Bern

«Zumutbar» ist für die Eltern oft nicht sicher genug

BernGefährliche Schulwege sind ein Dauerthema für die Eltern. Wie das Beispiel Brünnen zeigt, können sich diese aber auch Sorgen machen, wenn der Schulweg eigentlich als «zumutbar» gilt.

Wenige Meter neben dem Tram führt Michelle Hofers Schulweg zum neuen Schulhaus Brünnen.

Wenige Meter neben dem Tram führt Michelle Hofers Schulweg zum neuen Schulhaus Brünnen. Bild: Stefan Anderegg

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Um acht Uhr morgens herrscht Hochbetrieb auf dem schmalen Fussweg, der vom Holenackerquartier in Richtung des neuen Schulhauses führt: Ein Kind nach dem anderen läuft den Kiesweg entlang, während nur wenige Meter daneben ein Tram vorbeifährt. Das Einzige, was die Kinder vom Fahrzeug trennt, ist ein zweiholmiges Geländer – «das doch eher an eine Turnstange erinnert», findet Daniel Hofer.

Der langjährige Bewohner des Holenackerquartiers ist nur einer von vielen Vätern und Müttern, deren Kinder seit drei Wochen den Unterricht im neuen Volksschulhaus Brünnen besuchen. Jeden Morgen begleitet Hofer seine Tochter Michelle zur Schule; aus Angst, dass dem Mädchen unterwegs etwas passieren könnte.

«Wenn während des Spielens ein Ball auf die Strasse rollt, kann es schnell gefährlich werden.»Daniel Hofer, Bewohner Holenacker

Doch nicht nur der Schulweg bereitet ihm Sorgen, auch die Situation vor dem Schulhaus selbst sei gefährlich. Das neu errichtete Gebäude liegt neben der stark befahrenen Murtenstrasse, die an den Ansermetplatz grenzt (siehe Karte). «Wenn während des Spielens ein Ball auf die Strasse rollt, kann es schnell gefährlich werden», sagt Hofer.

Präventive Entschärfung

Nicht nur in Brünnen, sondern auch in vielen anderen Teilen der Region Bern sind Schulwege ein Dauerthema: Anfang Schuljahr wurde etwa in Bolligen ein Lotsendienst organisiert, der die Kinder sicher über die Strasse bringt, und beim Provisorium in der Lorraine werden die Kinder neuerdings von einem städtischen Transportangebot zur Schule gebracht.

«Aus Erfahrung wissen wir, dass die Unsicherheiten bei neuen Schulstandorten meist grösser sind», sagt der stellvertretende Schulamtleiter Jörg Moor und erklärt weiter, dass jeder neue Schulweg schon im Vorfeld vom Schulamt, der Verkehrsplanung und den Verkehrsinstruktoren der Kantonspolizei analysiert wird: «Wir versuchen, die Situation immer möglichst präventiv zu entschärfen.»

Bei neuen Schulwegen unterstützen die Instruktoren die Schulen zudem durch Begehungen mit ganzen Klassen. Seit 2012 hat die Stadt ausserdem alle Fussgängerstreifen in der Nähe von Schulhäusern überprüft und deren Sicherheit erhöht (siehe Infobox).

Ein «zumutbarer» Schulweg

Tatsächlich wurden in Brünnen verschiedene Massnahmen umgesetzt: Neben der Einführung von Tempo 30 rund um den Ansermetplatz wurde auch ein Infoblatt mit den empfohlenen Schulwegen an die Eltern verteilt.

Dort werden jene Routen vorgeschlagen, auf denen die Kinder nur einen oder gar keinen Fussgängerstreifen überqueren müssen. So etwa die Kinder des Holen­ackerquartiers; sie unterqueren die Strasse in einem Fussgängertunnel (siehe Karte).

Übersichtskarte des Ansermetplatzes

Somit gilt Michelle Hofers Schulweg als «zumutbar». Welche Kriterien ein Weg konkret erfüllen muss, um diese Bezeichnung zu verdienen, erklärt ein kantonales Merkblatt: Wichtig ist einerseits sowohl die Länge als auch die zu überwindende Höhendifferenz.

Beide Kriterien erfüllen die Routen zum Schulhaus Brünnen: Die Kinder erreichen ihre Schule alle in weniger als 30 Minuten. Andererseits dürfen sich keine schwierigen Übergänge auf dem Weg befinden und alle Strassen müssen mit einem Trottoir versehen sein.

Die Eltern sind verantwortlich

Obwohl der Schulweg ihrer Kinder als zumutbar gilt, wünschen sich die Eltern in Brünnen weitere Massnahmen: etwa ein zusätzlicher Fussgängerstreifen zu Beginn des Ansermetplatzes oder die Errichtung eines dichten Zaunes zwischen dem Fussweg und den Tramgleisen. Letzterer Vorschlag unterbreitete Daniel Hofer dem kantonalen Tiefbauamt. Dieses antwortete, dass die Massnahme im Rahmen einer Wirkungsanalyse geprüft werde.

«Anregungen der Eltern werden ernst genommen und zusammen mit einem Verkehrsplaner geprüft», versichert Jörg Moor. Die Verantwortung für den Schulweg liege aber grundsätzlich bei den Eltern. Deshalb empfiehlt das Schulamt, den Weg zusammen mit den Kindern abzulaufen und sie bewusst auf die Gefahren hinzuweisen.

Diesem Vorschlag kommen aktuell die meisten Eltern der Schulkinder im Brünnenschulhaus nach und begleiten ihre ­Kinder – wenn auch nicht ganz freiwillig, wie eine Mutter sagt: «Gerne würde ich meine Kinder wie früher selber zur Schule schicken. Das ist aber momentan einfach zu gefährlich.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 05.09.2016, 20:23 Uhr

Für sichere Schulwege

2012 stellte die Stadt Bern in einer Analyse fest, welche der rund 500 Fussgängerstreifen in Schulhausnähe überarbeitet werden müssen.
An rund 200 Fussgängerstreifen waren keine Massnahmen nötig. Alle restlichen Fussgängerstreifen wurden in der Zwischenzeit von den Verkehrsplanern überprüft: Bei rund 30 Prozent der Fussgängerstreifen wurden ein­fachere Massnahmen umgesetzt, wie etwa das Anbringen von Pfosten oder das Versetzen von Parkfeldern.
«Aktuell werden jene Fussgängerstreifen bearbeitet, die einen grösseren Aufwand verursachen oder die mit grösseren Projekten zusammenhängen», informiert Jörg Moor.

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