Wie Bauern die Wanderer schützen

Oberbalm

Es gibt immer mehr Mutterkühe. Führen Wanderwege über ihre Weiden, kann es zu Konflikten mit Menschen kommen. In Borisried bei Oberbalm haben die Bauern zusammen mit den Wanderwegverantwortlichen nach Lösungen gesucht.

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Marina Bolzli@Zimlisberg

Übermütig hüpfen die Kälber über die steile Weide. Hie und da raufen sie kurz, stossen die Köpfe gegeneinander, finden spielerisch heraus, wer stärker ist. Die Mütter grasen friedlich um den Nachwuchs herum. Von den Wanderern nehmen sie an diesem windigen Tag in Borisried bei Oberbalm kaum Notiz. Der Wanderweg führt direkt am Zaun entlang. Bis vor kurzem ging er offiziell noch quer durch die Weide. Nun wurde der Weg auf Antrag von Bauer Adrian Maurer verlegt.

Einen schlimmen Vorfall zwischen seinen Mutterkühen und Wanderern hat Maurer zwar nie erlebt, aber es gab «brenzlige Situationen». Zum Beispiel, als eine Wanderin mit Hund die Weide von oben habe queren wollen. «Wir sassen auf der Terrasse beim Haus und hörten einen Hund kläffen», erzählt der Bauer, «der Hund sprang wild um die Kühe herum.» Plötzlich seien drei oder vier Kühe auf die Frau losgegangen. Sie habe sich unter dem Zaun hindurch auf die nächste Weide retten können.

Hunde als Unruhestifter

Wanderer mit Hunden sind bei Mutterkühen das grösste Problem, darin sind sich Bauern und Wanderwegverantwortliche einig. «Begleithunde darf man nicht streunen lassen», sagt Hans Ueli von Gunten, technischer Leiter der Berner Wanderwege. Denn Mutterkühe fühlen sich durch Hunde bedrängt und wollen ihre Kälber verteidigen. Falls eine Kuh angreife, sei es aber in jedem Fall besser, den Hund von der Leine zu lassen, damit die Wanderer nicht zwischen die Fronten geraten.

Vorfälle mit Folgen gibt es laut von Gunten glücklicherweise nur sehr selten (siehe Kasten). Trotzdem sind die Berner Wanderwege immer häufiger mit dem Problem konfrontiert: Denn die Zahl der Bauern, die Mutterkühe halten, nimmt stetig zu. «Im besten Fall wenden sich Bauern, durch deren Felder Wanderwege führen, schon an uns, wenn sie auf Mutterkühe umstellen», sagt von Gunten. So wie es in Borisried gleich mehrfach geschehen ist.

Herbstweide als Problem

Adrian Maurer hat vor neun Jahren umgestellt. Die Umzäunung der normalen Tagesweide und dadurch die Umleitung des Wanderwegs in Absprache mit den Berner Wanderwegen nahm er sofort vor. Es war eine provisorische Lösung. Mehr Sorgen bereitete ihm aber die Situation im Herbst: Nach dem zweiten Schnitt des Heus liess er nämlich die Mutterkühe nicht nur auf einem Teilstück, sondern am ganzen Hang grasen – und hier war eine provisorische Umleitung nicht so einfach möglich. Er behalf sich damit, dass er für die Wanderer einen Gang auszäunte und die Kühe entweder links oder rechts davon weiden liess.

Vor anderthalb Jahren sass er schliesslich mit dem zuständigen Oberbalmer Gemeinderat Ernst Hunziker und mit den Verantwortlichen des Kantons und der Berner Wanderwege zusammen. Er wollte eine definitive Lösung. In Zukunft können die Wanderer von Hinterberg Richtung Stöckli und Schulhaus Borisried nicht mehr quer durch die Wiese auf die Erschliessungsstrasse nach Borisried steigen, sondern sie müssen dem Feldweg folgen, der neben dem Weidegebiet vorbeiführt. Das ist ein Umweg von gut hundert Metern für die Wanderer – und eine grosse Erleichterung für Adrian Maurer.

«Ja, ich hatte schon Angst», sagt er. Eigentlich würde er «die Hand ins Feuer legen», dass keine seiner Kühe auf einen Menschen losgehe. «Aber wenn ein Hund im Spiel ist, sieht die Situation anders aus», sagt er. Und auch Kühe mit Kälbern unter zwei Monaten seien ein Risiko.

Umzäunen als Lösung

Landwirt Peter Rolli liess es gar nicht darauf ankommen. Er lebt ebenfalls in Borisried und hat im Herbst 2011 auf Mutterkühe umgestellt. Gleichzeitig informierte er Gemeinderat Ernst Hunziker über die neue Situation. Der Wanderweg, der über seine Weide führt, ist der einzige Fussweg nach Hinterfultigen – eine direkte Fahrstrasse gibt es keine.

Kurz diskutierten die beiden Männer darüber, ob man den nur wenig begangenen Weg allenfalls ganz aufheben könnte – denn eine Umleitung war nicht möglich. Doch das hätten Hunziker und Rolli beide schade gefunden. «Das ist unsere einzige Verbindung nach drüben», sagt Rolli. Schliesslich fand man wiederum in Absprache mit den Berner Wanderwegen eine schnelle und pragmatische Lösung.

Der Wanderweg führt nun von Rollis Hof weg quer durch seine Weide. Den Weg entlang hat der Bauer einen Zaun aufgestellt. Und je nachdem, ob Rollis Kühe gerade links oder rechts weiden, wird der Wanderer auf die entsprechend andere Seite gelenkt. Beklagt haben sich die Wanderer darüber noch nie – und Peter Rolli kann seine Kühe ruhigen Gewissens weiden lassen. «Wir haben liebe Kühe», sagt er, «doch man weiss auch bei denen nie.»

Berner Zeitung

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