achtzig Passagiere den Zug stoppen zu lassen. Zu allem hinzu brannte am Nachmittag des 1. April 2004 das kleine Bahnhofgebäude auch noch aus. Die Ruine wurdein der Folge abgebrochen und durch den hölzernen Unterstand aus Rüplisried-Mauss ersetzt, wo der Bahnhalt schon länger gestrichen war. Doch auch so liess sich das Ende nur hinauszögern. Schuld ist nicht allein die völlig veraltete und unkomfortable Bahn­anlage, in die eigentlich kräftig investiert werden müsste. Weil der Fahrplan auf der Linie immer dichter wird, bleibt längerfristig vor allem auch keine Zeit mehr, Ferenbalm und Gurbrü mit dem Zug zu bedienen. Diese Aufgabe übernimmt in Zukunft der Bus.

Ferenbalm-Gurbrü. Damit ist das Schicksal des Doppelnamens besiegelt, zumal mittlerweile auch die beiden Galeristen in Karlsruhe aufgegeben, sich beruflich neu orientiert haben. Vom Wohlklang, den man sich auf der Zunge zer­gehen lassen muss, bleibt so rein gar nichts mehr übrig. Von Samstag Nacht an ist er nur noch eine nostalgische Erinnerung.

Berner Zeitung

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