Bern

Wo die Ärmsten der Armen aufwuchsen

BernDie Geschichte des Arbeiterquartiers im Berner Wylerfeld ist erstmals in Buchform erschienen. Andreas Blatter, Fotograf der Berner Zeitung, hat mit Zeitzeugen gesprochen und seltenes Bildmaterial entdeckt.

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«In engen, dunklen Räumen, die den Besucher durch ihr schmutziges Aussehen von vorneherein abstossen, leben ganze Familien dicht zusammengedrängt» So schildert 1889 der Berner Stadtpräsident und Armendirektor Eduard Müller die städtische Wohnungsnot. Die Folgen sind laut Müller «frühzeitiges Siechtum, Krankheiten aller Art, Zank und Unzufriedenheit». Und dann gibt es noch jene, die gar kein Dach über dem Kopf haben: 1889 sind in der Stadt Bern 421 Obdachlose registriert. Ganze Familien «wohnen» im Bremgartenwald. Die Einwohnerzahl hat sich in den letzten fünfzig Jahren mehr als verdoppelt, 1889 sind es 50'000.

Wohnungen für 98 Familien

Die Stadtbehörden handeln rasch, aus Furcht vor Cholera- und Typhus-Epidemien einerseits, aus Angst vor politischen Unruhen andererseits. Gemeinde- und Stadtrat initiieren den Bau eines «Quartiers billiger Wohnungen auf dem Wyler-feld.» Ab 1890 werden – im Trapez der Stand-, Stauffacher-, Wylerring- und Scheibenstras-se – etappenweise über 30 einfache Häuser gebaut, Raum für 98 Wohnungen, die Minderbemittelten «ein einfaches, aber würdiges Leben ermöglichen». Eine Zweizimmerwohnung mit Küche und Estrich, ohne Strom und ohne fliessendes Wasser, kostet monatlich 20 Franken Miete. Wasser zum Kochen und Waschen kann von Brunnen bezogen werden, sieben werden im Quartier installiert. Und zu jedem Haus gehört ein Garten, damit sich die Familien zum grössten Teil selbst versorgen können – und damit Kinder einen Ort zum Spielen haben.

Die Gesamtkosten für die Arbeitersiedlung inklusive Landkäufen belaufen sich auf knapp über 450'000 Franken, die Erstellungskosten pro Wohnung rund 4600 Franken. Die 20 Franken Miete sind für viele kinderreiche Familien viel Geld. Ein Handlanger bringt es Ende des 19.Jahrhunderts auf monatlich rund 80 Franken. Viele Mieter sind deshalb gezwungen, trotz engster Raumverhältnisse zusätzliche Untermieter einzuquartieren.

Erster sozialer Wohnungsbau

«Das Arbeiterquartier im Wylerfeld war schweizweit der erste soziale Wohnungsbau», sagt Andreas Blatter, Fotograf der Berner Zeitung (BZ). Er hat die Geschichte dieses legendären Quartiers jahrelang recherchiert und sie in Buchform erstmals herausgegeben. Blatter ist in Archive gestiegen und hat mit zahlreichen ehemaligen Wylerhüsli-Bewohnerinnen und -Bewohnern gesprochen, die im Buch zu Wort kommen. Viele litten nicht nur unter primitivsten Wohnverhältnissen, sondern auch darunter, dass sie als Wylerhüsli-Kinder von anderen gemieden wurden.

Der Autor hat während seiner Recherchen auch zahlreiches, bisher unveröffentlichtes Bildmaterial zutage gefördert. «Fotos vom Wylerfeld sind rar», sagt Blatter, «die Bewohner konnten sich keine Kamera leisten, geschweige denn Abzüge machen lassen.» Und die Öffentlichkeit sei auch nicht darauf erpicht gewesen, das harte Leben in diesem Ghetto zu dokumentieren. Ab 1950 wurden die Wylerhüsli systematisch abgerissen. Andreas Blatter wuchs in unmittelbarer Nähe der Wylerhüsli auf. «Als Dreikäsehoch wurde ich um 1956 Zeuge, wie ein weiterer Teil der Wylerhäuser vom Bagger flach gemacht wurden, das letzte verschwand 1972.

Und er ärgert sich: «Dass ausgerechnet ich als werdender Pressefotograf es versäumt habe, das in Etappen sterbende Arbeiterquartier fotografisch zu dokumentieren, ist ein unausradierbarer Tolggen in meinem Reinheft.» Er habe nirgends ein Bild vom Abbruch der Häuser gefunden. «Aber ich bin fast sicher, dass – kaum ist das Buch erschienen – irgendwo eines auftaucht.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 30.11.2011, 09:37 Uhr

Andreas Blatter, BZ-Fotograf und Autor des Buches «Wylerhüsli». (Bild: zvg)

Das Buch

«Wylerhüsli», Andreas Blatter, Fr.25.–. Erhältlich in der Lorraine-Quartierbuchhandlung Sinwel oder unter www.wylerhuesli.ch.

Vom 8.2. bis 3.3.2012 zeigt die Galerie Kornhausforum eine Fotoausstellung zu den Wylerhüsli.

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