Bern

Zu Besuch im «Gespensterhaus» an der Junkerngasse

BernÜber das unbewohnte Gebäude an der Junkerngasse 54 in Berns Altstadt gibt es unzählige Spukgeschichten. Durch das Adventstürchen vom 23. Dezember treten wir ein in das sonst verschlossene «Gespensterhaus».

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Ein Kratzen und Stöhnen soll nachts in diesem Haus ertönen. Eine schwarz gekleidete, wesenlose Frau soll durch die Räume streifen und hinter ihr ein kalter Lufthauch wehen. Pferde im Stall sollen hier schon nach wenigen Stunden nervös und verrückt geworden sein. Und wer es je wagte, hier zu übernachten, hatte Glück, wenn er nicht die Sprache und den Verstand verlor – oder gar das Leben.

Unzählige Geschichten und Legenden ranken sich um das alte Haus an der Junkerngasse 54 in Bern. Auch einen Film von Gotthelf-Regisseur Franz Schnyder gibt es zum «Gespensterhaus». Bis heute steht das mittelalterliche Haus an bester und teuerster Wohnlage in der Altstadt leer. Das hat weniger mit seinen Geistern zu tun als mit seiner Geschichte.

1934 ging das Gebäude mit dem noblen Von-Wattenwyl-Haus auf der andern Strassenseite in den Besitz der Eidgenossenschaft über. Ein Blick in sein Inneres sei «höchst unspektakulär», warnt Kunsthistorikerin Monica Bilfinger vom Bundesamt für Bauten und Logistik. Höchst egal, finden wir – und wollen trotzdem rein. Wir öffnen die dicke, grau bemalte Holztür des sagenumwobenen Hauses.

Weder schön noch gruselig

Vom Gang führt eine knarrende alte Eichentreppe in den ersten Stock. Auf dem alten Riemen-holzboden stehen ein paar weisse Tische. Sie sind zu einem grossen Sitzungstisch geformt und umringt von Stühlen aus hellem Holz. Es sieht hier weder schön noch gruselig aus, alles wirkt ziemlich nüchtern und provisorisch. «Wir nutzen das Haus nur ab und zu für Ausstellungen bei Architekturwettbewerben», sagt Monica Bilfinger. Für einen Ausbau sei es nicht geeignet. «Dafür ist es viel zu dunkel und zu klein», findet sie.

Tiere, Wein und Heu

In einem Kabäuschen neben der Treppe ist eine Toilette untergebracht. «Die wurde frühestens um 1920 eingebaut», erklärt Bilfinger. Genau das ist für sie der springende Punkt. Bilfinger ist auf historische Innenausstattungen spezialisiert. «Das Haus war ganz klar nie an die mittelalterliche Kanalisation angeschlossen.» Auch Hinweise auf eine Küche sucht man vergebens. Zudem gibt es sonst kaum Altstadthäuser mit nur einem Zimmer pro Geschoss.

«Mit Sicherheit war dieses Gebäude immer unbewohnt», sagt Bilfinger. Es habe als Stall und Vorratsraum für das Von-Wattenwyl-Haus gedient – und im Mittelalter als Stallung und Aussenkeller für das Stadthaus des Klosters Interlaken. Dieses war eines von drei Häusern, aus dem später das Von-Wattenwyl-Haus entstanden ist. Heute ist im Erdgeschoss eine Garage eingebaut. Früher standen dort Pferde im Stall. Wein, Heu und Vorräte für den Winter seien in den oberen Stockwerken gelagert worden, erzählt Bilfinger. Höchstens Arme und Landstreicher, die ein Nachtlager suchten, hätten hier geschlafen. Eine Zeit lang habe wohl auch ein Knecht im Haus gelebt. Daran erinnert ein alter Ofen im ersten Stock.

Ratten und Mäuse

Für die Gespenstergeschichten ums Haus interessiert sich Bilfinger kaum. Sie sammelt sie nicht. «Ein unbewohntes Haus bietet natürlich viel Raum für Gerüchte», startet sie einen Erklärungsversuch. Gespukt hätten aber wohl vor allem Ratten und Mäuse.

Rauf gehts in den zweiten Stock. Ein paar Stellwände sind fix im Raum montiert. Neonröhren hängen an der Decke. Ganz zuoberst im Haus steht es dann: das Gespenst. In einer Ecke. Ein weisses Leinentuch und eine weisse Maske schön drapiert. «Es ist seit ewig hier», sagt Monica Bilfinger. Wer es hingestellt hat, weiss auch sie nicht. Wirklich Altes gibt es im Innern des Hauses kaum mehr. Oben angekommen, ist man tatsächlich ernüchtert. So auch der ehemalige Bündner Denkmalpfleger Hans Rutishauser: «Ich bin um eine Illusion ärmer.» Er habe sich das alles viel Dramatischer vorgestellt. Auch ihm ist das «Gespensterhaus» ein Begriff. Immer, wenn er an ihm vorbeigegangen sei, habe er durch die Fenster gespäht. «Nüchtern bis zum Bach runter ist das alles», zieht er nun Bilanz.

Trügerische Fassade

Ein grosses Rätsel um das Haus aber bleibt: seine Fassade. Warum spiegelt sie ein Wohnhaus vor? Das lasse sich bis heute nicht erklären, sagt Monica Bilfinger.

Auch um die Fassade des Hauses rankt sich eine Geschichte: Zwischen zwölf und ein Uhr nachts sah hier so mancher die Fensterläden aufgehen. Eine Frau ohne Kopf erschien. Und soll schauerlich gelacht haben. (Berner Zeitung)

Erstellt: 23.12.2010, 08:04 Uhr

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