Ab 2016 ist die Insel-Gruppe das grösste Spital der Schweiz

Bern

Mit der Insel und der Spital Netz Bern AG fusioniert erstmals ein Universitätsspital mit Grundversorgungsspitälern. Die neue Insel-Gruppe AG setzt auf ein Versorgungskonzept, das den Medizinalstandort Bern längerfristig stärken soll.

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Sandra Rutschi

Eine Torte vom Rüeggisberger Patissier-Weltmeister Rolf Mürner, strahlende Gesichter und jede Menge Zuversicht: Die Leitung von Inselspital und Spital Netz Bern AG setzte am Donnerstag einiges daran, den Medienanlass zu ihrem Fusionsentscheid als historischen Moment zu inszenieren. Das ist der Zusammenschluss auch zweifelsohne: Die neue Insel-Gruppe AG, zu der die beiden Unternehmen auf Anfang 2016 fusionieren, wird das grösste Spital der Schweiz sein.

Zudem ist die Fusion eines Universitätsspitals mit Grundversorgungsspitälern einzigartig – nicht nur in der Schweiz, sondern auch in Europa, wie Holger Baumann, Vorsitzender der Geschäftsleitung, sagte. «Wir zeigen damit, dass wir gut aufgestellt sind für den harten interkantonalen Wettbewerb und dass wir auch international eine Vorzeigespitalgruppe haben», sagte Regierungsrat Philippe Perrenoud. 2009 hatte die Berner Regierung den Anstoss für die Zusammenarbeit der beiden Spitäler gegeben.

Abgestufte Versorgung

Die Insel ist heute eine Stiftung, die Spital Netz Bern eine Aktiengesellschaft mit dem Kanton als Hauptaktionär. Nach der Fusion wird der Kanton Minderheitsaktionär. Wer wie viele Anteile an der Insel-Gruppe AG haben werde, sei noch nicht bestimmt, sagte Baumann. Der Kanton werde genügend Einfluss auf das neue Gebilde haben, ist Perrenoud überzeugt.

Die Insel-Gruppe will wie bisher auf das Prinzip der abgestuften Versorgung setzen: Einfache Fälle werden in den Grundversorgungsspitälern in Aarberg, Münsingen, Riggisberg und Belp behandelt. Komplexere Fälle werden ins Stadtspital Tiefenau verwiesen, wo die Grundversorgung umfassender sein soll als in den übrigen Spitälern. Erst hochkomplexe Fälle gelangen schliesslich ins Inselspital. So sollen Kosten gespart und die Wege für die Patienten vereinfacht werden. Die ersten Erfahrungen mit diesem Modell seien sehr gut, sind sich die Verantwortlichen einig.

Verwaltungsratspräsident Joseph Rohrer sagte, das Angebot auf dem Land werde nicht abgebaut, sondern um zusätzliche Angebote ergänzt. Das Tiefenauspital mit der erweiterten Grundversorgung gehöre als ein «zentraler Punkt» in das abgestufte Versorgungskonzept.

Längerfristigere Vorteile

Ärzte, die in den Landspitälern arbeiten, sollen als Anreiz die Möglichkeit erhalten, auch in der Insel Aufgaben zu übernehmen. Denn auf dem Land habe man massive Rekrutierungsprobleme, räumte Baumann ein. Alle Kaderärzte, die vom Zieglerspital zur privaten Konkurrenz gewechselt hätten, seien bereits ersetzt, betonte Rohrer. «Auch die neuen Ärzte sind gut vernetzt», fügte er an. Die Gruppe verzeichne insgesamt ein Wachstum, wie das Geschäftsjahr 2014 zeige.

Eine Stärkung des Medizinalstandortes Bern, wie vom Regierungsrat gewünscht, sei nicht nur durch entsprechendes Personal möglich. Sondern auch durch Konzepte wie das abgestufte Versorgungsmodell. «Ärzte werden pensioniert oder wechseln die Stelle, ein Konzept aber bleibt. Erst in ein paar Jahren wird die Bevölkerung merken, welche Vorteile unser Modell bringt», ist Rohrer überzeugt.

«Unser Vertrauen wird auf eine harte Probe gestellt»

Dass die Zukunft der neuen Insel-Gruppe AG nicht von vornherein rosig ist, zeigen auch skeptische Stimmen von Branchenkennern. Für die Spitäler ist eine gute Zusammenarbeit mit den Ärzten in den umliegenden Praxen wichtig. Adrian Wirthner ist Leiter des Ärztenetzes Medix, dem im Kanton Bern über 120 Grundversorger angehören. Er weiss, aus welchen Gründen sich die Ärztinnen und Ärzte seines Netzes für die Zuweisung in ein bestimmtes Spital entscheiden, denn man habe dazu eine Befragung gemacht. «Am häufigsten genannt wurden in dieser Reihenfolge: Vertrauen, Kommunikation und Behandlungsqualität», teilt Wirthner auf Anfrage mit.

«Die Ereignisse um den Zusammenschluss von Inselspital und Spital Netz stellen das Vertrauen von uns Zuweisenden sicher auf eine harte Probe», meint der Hausarzt, der selbst seit 20 Jahren in Bern praktiziert. Er und seine Kollegen stünden vor einem schwierigen Entscheid: «Liegt unser Vertrauen bei der Institution, oder ist es bei den Fachkräften, die nun in andere Institutionen abgewandert sind?» Hier werde künftig jede Ärztin und jeder Arzt zusammen mit seinem Patienten entscheiden müssen, was in der individuellen Situation das Beste sei. «Die Zeit und Statistiken werden uns die Antwort geben, wie die Zuweiser entschieden haben», so Wirthner.

Die Leiter des Inselspitals und der Spital Netz Bern AG seien um ihre Aufgabe nicht zu beneiden, hält der Medix-Leiter fest und fügt an: «Man kann keine Omelette kochen, ohne Eier zu zerschlagen.»

«Grössenstrategie ist definitiv gescheitert»

Ein anderer langjähriger Kenner der Berner Spitalbranche stellt eine unerfreuliche Diagnose: «Man muss heute leider anerkennen, dass die Grössenstrategie des Inselspitals definitiv gescheitert ist.» Das sagt Peter Fischer, früherer CEO der Krankenkasse Visana und abtretender Präsident der Privatspitalgruppe Lindenhof. Fischer sagt, die Insel habe den Zusammenschluss vor allem gesucht, um zu wachsen, die Fallzahlen zu steigern und sich so unverzichtbar zu machen. «Dieses Ziel ist nach den Verlusten in den Stadtspitälern nicht mehr zu erreichen.» Zu stark habe die Insel die Autonomie der Kaderärzte der Stadtspitäler beschnitten und sie so vergrault.

Für ihn steht fest, dass das Spital mit den Ärzten auch die meisten Patienten verliere. Er stellt daher das neue Stadtspital auf dem Tiefenau-Areal infrage: «Nach dem unglaublichen personellen Aderlass, den die Spitalleitung im Tiefenau- und im Zieglerspital in Kauf genommen hat, muss man sich fragen, ob es noch vernünftig ist, ein neues Stadtspital zu bauen.»

Fischer hält fest, er sage all das als «Beobachter» und nicht im Interesse der Lindenhof-Gruppe. Diese habe ohnehin schon stark profitiert von den Zugängen aus dem Tiefenauspital. Sowieso müssten alle Berner an einer erfolgreichen Insel interessiert sein, da sie für den Medizinalstandort Bern – «eine der wenigen Stärken des Kantons» – und die Uni unverzichtbar sei. «Die Insel kann aber nur erfolgreich bleiben, wenn sie eine einigermassen partnerschaftliche Zusammenarbeit mit den öffentlichen und privaten Spitälern eingeht und nicht einen Kampf aller gegen alle provoziert.»

«Katastrophale Kommunikation»

Enea Martinelli war bis 2010 als BDP-Grossrat eine der pointierten Stimmen der Berner Spitalpolitik. Als Chefapotheker der Spitalgruppe FMI (Frutigen, Meiringen, Interlaken) kennt er die Branche von innen. Die grosse Spitalfusion in Bern beurteilte er stets skeptisch – und sieht sich heute bestätigt: «Gestärkt worden sind bisher vor allem die Privatspitäler, die Insel wurde geschwächt.» Korrigieren lasse sich das nach dem grossen Aderlass in den Stadtspitälern kaum mehr.

Martinelli sieht zwei Probleme. Es sei erstens grundsätzlich falsch, wenn die Politik – die Regierung – unternehmerische Entscheid fälle. Zweitens hätten die Spitalchefs bei der Umsetzung des Zusammenschlusses mit «katastrophaler Kommunikation gegen innen und aussen grössten Schaden angerichtet». Nicht einmal nach den erbitterten Reaktionen auf die Ankündigung der Schliessung der Geburtshilfe Riggisberg habe die Spitalleitung gemerkt, dass ein behutsameres Vorgehen nötig sei.

Im Innern habe sie vor allem den Stadtspitälern von oben herab – aus der Insel heraus – eine Strategie aufgezwungen, ohne zu versuchen, die Kaderärzte an Bord zu behalten. Völlig unterschätzt wurde aus Martinellis Sicht auch die Kommunikation mit den vielen freischaffenden Ärzten, die ihre Patienten bisher treu an die Stadtspitäler überwiesen haben.

In der Insel wisse man eben nicht, dass Patienten nicht einfach so von alleine ins Spital kommen, sondern dass man um sie kämpfen müsse. Martinellis Fazit: «Offenbar ist die Führungsetage relativ weit weg von den Realitäten des Alltags. Sie bringt ihre Strategie nicht auf den Boden.»

Berner Zeitung

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