Bern

Wie er Schmerzen aushält

BernÜber 120 Tattoos zieren den Körper des 35-jährigen ­Tobias Andreas Minder. Sein Aussehen polarisiert und macht manchen Angst, im Kern steckt allerdings ein Mensch mit grossem Herzen.

Der 35-jährige Tobias Andreas Minder über Schmerzen.
Video: Claudia Salzmann

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Die Wände sind mit Zeichnungen von Tribals, Fantasiefiguren, Gesichtern und Tieren tapeziert. Ein Gerät surrt, und harte Musik dröhnt durch das Studio Tattoo 32, wo Tobias Andreas Minder gerade einer Kundin ein kleines Tattoo sticht. Hinten im Raum stehen sechs Liegen und vorne kleine Tische, darauf liegen unfertige Zeichnungen. Seit 4 Jahren arbeitet der 35-Jährige hier als Tätowierer und teilt sich den Laden mit fünf Freunden.

Wenn alle sechs da sind, ist der Lärmpegel mit den Maschinen, der Musik und dem Stöhnen der Kunden unter den Schmerzen hoch. Mittags ist es ruhiger, das nutzt Minder und zeichnet. Schwarz dominiert. «Ich mag Farben bei anderen, ich aber arbeite nicht gerne damit. Der Kontrast von Haut und Schwarz gefällt mir», sagt er. Schon immer habe er gezeichnet, seinen Stil würde er als düster bezeichnen. «Er ist ganz anders als ich selber. Ich bin ein positiver, aufgeschlossener und lebefreudiger Mensch. Das Zeichnen ist eine Balance.»

Eine Rakete von der Tochter

Farbtupfer sieht man auch bei ihm: Das Blau der Gesichtstattoos betont seine blauen Augen. Von Kopf bis Fuss ist er tätowiert. Das erste Tattoo sei ein Haifisch gewesen, den er sich noch in der Ausbildung vor knapp 12 Jahren gestochen habe. «Nach 120 Tattoos habe ich aufgehört zu zählen, aber das ist viele Jahre her», erzählt er und lacht. Heute sind es so viele, dass sie zusammen ein einziges grosses Werk ergeben. Sein Körper ist mit Ausnahme des Hinterteils und der Lenden bedeckt, und das bleibt so.

Einen Liebling hat er nicht, obwohl jenes, das ihm seine 4-jährige Tochter tätowiert hat – eine Rakete mit Sternen –, für ihn eine besondere Bedeutung hat. «Sie konnte kaum die Maschine halten, weil sie nicht genug Kraft hat. Es war eine schöne Erfahrung, und ich bin stolz auf sie», sagt Minder. Er sieht den Körper nicht als Kunstwerk. Vielmehr sei jedes weitere Tattoo ein zusätzlicher Schritt in seine Selbstverwirklichung.

Alles fing an seinem rechten Arm an. Dort hatte er die ersten Tattoos, die nie fertig wurden. «Aus Langeweile habe ich den Arm meinen Kollegen zum Üben angeboten. Das hat man den Motiven angesehen», sagt er. Nun lässt er sich den Arm nach und nach mit schwarzer Farbe abdecken. Der Arm ist zugleich sein längstes Projekt, für das er bis zu sechs Stunden hingehalten hat.

Der gelernte Dekorationsgestalter tätowiert sich auch selber: «Das braucht eine riesige Überwindung, und es ist weit weg von lustig.» Wenn die Schmerzen gross sind, müsse man in sich gehen und meditieren. Aber es könne auch Spass machen, wenn man gut gegessen und geschlafen habe. Die Schmerzen sind von Stelle zu Stelle unterschiedlich: «Bei der Oberlippe habe ich am meisten gelitten», erinnert er sich. Dort habe es sehr viele Nerven. Man könne sich das gar nicht vorstellen, bis jemand mit einer Nadel reinsteche.

Ehrlicher als andere

Extrem wirken die Tätowierungen im Gesicht. «Das Gesicht zu tätowieren, finde ich ehrlicher als das, was andere tun. Viele verstellen sich, ich stehe zu dem, was ich bin und was ich tue», sagt er bestimmt. Ist er mit seinen beiden Töchtern unterwegs, habe er nur wenige schlechte Feedbacks. «Eher überraschend positive, weil die Leute sehen, welchen Umgang ich mit ihnen habe.» Mit seiner Frau und den Mädchen wohnt er im Galgenfeld.

Anders sieht es aus, wenn er alleine unterwegs ist. «Da wechseln Leute schon mal den Platz im Bus», sagt er. Wenn ihn jemand anstarrt oder mit dem Finger auf ihn zeigt und ihn nicht anspricht, macht ihm das mehr Mühe. «Das ist respektlos», sagt er. Lieber werde er angesprochen. Die negativen Reaktionen erklärt er sich damit, dass die Leute ein falsches Bild oder gar Angst haben.

Lautes Arbeiten im Studio

Ein normaler Tag fängt für ihn damit an, dass er seine Töchter in die Kita bringt. Danach fährt er vier- bis fünfmal die Woche in den Box Club Bern ins Training. Seit der Schulzeit boxt Minder, und mit seiner Tätigkeit als Tätowierer ist das sein Ausgleich. Am Mittag öffnet er das Studio. Seine Kunden lässt er ruhig ankommen, danach gehe es zügig: Desinfizieren, rasieren, anzeichnen, dann legt sich der Kunde hin, und Minder fängt an zu stechen.

Eine grosse Tätowierung schafft er an einem Tag, sein Rekord liege bei 16 kleinen. «Das fäggt aber nicht und ist nur Stress», gibt er zu. Manche Kunden kommen mit klaren Vorstellungen. Andere mögen seinen Stil und lassen ihm gar freie Hand. «Das ehrt mich sehr und ist das Allerschönste. Genau deswegen tätowiere ich, das ist meine Erfüllung», sagt er.

Das Onlineporträt aus der Serie BEsonders finden Sie hier. (cla)

Erstellt: 15.06.2017, 08:29 Uhr

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