Zollschutz gegen EU-Zuckeroffensive

Die Bauern wollen billigen Zucker aus der EU mit höheren Zöllen verteuern. Die einheimische Lebensmittelindustrie warnt vor den Folgen.

<b>Der Preis</b> für die Zückerchen aus Aarberg soll konkurrenzfähig bleiben.

Der Preis für die Zückerchen aus Aarberg soll konkurrenzfähig bleiben. Bild: Peter Klaunzer/Keystone

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«Schweizer Zucker, weil aus der Schweiz!»: Der vor fast zehn Jahren geprägte Werbeslogan hat sich in den Köpfen eingeprägt. Doch jetzt droht das Aus für das süsse Produkt aus einheimischen Rüben. So düster jedenfalls sehen es die Bauern und die Verarbeiterin von deren Ernte. Sie luden darum zu einer Medienkonferenz in eine der beiden Schweizer Zuckerfabriken nach Aarberg.

Den Schuldigen für das Malaise fanden sie im Ausland: Die EU hob im September die Produktionsbeschränkung für den Zuckerrübenanbau auf. Es wird erwartet, dass die EU künftig bis zu 20 Prozent mehr Zucker herstellen wird.

Fallende Preise

Die EU wird so von einer Importeurin zu einer Exporteurin von Zucker – der zunehmend auch in die Schweiz gelangt. Die Folge: Der Preis zerfällt. Guido Stäger, Geschäftsführer der Schweizer Zucker AG, erläuterte gestern, was man dagegen unternimmt: Einerseits baue man Personal ab, anderseits würden «Abfallprodukte» in Wert gesetzt. Zum Beispiel entstehe daraus Blumenerde oder Energie. Doch nun sei die Schmerzgrenze erreicht: «In diesem Jahr ist in der Schweiz der Preis pro Tonne raffinierten Zucker unter 600 Franken gesunken.» In der EU liegt der Preis bereits bei rund 400 Franken pro Tonne.

500 Schweizer Rübenpflanzer haben im letzten Jahr aufgegeben. Die Ernte der verbliebenen 5000 reicht bereits nicht mehr, um die beiden Schweizer Zuckerfabriken in Aarberg und Frauenfeld TG, die zu etwas mehr als einem Drittel den Rübenpflanzern gehören, auszulasten. Darum werden inzwischen auch in Deutschland angebaute Rüben verarbeitet.

«Die Schmerzgrenze ist erreicht.»Guido Stäger, Geschäftsführer
Schweizer Zucker AG

Die Schweizer Zucker AG produziert pro Jahr rund 260 000 Tonnen Zucker. Das ist etwas mehr als die Hälfte des in der Schweiz konsumierten Zuckers, Tendenz sinkend. Eine Schliessung einer der beiden Standorte steht laut Geschäftsführer Stäger aber noch nicht zur Diskussion.

Politik soll es richten

So weit will es Markus Ritter, Präsident des Schweizer Bauernverbands und Thurgauer CVP-Nationalrat, auch nicht kommen lassen. Jetzt müsse die Politik einschreiten, fordert er. Höhere Zölle sollen das inländische Preisniveau stützen. Der von der Welthandelsorganisation gewährte Spielraum werde bei weitem nicht genutzt. An der Grenze würden nur rund 50 Franken Zoll auf eine Tonne importierten Zucker geschlagen, die EU im Gegenzug erhebe einen Zoll von 400 Franken. Ein Zoll, der den Preis wieder auf 600 Franken pro Tonne anhebe, verteuere eine Schokoladentafel um bloss 5 Rappen. Zuckerfabrikant Stäger hält das für verkraftbar.

Dass die Bauern nun die Politik einschalten, hat einen Grund: Die Lebensmittelindustrie, die einen grossen Teil des Zuckers abnimmt, bekämpft höhere Zölle. Sie ist auf Rohstoffe angewiesen, die nicht teurer sind als jene der Konkurrenz. Die Schweiz achtet darum seit 2005 darauf, dass der Zuckerpreis etwa gleich hoch wie in der EU ist. Sollte nun davon abgerückt werden, wäre dies schlecht für die Industrie, sagt Urs Furrer, Co-Geschäftsleiter der Föderation der Schweizer Nahrungsmittel-Industrien.

Widerstand der Nahrungsmittelindustrie

Furrer stellt der Rechnung der Bauern eine eigene gegenüber: Die Schokoladenproduzenten verarbeiteten 70 000 Tonnen Zucker pro Jahr. Die angestrebte Preisdifferenz zur EU von 200 Franken pro Tonne bedeute Mehrkosten von jährlich 14 Millionen Franken. Das sei ein «grosser Posten», der die bestehenden Preisnachteile gegenüber der ausländischen Konkurrenz verstärke. Bei den Bonbonherstellern falle der Zuckerpreis noch stärker ins Gewicht. Für Furrer kommt ein höherer Grenzschutz darum nicht infrage. Wenn schon solle der Bund den Bauern die Preisdifferenz via Direktzahlungen vergüten.

Dieser hat die sogenannten Einzelkulturbeiträge jedoch schon auf 1800 Franken pro Hektare erhöht. Bauernpräsident Ritter hält diesen Weg für falsch. Der Bundesrat wolle von solchen produktgebundenen Beiträgen wegkommen. «Wenn er hier darauf setzt, widerspricht er sich.» Importe «zu Dumpingpreisen» an der Grenze zu verhindern, sei billiger. Ritter erwartet, dass der Nationalrat einem entsprechenden Vorstoss, den er bereits einmal guthiess, erneut zustimmt. Dies würde den bisher skeptischen Ständerat unter Zugzwang setzen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.02.2018, 09:04 Uhr

Guido Stäger, Geschäftsführer der Schweizer Zucker AG. (Bild: Keystone )

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