Schwarzenburg

«Wir leben im Überfluss»

SchwarzenburgDas neue Jahr hat begonnen, und viele möchten sich von Altlasten trennen. Mit ihrem Aufräum- und Sortierservice hilft Jolanda Zürcher allen Chaoten und Putzmuffeln aus der Klemme.

Ordnung muss sein: Jolanda Zürcher hilft mit ihrem Aufräum- und Sortierservice beim gemeinsamen systematischen Aufräumen von überladenen Haushalten.

Ordnung muss sein: Jolanda Zürcher hilft mit ihrem Aufräum- und Sortierservice beim gemeinsamen systematischen Aufräumen von überladenen Haushalten. Bild: Franziska Rothenbuehler

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Berge von alten Zeitungen, Gläsern, Puppen und allerlei Erinnerungen aus längst vergangener Zeit. Überfüllte Schränke mit ­unzähligen Stiften, Kleidern oder alten Handarbeiten in Hülle und Fülle. Was für einen Aussenstehenden einer häuslichen Mülldeponie gleicht, ist für die Besitzerin ein Reich an Erinnerungen und Geschichten, verbunden mit unzähligen dieser unscheinbar wirkenden Gegenstände.

Mitten in diesem Chaos steht eine zierliche Frau im Kampf für die Ordnung: Jolanda Zürcher. Sie selber hält zwar in ihrer eigenen Wohnung pingeligst Ordnung, trifft solche überfüllten Haushalte jedoch regelmässig bei ihrer Arbeit an. Die im Appenzellerland ge­borene Zürcherin hilft seit rund einem Jahr Leuten, die keine Zeit oder Energie zum Aufräumen in den eigenen vier Wänden haben.

«Wir führen ein Leben im Überfluss. Dies entspricht dem heutigen Zeitgeist», sagt die 48-Jäh­rige. Dabei bräuchten wir so wenig, um glücklich zu sein. «Das Schwierigste ist das Loslassen von Sachen, die man schon lange nicht mehr braucht», so Zürcher.

Mit ihrem Aufräum- und Sortierservice «AIO – Alles in Ordnung» wühlte die zweifache Mutter schon in vielen Schränken ­herum. «Ich habe bereits mit Kindern, Familien, Senioren oder auch Firmen zusammengearbeitet.» Angenehm war das gemeinsame Aufräumen gegen Entgelt selten. «Vielen ist ihre Unordnung sehr unangenehm, und sie fühlen sich anfangs überfordert», sagt Zürcher.

Den Ursprung finden

Oft übernimmt Zürcher eine Art Seelsorgerrolle. Durch intensive Gespräche finde sie den Ursprung der Unordnung. Ausserdem müsse sich ein inniges ­Vertrauensverhältnis zwischen ihr und den Personen, denen sie hilft, ent­wickeln. «Ich sehe mich als Begleiterin bei den systematischen Aufräumarbeiten», sagt Zürcher.

Oftmals ist eine Mutter mit den Kindern und dem Haushalt überfordert, Kinder wollen ihre Zimmer nicht aufräumen, oder ältere Personen bleiben in alten Zeiten stecken. Dann kommt Zürcher und findet in 30 bis 40 Stunden heraus, von was sich ihre Klientel zur eigenen Entlastung trennen kann und wie man den Rest der Sachen richtig sortiert.

Aufgeräumt wird meist einen halben oder einen ganzen Tag in der Woche. Die Arbeit koste sehr viel Kraft. «Wenn man einmal losgelassen hat und sich vom Überfluss trennt, verspürt man eine unglaubliche Freiheit», ist sich Zürcher sicher. Es sei ­wundervoll zu sehen, wie die Hilfesuchenden während des Aufräumprozesses plötzlich voller Leichtigkeit von allein aufräumen und ausmisten würden.

Sie sei zwar schon in einigen Wohnungen in miserablem Zustand gewesen, aufgegeben habe sie aber noch nie. «Das wäre nur möglich, wenn ich und der Kunde als Team nicht harmonieren ­würden.» Oder wenn sie spüren würde, dass die Person noch nicht so weit ist, um etwas an ihrer Si­tuation zu ändern.

Putzteufel seit ihrer Kindheit

Trotz all ihrer Fürsorge übernimmt Zürcher nicht die ganze Arbeit ihrer Kunden: «Das Entsorgen der Waren überlasse ich den Personen selber.» Auch bei auslaufenden Flüssigkeiten oder Schimmel in den Häusern und Wohnungen höre ihre Kompetenz auf. «Für solche Aktionen müsste ein Profi mit einem Schutzanzug ran», sagt Zürcher.

Seit ihrer frühen Kindheit räumte sie freiwillig und mit Freude zu Hause auf. Diese Aufräumlust zog sich durch ihr ­weiteres Leben hindurch. Diese Leidenschaft half ihr, sich immer wieder von eigenen Lasten zu ­befreien und Ordnung in sich ­selber zu schaffen. «Ich wollte dieses Gefühl weitergeben und mit Menschen zusammenarbeiten», erinnert sich Zürcher. So kam es zu ihrer Geschäftsidee.

Gesunden Abstand halten

«Mit meinen beiden Söhnen, dem 12-jährigen Timo und dem 10-jährigen Nico, führe ich in der ersten Januarwoche immer einen Jahresputz durch», verrät sie. Sie entsorgen selber alle Sachen, die sie nicht mehr brauchen, und schaffen Ordnung in ihren Zimmern.

Jolanda Zürcher ist auch hier in der begleitenden Position. «Die beiden freuen sich jedes Jahr aufs Neue auf die Aufräumaktion.» Ihr Mann Martin stärkt ihr den Rücken, damit sie die privaten Geschichten ihrer Kundschaft nicht zu nah an sich her­anlässt: «Ich versuche die Waage zwischen vertrauter Nähe und gesundem Abstand zu halten.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 13.01.2018, 09:10 Uhr

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