Belp

Zwei Vreni gehen in die Luft

BelpDie Segelfluggruppe Bern hat einen Oldtimer restauriert: die 1959 erbaute Rhönlerche HB-664. Am Samstag wurde sie auf den Namen Vreni getauft – zu Ehren von Verena Kiener. Die Geschichte zweier Damen.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Zwei Seniorinnen vor dem Comeback. Die eine ist rot-gelb bemalt, frisch restauriert, ein runder Rumpf, 13 Meter Spannweite, eine Rhönlerche, erbaut 1959. Die andere trägt Schlapphut und Sonnenbrille, sitzt im Cockpit, Verena Kiener, ehemalige Pilotin der Segelfluggruppe Bern, geboren 1938. Zusammen wollen sie zurückkehren in die Höhe, in den Luftraum über dem Flughafen Bern-Belp. Es ist Samstag, 11.30 Uhr, ein Moment der Freude für die Segelflugfreunde.

Auf dem Flugfeld hat Verena Kiener zuvor eine Flasche geöffnet und Champagner auf das Flugzeug geträufelt. Die Zuschauer applaudieren. Damit ist die Rhönlerche ein zweites Mal getauft, 55 Jahre nach ihrem ersten Flug. Damals kauften die Berner drei Flieger dieses Typs. Alle älteren Piloten der Gruppe haben auf ihnen fliegen gelernt. Der letzte dieser Vögel, die HB-664, wird nun wieder abheben, mit dem Schriftzug Vreni auf der Nase. Rund 3000 Stunden hat die Gruppe am Flugzeug gearbeitet.

Exotin auf dem Flugplatz

Ein Skywork-Flieger rast über die nahe Asphaltpiste, als sich Verena Kiener und ein Fluglehrer im Cockpit der Rhönlerche anschnallen, in einem Konstrukt aus Metallrohren umspannt mit Stoff. Vor ihr sind der Steuerknüppel und ein Brett mit drei Instrumenten; sie zeigen Geschwindigkeit, Höhe und Steigung. Ob das Flugzeug geradeaus fliegt, sieht die Pilotin am Flattern eines roten Fadens, der vorne am Cockpit angebunden ist.

Der Propeller des Schleppflugzeuges knattert. Der Tower des Flughafens hat das Okay gegeben für den Start. Langsam kommt der Flieger in Fahrt, er rollt über das Gras, vorbei an den Zuschauern und den moderneren Gleitern, bis er Auftrieb hat und aufsteigt Richtung Himmel.

Etliche Male ist Verena Kiener mit dieser Rhönlerche gestartet, jeden Flug hat sie in sorgfältiger Blockschrift in ihrem Flugbuch festgehalten. «5.8.1959» steht auf dem ersten Blatt, «16:54». Ihren ersten Flug hat sie mit einer anderen Rhönlerche absolviert, dann aber hat die HB-664 ihre Karriere eng begleitet. Den zweiten Alleinflug ist Verena Kiener in ihr geflogen, den Prüfungsflug für das Brevet, die Aufnahmeprüfung zur Fluglehrerausbildung et cetera. «Als ich diese Einträge noch einmal gelesen habe, sagte ich: Doch, ich gebe dem Flugzeug meinen Namen.»

In den 60er-Jahren war Verena Kiener als Frau eine Exotin auf dem Flugplatz, sie war sogar auf dem Titelblatt des legendären «Gelben Hefts». Später übernahm ihr Mann Albert das Präsidium des Vereins. Verena Kiener erledigte die Büroarbeiten, bildete junge Piloten aus. «Wir waren vergiftete Segelflieger», sagt die heute 75-Jährige, die in Allmendingen wohnt. 2006, als ihr Mann krank wurde, verkaufte das Paar sein Flugzeug, seither hatte Verena Kiener keine Maschine mehr gesteuert.

Spiel mit der Natur

Nach einer halben Runde über dem Flugfeld löst der Pilot des Schleppers die Leine, die Rhönlerche gleitet alleine. Einige Sekunden lang kann Verena Kiener den Flughafen von oben betrachten, dann schwenkt sie ein, Landeanflug. Dafür muss sie ein Manöver fliegen, das es mit modernen Segelflugzeugen nicht mehr braucht. Die Rhönlerche hat Bremsklappen, die kaum der Rede wert sind. Um Tempo und Höhe zu verlieren, muss sie das Flugzeug in den Gegenwind drehen. Einige Sekunden lang sieht es aus, als stehe die Maschine in der Luft.

«Ein Segelflugpilot spielt mit der Kraft der Natur», sagt Verena Kiener. Es sei ein Kräftemessen, ein Ausloten, mal ruppig, mal kaum spürbar. «Das hat mich immer fasziniert.»

Mit dem GPS unterwegs

Vor der Flugzeugtaufe präsentiert die Segelfluggruppe stolz ihren Nachwuchs, eine 21-jährige Pilotin, die dereinst Kampfjets fliegen möchte. Was auffällt: Sie spricht genau gleich über die Fliegerei, es sei «ein Fliegen mit der Natur, nicht dagegen», erzählt sie, deren Flüge man heute mit GPS-Daten live am Bildschirm mitverfolgen kann. Heute fühle sich die Steuerung eines Segelflugzeuges ganz anders an, sagt Verena Kiener. «Am Erlebnis des Fliegens hat die Technik aber nichts verändert.»

Ruhig gleitet die Rhönlerche über die Landebahn, setzt im Gras auf und schlittert noch einige Meter auf der Kufe unter dem Rumpf. Dann ist das Comeback der beiden Seniorinnen vorbei. Eine lachende Verena Kiener steigt aus dem Cockpit. «Es war herrlich. Wie vor 55 Jahren.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 14.04.2014, 13:14 Uhr

Artikel zum Thema

Doppeldecker am grauen Himmel

Bleienbach Einmal mehr vermochte die «Flügerchilbi» der Segelfluggruppe Oberaargau die Fans in Scharen nach Bleienbach zu locken. Mehr...

Marktplatz

Immobilien

Kommentare

Service

Mitdiskutieren, teilen, gewinnen.

News für Ihre Timeline.

Die Welt in Bildern

Ausserordentlicher Freestyle Wettbewerb: Expentierfreudige nehmen am «Auf-Irgendetwas-Fahren-Wettbewerb» im polnischen Bialka Tatrzanska teil. (18. Februar 2018)
(Bild: Agencja Gazeta/Marek Podmokly/via REUTERS) Mehr...