«Wir sehen, was wir gemacht haben»

Ostermundigen

Handwerkliche Berufe sind immer weniger beliebt. Mit einer Berufstour will Ostermundigen Gegensteuer geben. Dort lernen die Siebtklässler zum Beispiel, dass ein Strassenbauer nicht nur Strassen baut.

Ausbildner Bernhard Kegel (rechts) erklärt den Ostermundiger Siebtklässlern sowie Gemeinderat Henrik Schoop (Dritter von rechts) den Beruf des Strassenbauers.

Ausbildner Bernhard Kegel (rechts) erklärt den Ostermundiger Siebtklässlern sowie Gemeinderat Henrik Schoop (Dritter von rechts) den Beruf des Strassenbauers.

(Bild: Andreas Blatter)

Die Siebtklässler staunen. Zum Beispiel, als sie erfahren, dass ein grosser Abbruchbagger um die 800'000 Franken kostet. Dass der Vibrator, mit dem der frische Beton verdichtet wird, deutlich schwerer ist, als er aussieht.

Oder dass man im ersten Lehrjahr als Strassenbauer 1200 Franken pro Monat verdient. «Und wie viel nach der Lehre?», fragt einer der Schüler. «Etwa 5500 Franken, in den ersten drei Jahren gibt es aber eine kleine Reduktion», antwortet Bernhard Kegel. Die Schüler machen grosse Augen: «Pooah, nicht schlecht.»

Bernhard Kegel ist Leiter Kundenarbeiten und Ausbildungsverantwortlicher bei der Kästli Bau AG. Diese hat am Montag mit 24 anderen Firmen bei der ersten Ostermundiger Berufstour mitgemacht. Gruppenweise haben die 120 Siebtklässler unterschiedlichste Betriebe besucht.

Bei der Kästli AG lernen sie den Beruf Strassenbauer kennen. «Bei uns sieht man am Abend, was man tagsüber gemacht hat», erklärt ihnen Kegel. Wer sich für diesen Beruf entscheide, müsse unter anderem rechnen können. «Warum?», will ein Siebtklässler wissen. «Zum Beispiel, damit man die Masse auf den Plänen richtig umsetzen kann.»

Verstärkung aus Spanien

«Steigt ein», sagt Bernhard Kegel und öffnet die Schiebetür des bereitstehenden Kleinbusses. Er fährt mit den Jungs nach Bolligen. Hier bauen die Kästli-Mitarbeiter, nein, keine Strasse. Sie erstellen eine Lärmschutzwand aus Steinkörben, betonieren Mauern und Treppen. Kegel erklärt die Arbeiten, die auch ein gutes Krafttraining seien. «Manch einer war zu Beginn der Lehre so schmal wie ein I und hatte am Schluss so kräftige Oberarme, dass er aussah wie ein Y.» Die Jungs schmunzeln.

Laut dem Baumeisterverband entscheiden sich im Kanton Bern pro Jahr rund 50 Jugendliche für eine Lehre als Strassenbauer. Die Unternehmen haben aber zunehmend Mühe, Lehrlinge zu finden (siehe Kasten). Deshalb versuchen sie zum Teil sogar, in Spanien oder Portugal Stifte zu rekrutieren – etwa Cousins von bestehenden Mitarbeitern. Die Ostermundiger Berufstour solle helfen, die Bedenken der Jugendlichen gegenüber handwerklichen Berufen abzubauen, sagt der für die Bildung verantwortliche Gemeinderat Henrik Schoop.

Tiefere Anforderungen

Die Kästli Bau AG blieb vom Lehrlingsmangel bisher verschont. Rund 300 Mitarbeitende zählt die Firma, ein Dutzend davon sind Lehrlinge. Man habe stets alle Stellen besetzen können, erzählt Bernhard Kegel, der seit drei Jahrzehnten Lehrlinge betreut und auch als Prüfungsexperte wirkt.

Die Leistungsbereitschaft habe aber allgemein abgenommen, sagt er. «Wir mussten die Anforderungen für die Abschlussprüfung tiefer ansetzen, damit genügend Lehrlinge bestehen.» Er beobachtet regionale Unterschiede: «Jugendliche aus ländlichen Gebieten sind es eher gewohnt, anzupacken.»

Auch die Ostermundiger Siebtklässler würden den Beruf Strassenbauer nicht von vornherein ausschliessen. Gut sei der Besuch bei der Kästli AG gewesen, sagen sie, verabschieden sich von Bernhard Kegel – und einer der Jungs putzt sorgfältig die modischen Turnschuhe, die beim Baustellenbesuch etwas staubig geworden sind.

Berner Zeitung

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