Zwischen Currywurst und Gänsehautstimmung

Ein Fernsehkommissar, ein Radioermittler und ein Saal voller Täter: Mit der Gala «Tango Criminale» und der Verleihung der Friedrich-Glauser-Preise ging am Samstagabend Europas grösstes Krimifestival Criminale im Berner Kursaal offiziell zu Ende.

Stefanie Christ@steffiinthesky

Es ist 22 Uhr, und der Moderator kündigt eine Pause an. Zögerlich erheben sich die Gäste des «Tango Criminale». Haben sie richtig gehört? Hätte die Veranstaltung nicht um 22.30 Uhr beendet, die Glauser-Preise vergeben sein sollen? Nun, zu einer festlichen Preisverleihung, der Oscarshow für Kriminalautoren in diesem Fall, gehört eine Verspätung einfach dazu.

Die Besucher begeben sich ins Foyer des Kursaals, essen Käsekuchen und Currywurst. Die Organisatoren des Kriminetzwerks Syndikat schlagen kulinarisch den Bogen von Bern, dem diesjährigen Austragungsort des deutschsprachigen Krimifestivals Criminale, zu den zahlreichen Gästen aus Deutschland. Nicht nur die Speisekarte, auch die professionelle Bühnenshow trägt ein deutsches Gütesiegel und kommt – für Preisverleihungen in Bern gänzlich ungewohnt – ohne technische Schwierigkeiten aus. Dafür geht just zur Pause am Bierzapfhahn nichts mehr.

Zwei Stunden zuvor:Der ehemalige «Tatort»-Kommissar Laszlo Kish betritt die Bühne in jener Stadt, in der er bis 2001 Verbrechen löste. «Mit einer Auflösungsquote von 100 Prozent», verkündet er stolz. Und begrüsst die «Täterinnen und Täter» im Publikum, die mit ihren Romanen und Drehbüchern die Karriere eines Fernsehermittlers überhaupt erst möglich machten. Diese «Täterinnen und Täter» sind zahlreich erschienen und sitzen mal in Abendgarderobe, mal in ausgewaschenen Jeans in den nicht vollständig ausverkauften Reihen der Kursaal-Arena.

Es wird viel geklatscht an diesem Abend. Nach der bärbeissig-charmanten Ansprache des Organisators und Berner Autors Roger Strub. Nach den komödiantisch-musikalischen Einlagen der Trois Suisses – den selbst ernannten «Herzensverbrechern», die sich mit ihrem Klamauk zuweilen im Verbrechen am guten Geschmack üben. Nach dem für eine Gala etwas gar ausführlich geratenen Fall von Philip Maloney, live vorgetragen von Michael Schacht und Jodoc Seidel. Und natürlich, wenn die Mitorganisatorin und Zürcher Autorin Sabina Altermatt im opulenten Goldglitzerkleid die Preisträger verkündet.

Langweilig wird den Besuchern nie an diesem Abend mit Überlänge. Selbst in jenen Momenten, in denen Preisverleihungen für gewöhnlich Gefahr laufen, ins Pathetische abzudriften – während der Dankensreden –, dominiert nonchalante Professionalität. Gunter Gerlach sagt zu seinem Ehrenpreis: «Da rieseln die Dornen aus dem Hosenbein.» Susan Kreller gibt bei der Dankesrede für den Jugendkrimi zu: «Ich weiss gar nicht mehr, was ich sagen wollte. Ich hatte zu viel Wein.» Und Regina Schleheck bedankt sich nach der Verleihung des Kurzkrimipreises bei ihren Kindern und spricht dabei wohl allen Autorinnen und Autoren im Saal aus dem Herzen: «Ihr habt mich gelehrt, dass Schlaf überschätzt wird.»

Und wo bleibt die Gänsehautstimmung? Für diese sorgt Schauspielerin Charlotte Schwab, die in einer übergrossen Pappmachéausgabe von Friedrich Glausers «Wachtmeister Studer» auf der Bühne sitzt und mit ihrer rauchigen Stimme Regina Schlehecks preisgekrönten Kurzkrimi «Hackfleisch» in den Saal raunt. Die Geschichte einer Mutter, die beim Kochen feststellt, dass sie ihre Tochter nie wieder sehen wird. Plötzlich ist es mucksmäuschenstill im Saal, und die Gäste fühlen sich ein in den Horror der Protagonistin. Wie würde Philip Maloney sagen? So geht das!

Berner Zeitung

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