«Wir haben über eine Einstellung des Flugbetriebs diskutiert»

Belp

Die finanzielle Lage von Skywork war gravierender als bisher bekannt: Das räumt der neue Firmenchef Rolf Hartleb im Interview ein. Mit dem Luftfahrt-Dienstleister MHS Aviation will die Airline das Ruder herumreissen.

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Jon Mettler@jonmettler
Stefan Schnyder@schnyderlopez

Sie waren Kampffliegerpilot der deutschen Bundeswehr. Jetzt werden Sie Skywork-Chef. Lieben Sie das Risiko?
Rolf Hartleb: Ein Kampfpilot hat doch kein Risiko. Die fliegen genauso sicher wie Linienpiloten. Ich liebe das Risiko nicht speziell. Bei Skywork ist dank der Partnerschaft mit MHS Aviation der Winterflugplan 2013/2014 auf jeden Fall gesichert.Und wir sind bereits an der Planung für den Sommerflugplan 2014. Sollte sich der Ölpreis verdoppeln oder ein Vulkan über Europa Asche in die Atmosphäre spucken, wir könnten trotzdem fliegen.

Skywork und MHS Aviation halten sich mit Details zur Kooperation bedeckt. Das weckt nicht gerade Vertrauen.
Derzeit können wir keine Details bekannt geben. Die Einzelheiten der Kooperation werden nun ausgearbeitet. Nur so viel: Es ist eine Heirat mit Gütertrennung.

Angst vor der Scheidung?
Wichtig ist: Skywork bleibt dank der Kooperation in Belp und ein bernisches Unternehmen. Es ist keine Fusion, sondern eine Kreuzbeteiligung auf Augenhöhe. Skywork und MHS Aviation beteiligen sich gegenseitig zu gleichen Teilen am anderen Unternehmen.

Wie ernst war die Situation?
Wir haben in den vergangenen Wochen mehrmals darüber diskutiert, ob wir ein «soft landing» einleiten und dann aufhören. Der Verwaltungsrat und die Aktionäre haben ganz klar gesagt: Wenn es nicht geht, gibt es eine geordnete Einstellung des Flugbetriebs. Die wird veröffentlicht, damit es nicht zu einer ähnlichen Situation kommt wie damals bei der Spanair: ein Grounding und Passagiere, die vor geschlossenen Schaltern stehen. Gleichzeitig hätten wir mit dem Geld der Aktionäre ein Sozialpaket für die Mitarbeiter geschnürt.

Wie wollen Sie Skywork in die Gewinnzone bringen?
Wir haben wohl das Netzwerk ein wenig ambitioniert entwickelt. Ich bin schon gefragt worden: Machst du mit den Destinationen weiter wie bisher? Die Antwort war: Nein, wir müssen das etwas vorsichtiger angehen.

Ihr Vorgänger Tomislav Lang hat das anders gesehen.
Ich muss für Tomislav Lang einmal eine Lanze brechen: Er hat Bern an Europa angebunden. Ohne ihn gäbe es das hier nicht. Er hat Skywork zusammen mit einem Investor auf die Beine gestellt und im Oktober 2010 lanciert. Dann ging es mit Karacho in den Winterplan 2010/2011, mit Karacho in den Sommerplan 2011, mit Karacho in den Winterflugplan 2011/2012 und mit Karacho in den expandierten Sommerflugplan 2012. Wir wollten unseren Kunden ab Bern ein attraktives und umfangreiches Streckennetz anbieten. Im Nachhinein haben sich einige Destinationen als weniger erfolgreich erwiesen als angenommen. Wir haben eben auch neue Destinationen angeboten, welche ab Bern noch nie bedient wurden und bei denen die Erfahrungswerte fehlten.

Skywork-Mitarbeiter bemängeln, Lang sei während der kritischen Phase kaum in Belp gewesen. Das Unternehmen sei führungslos gewesen.
Wir waren alle auf Achse. Tomislav Lang ist viel für Skywork und den Standort Bern herumgereist, um die Werbetrommel zu rühren und Gespräche mit potenziellen Investoren zu führen. Nur deshalb ist die Partnerschaft mit MHS Aviation zustande gekommen.Nur weil man nicht im Büro ist, heisst das nicht, dass man sich nicht Tag und Nacht engagiert.

Als Chef für den operativen Betrieb waren Sie Mitglied der Skywork-Geschäftsleitung unter Lang. Inwiefern übernehmen Sie einen Teil der Verantwortung für den Beinahezusammenbruch?
Wir haben Gutes gemacht. Wir haben Fehler gemacht. Wir machen erst einmal weiter, das ist für Bern eine sehr positive Nachricht. Wir haben die Fehler erkannt und wollen diese in Zukunft nicht mehr machen.

Mit anderen Worten: Es wird weniger Destinationen im Sommerflugplan geben.
Es wird eine oder zwei Destinationen geben, die wir nicht mehr anfliegen werden. Diese werden wir durch andere ersetzen. Welche das genau sind, wird sicher von der Partnerschaft mit MHS Aviation abhängen und von den Flugzeugen, die wir einsetzen.

Hat nicht auch die teure Wartung der Dornier-Maschinen Skywork beinahe in die Knie gezwungen?
Die Wartung ist teuer, weil wir keine eigene Wartung haben. Wenn man keine eigene Wartung hat, muss man sie im Auftrag vergeben. Das kann drei- bis viermal mehr kosten. Der Unterhalt ist ausserdem sehr anspruchsvoll. Wir könnten sehr wohl die Wartung ausserhalb von Europa durchführen lassen. Das machen wir aus Gründen der Flugsicherheit nicht. Immerhin sind die Kosten für die Wartung kalkulierbar.

Stimmt es, dass Skywork Kurzarbeit eingeführt hat?
Die Besatzung für den Dash-Flugzeugtyp haben wir in der Tat seit diesem Monat auf Kurzarbeit gesetzt. Wir haben diesen Schritt in persönlichen Gesprächen im August rechtzeitig angekündigt. Die neun Piloten und das sechsköpfige Kabinenpersonal haben dem zugestimmt. Es hätte wenig Sinn gemacht, diese Leute zu entlassen und dann im Sommer für den Sommerflugplan wieder einzustellen.

Gab es Überlegungen, den Kanton Bern um Subventionen zu bitten?
Nein. Wir sind in Kontakt mit dem Kanton Bern getreten, um die Bewilligung für die Kurzarbeit zu erhalten. Wir haben aber nicht angeklopft und gesagt: Gib uns mal 5 Millionen Franken – dies nur als Beispiel –, damit wir weiterfliegen können. Unser Flugbetrieb wird nicht durch die öffentliche Hand finanziert.

Ist die Region Bern überhaupt gross genug, um eine Airline profitabel zu betreiben?
Wir liegen derzeit bei einer Viertelmillion Passagiere im Jahr. Wenn wir darauf noch weitere 100'000 draufpacken können, erreichen wir langsam den Gipfel. Wenn uns das gelingt, wäre das ein Erfolg.

Berner Zeitung

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