Wie sich das saubere Bern verändert

Am Sonntag wählt die Stadt Bern. Aber sehen alle die gleiche Stadt? Ein Blick in Berns veränderliche Seele aus der Perspektive derer, die sie jeden Tag sauber machen.

Jürg Steiner@Guegi

Man muss sich beeilen, wenn man mit Hans Rothenbühler Schritt halten will. Seine Zeit ist knapp. Wie ein Steepleläufer nimmt er die Treppe aus der Tiefgarage des Stade de Suisse und tritt hinaus auf die breite Piazza, die sich zwischen Fussballstadion und Bildungszentrum für Wirtschaft und Dienstleistung ausdehnt. Rothenbühler spiegelt sich in den Glasfassaden der neuen Gebäude, die seine Mitarbeiter regelmässig blitzblank putzen. Aber sein professioneller Blick sucht den Boden ab, und mit der Schuhspitze tippt er eingetrocknete Kaugummireste auf dem Betonboden an. «Da», sagt er, «sind wir machtlos. Sie wegzukriegen wäre zu zeitraubend, zu teuer.»

Feines Gefühl für die Stadt

Tempo, Effizienz, Perfektion – diese Eckpfeiler bestimmen Rothenbühlers Denken, wenn er sich mit Bern beschäftigt. Er ist Mitgründer der Berner Reinigungsunternehmung Faro AG, die er gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Erich Stutzer führt. Bei Faro arbeiten heute nach kontinuierlichem Wachstum rund 600 meist Teilzeit beschäftigte Mitarbeiter. Faro ist der grösste Anbieter, der sich ausschliesslich auf den Berner Markt konzentriert. Rothenbühlers Beziehung zu Bern ist gefestigt aus 26 Jahren Erfahrung im Reinigungsbusiness. Es gibt wenig, das er nicht gesehen hat. Faro-Mitarbeiter werden oft zu heiklen Missionen aufgeboten. Sie reinigen Wohnungen, in denen sich zuvor Dramen abspielten. Sie putzen Büros, in denen hochsensible Dossiers gehütet werden. Sie pflegen für tiefe Löhne Häuser, die vor Reichtum strotzen. «Diskretion, Disziplin, Verantwortungsgefühl», sagt Hans Rothenbühler, «sind in unserem Geschäft zentral.» Der Reinigungsfachmann hat ein feines Gefühl entwickelt für Veränderungen in Bern. Denn er kennt die Rückseiten des architektonischen Glanzes, mit dem sich Bern in den letzten Jahren profiliert hat. Es ist sein Geschäft, und das ist wie Bern in Bewegung.

Alpinistischer Challenge

«Kein Zweifel», sagt Rothenbühler in der Glasfassadenschlucht des Stade de Suisse: «Bern ist spannender, abwechslungsreicher, vielleicht auch widersprüchlicher geworden. Die neuen Gebäude sind für uns hochinteressante Herausforderungen.» Glasfassaden sehen modern, urban, geschäftig aus – aber nur, wenn sie sauber sind. Regelmässig muss die Faro Bergführer beiziehen, um Sicherungsfragen zu klären, wenn ihre Leute in schwindelnder Höhe Fensterfronten putzen, am Uni-Gebäude beim ehemaligen Frauenspital etwa. Spektakuläre Architektur in der Stadt kann zur alpinistischen Herausforderung werden, weil sie nur sauber zum Publikumsmagneten wird. Im neuen Einkaufs- und Erlebniszentrum Westside ist dieses Problem laut Rothenbühler beispielhaft gelöst worden, weil man beim Bau vorausdachte – und etwa Sicherungshaken, an denen sich die Putzequipen heute bei der Unterhaltsreinigung befestigen, so in der verspielten Architektur versteckt wurden, dass sie den Architektur-Gourmet, der sich an der Libeskind-Ästhetik betören will, nicht stören. An urbanen Aufbruchszonen wie dem Stade de Suisse lässt sich zeigen, wie sich der Wandel Berns auch im Wandel des Reinigungsgewerbes spiegelt. Das Wort Putzen ist passé. Die Zeiten, als ein paar Hilfskräfte mit dem Stumpen im Mund nach einem YB-Match mit dem Reisigbesen Bierbecher, Wurstkartons und Zigarettenstummel zusammenkehrten und den Fussballfans auch in etwas schmuddeliger Umgebung wohl war, sind vorbei. Heute spricht man von Facility Management – zu Deutsch Wartung, Unterhalt und Pflege der Infrastruktur –, für das die Faro zusammen mit der BKW und der Mibag (Facility + Property Management) 2005 von den Betreibern des Stade de Suisse engagiert worden ist.

10 Tonnen nach YB-Fest

Das Stadion und seine Umgebung müssen permanent funktionstüchtig und einladend sauber sein. Es darf nicht vorkommen, dass die Kunden des Einkaufszentrums oder die Schüler der Unterrichtsgebäude am Morgen nach einem Fussballspiel über senfverschmierte Servietten steigen oder durch Bierlachen waten müssen. 15 bis 25 Leute hat die Faro AG nach einem YB-Match im Einsatz, manchmal auch mehr. Im Mai 2008, als YB nach der sang- und klanglos verlorenen letzten Saisonpartie in Basel Vizemeister wurde, stieg auf der Piazza vor dem Stade de Suisse ein rauschendes Fest. «Danach sah es hier aus wie nach einem Bombenabwurf», erinnert sich Rothenbühler, und seine Crews führten in einem Spezialeffort bis Tagesanbruch über zehn Tonnen Abfall weg, den die Fans liegen gelassen haben. Vielleicht gehört es zu den neuen Stadtteilen wie dem Stade de Suisse, dass sie die Berner Gemütlichkeit vertreiben und einen weltläufigeren, schnellen Pragmatismus nach Bern bringen. Aus der Perspektive des Reinigungsexperten auf jeden Fall. Im Prinzip, bemerkt Rothenbühler ironisch, wäre es am besten, seine Leute würden den Abfall so schnell wegräumen, dass er gar nie richtig da ist – und das zu einem immer tieferen Preis.

Differenziertes Putzen

Die Ansprüche an die Sauberkeit haben sich enorm verändert in den letzten Jahren», sagt der Faro-Chef. Früher wurde geputzt, damit etwas sauber wurde. Heute muss es gut aussehen. Dafür gibt es einen vielsagenden Fachterminus, und der heisst «ergebnisorientierte Reinigung», abgekürzt EOR. Sauberkeit ist ein Kosten- und Wettbewerbsfaktor, deshalb lässt man heute differenziert putzen. Vor allem dort, wo man sich eine positive Auswirkung auf das Betriebsergebnis ausrechnet. Öfter, schneller, intensiver wird geputzt, wenn ein Gebäudeteil auch repräsentieren muss. Dafür werden Kosten gespart, indem im Backoffice die Papierkörbe nur noch einmal die Woche geleert werden. Das macht modernes Putzen zur anspruchsvollen Management-Aufgabe, in der jedes Detail kalkuliert wird – im Stade de Suisse etwa bis zu den 4,8 Blatt Toilettenpapier, die pro Matchbesucher vorgesehen sind. Hans Rothenbühler ist jetzt unterwegs Richtung Ostermundigen, wo seine Putzequipen mit der Baureinigung in einer Altersresidenz beschäftigt sind. Den Handyknopf im Ohr, reagiert er auf kurzfristige Terminänderungen, die ihm der Bauleiter durchgibt. «Die Anforderungen an Flexibilität und Knowhow unserer Mitarbeiter sind enorm», sagt Rothenbühler. In engsten Zeitfenstern werden teilweise heikle, hochwertige Einrichtungen und Bodenbeläge gereinigt. Behandlungsfehler verursachen sofort hohe Kosten – und Zeitverluste. Und das, sagt Rothenbühler, darf nicht sein. Das frühere Putzen hat sich zu einem durchstrukturierten Industriezweig entwickelt, in den auch wissenschaftliche Erkenntnisse einfliessen. Verschiedene zivilisatorische Errungenschaften – Operationssäle etwa – sind ohne Extremanforderungen an die Reinigungsqualität gar nicht denkbar. Gebäudereiniger ist heute ein Beruf, zu dem eine dreijährige Lehre führt. Trotz dieser gestiegenen Bedeutung beobachtet Hans Rothenbühler im modernen Bern widersprüchliche Trends: «Sauberkeit ist wichtiger geworden, weil wir in vielen Bereichen extrem von ihr abhängig geworden sind. Gleichzeitig nimmt die Gedankenlosigkeit beim Wegwerfen zu – obschon man liegen gebliebenen Schmutz verabscheut. Man verlässt sich darauf, dass am Ende jemand putzt. Das ist heute eine völlig unreflektierte Selbstverständlichkeit.» Nicht, dass sich Rothenbühler darüber beklagen würde. Denn das macht putzen zu einem Wachstumsmarkt.

Wachstumsfaktor Bern

Nach Angaben von Jürg Brechbühl, Zentralvorstandsmitglied des Branchenverbandes Allpura, beschäftigen die Reinigungsbetriebe in der Schweiz rund 80000 Personen und erwirtschaften einen Umsatz von 2,1 Milliarden Franken im Jahr. Weitere 3 Milliarden Franken an Reinigungsleistungen liegen brach, weil in der Schweiz unüblich wenige Unternehmungen das Putzen outsourcen. «Da sehe ich Wachstumspotenzial», sagt Brechbühl, «ganz besonders in Bern mit seinen vielen Verwaltungsgebäuden, die heute noch meist Eigenreinigung machen.» Allerdings zieht der Schweizer Markt auch zunehmend grosse ausländische Reinigungsfirmen an, die Wettbewerbssituation spitzt sich zu. Aktueller Marktleader ist die dänische ISS-Group mit 9000 Angestellten und einem Umsatz von über 400 Millionen Franken im Jahr allein in der Schweiz. «Die Globalisierung», diagnostiziert Jürg Brechbühl, «wälzt auch das Reinigungsbusiness um – und bedroht den hohen Schweizer Sauberkeitsstandard.» Den rauen Wind der Globalisierung spürt auch die Faro AG. Bei Aufträgen von internationalen Firmen mit Ablegern in Bern bestimme in der Regel das ausländische Headquarter den Sauberkeitslevel, den man zu zahlen bereit sei – und der befinde sich meist nicht auf schweizerischem Niveau. Die Faro reagiert mit einer Art Berner Lösung: Effizienz dank Erfahrung und Professionalität. «Wir setzen auf langjährige Mitarbeiter und permanente Weiterbildung.»

Alle im gleichen Boot

Hans Rothenbühler steuert den Parkplatz des Uni-Tierspitals in der Länggasse an. Er will bei zwei Mitarbeitern vorbeischauen, die dort mit einer Spezialreinigung beschäftigt sind. Der Pferde-Operationssaal muss auf hygienisches Topniveau gebracht werden. Auf Berndeutsch unterhält sich Rothenbühler mit dem Gruppenchef aus Sri Lanka. «Ich war einer der ersten in der Stadt Bern, der Tamilen beschäftigte», erinnert sich der Patron und macht damit klar, wie eng die Sauberkeit, die seine Firma in Bern herstellt, mit der Einwanderung verbunden ist. Der grösste Teil der Faro-Mitarbeiter sind Ausländer, aus praktisch allen Kulturkreisen, und teilweise sind es ganze Familien, die der Firma oft jahrelang treu bleiben. Im Sitzungszimmer des Faro-Gebäudes im Berner Wylerquartier hängt ein Bild, auf dem Menschen gemeinsam rudern. «Wir sitzen alle im gleichen Boot», gibt Rothenbühler seinen Mitarbeitern in jeder Sitzung mit. Allerdings, ergänzt er, müsse er Zeit und Energie aufwenden, seine Leute für die schweizerischen Sauberkeits-Ansprüche zu sensibilisieren. Denn es sei für Einwanderer aus Afrika, Asien oder vom Balkan nicht immer einfach, zu verstehen, wie es sich eine Gesellschaft leisten könne, so viel Wert auf Sauberkeit zu legen. Und trotzdem so viel Abfall zu produzieren.

Berner Zeitung

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