Wie eine Bielerin im Engadin eine Märchenwelt erschuf

Vor hundert Jahren brachte der Zufall die Bielerin Mili Weber nach St. Moritz. Die Künstlerin verwandelte das Haus mitten im Wald in eine Märchenwelt. Es blieb dank einer von ihr noch zu Lebzeiten gegründeten Stiftung erhalten.

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St. Moritz ist stolz auf das verträumte Haus inmitten von Arven und Lärchen. Im Lauf der Zeit haben unzählige Kunstliebhaber und Berühmtheiten aus aller Welt diese Oase im Wald mit einem Besuch beehrt. Doch wieso hat Mili Weber, die bescheidene Künstlerin aus Biel im Berner Seeland, den mondänen Kurort im Engadin als Bleibe gewählt? Das mögen sich viele fragen, und die Antwort ist einfach. Es waren die Lebensumstände – ein Zufall und eine Notwendigkeit.

Glückliche Kindheit in Biel

Geboren wurde Berta Emilie, genannt Mili, am 1. März 1891 in Biel in eine nicht eben begüterte Familie. Die Eltern bemühten sich trotzdem, die Begabungen des Nachwuchses zu fördern, und so verschrieben sich schliesslich vier von sechs Kindern der Malerei, der Bildhauerei und der Ar­chitektur. Von dieser behüteten Kindheit schwärmte sie später: «Auf der ganzen Welt hat niemand – nein, gar niemand – solch liebe Eltern, solch gute Schwestern und liebe Brüder.»

«Auf der ganzen Welt hat niemand – nein, gar niemand – solch liebe Eltern, solch gute Schwestern und liebe Brüder.»Mili Weber

Mili Webers jüngster Bruder Emil arbeitete als Architekt beim Bauunternehmer Nicolaus Hartmann in St. Moritz, Erbauer des Segantini- und des Engadiner Museums sowie des Direktionsgebäudes der Rhätischen Bahn in Chur. Dieser Bezug in den Kanton Graubünden und der Umstand, dass ihre Halbschwester Anna Haller wegen buckliger Verwachsung an Atemproblemen litt, veranlassten die Familie vor hundert Jahren, nach St. Moritz zu ziehen. Im Herbst 1917 bezog sie das vom jüngsten Sohn er­baute Haus an der Via Dimlej.

Die herzensgute Anna

Über ihre um 19 Jahre ältere Halbschwester schrieb Mili Weber später: «Sie war mein Ein und Alles. Ich verehrte und bewunderte sie – sie war so weise und so gut.» Anna Haller, die zur eigentlichen Mentorin und Mäzenin von Weber werden sollte, hatte als erste Frau die 1887 geschaffene kunstgewerbliche Abteilung des Technikums Biel absolviert. Sie war eine erfolgreiche Kunsthandwerkerin und -malerin und zugleich die erste kunstgewerb­liche Lehrerin am Technikum – eine erstaunliche Karriere in damaliger Zeit. Mili Weber verehrte ihre Halbschwester nicht nur, sie wollte es ihr gleichtun.

Doch sie liess sich überzeugen, zuerst einen «richtigen» Beruf zu erlernen. Also wurde Mili Weber Kindergärtnerin – an der Neuen Mädchenschule in Bern, deren Präsident Rudolf von Tavel war. Seine Bücher bedeuteten ihr so viel, dass sie gern Szenen aus den «so lieben, schönen Geschichten» malte.

Analogien zu Ernst Kreidolf

So dauerte es nicht lange, bis Mili Weber definitiv zur Malerei zurückkehrte. Anna Haller schenkte ihr einen Kasten mit Ölfarben und führte sie bei einem befreundeten Kunstmaler ein. Voraus­ahnend prophezeite ihr dieser, entweder bleibe sie beim Porträt und in der Figurenmalerei oder sie gehe «ins Märchen».

Damit sie ihr technisches Können noch vervollkommnen konnte, nahm sie Anna Haller 1912 mit nach München, wo sie selber von einem Verlag einen grossen Auftrag erhalten hatte. Mili Webers Mallehrer in München war ein Österreicher, herzlich und anspornend: «Sie sind a Mensch, und i bi a Mensch. Sie habn Ihre Auffassung, i hob die meine, i zeig Ihnen nur die Fehler.»

Plötzlich – der Sommer 1914 nahte – sprach man von Krieg. Kaum waren die Geschwister zurück in Biel, brach der Erste Weltkrieg aus. Alles Liebliche blieb Erinnerung. Doch die Malerei ging weiter, intensiver denn je. Zu Aufträgen für Kinderporträts hinzu fing Mili Weber jetzt an, kleine Märchenaquarelle zu malen – Elfen und Pilze mit Kindergesichtern. Sie ähnelten den Blumenkindern des Thurgauer Malers und Illustrators Ernst Kreidolf. Die Verlage, für die Anna Haller arbeitete, wurden zunehmend auch auf Mili Weber aufmerksam, sodass auch sie Auf­träge erhielt. Sie schuf neben Porträts und Aquarellen auch Malbüchlein zu den grimmschen Märchen, Wandbilder und Postkartenserien.

Ihre Freunde, die Waldtiere

Mehr und mehr fokussierte sie sich auf die Märchenthematik und malte diese in leisen Tönen auf ihre Weise – frohe Märlein, frei von Gewalt und Grausamkeit (siehe Kasten). Die Kraft für ihr Schaffen tankte Mili Weber in der Natur, mit der sie eng verbunden war. Das belegt ihr Zugang zu den Tieren des Waldes. Rehe und sogar Hirsche, aber auch Eichhörnchen und Vögel scharten sich ums Haus in St. Moritz und holten sich Leckerbissen.

Einige, darunter sogar ein kapitaler Hirsch mit ausladendem Geweih, folgten ihr zum Teil bis in Hausflur und Küche. So schrieb sie denn in einem ihrer letzten Briefe über ihren idealen Arbeitsort voller Ruhe und Inspiration: «So lebe ich hier allein, und die Tiere des Waldes sind meine Freunde und Gefährten.»

«So lebe ich hier allein und die Tiere des Waldes sind meine Freunde und Gefährten.»Mili Weber

Zäsuren im Leben der Mili Weber widerspiegelten sich auch in ihrem Schaffen. Einschneidend war etwa das Jahr 1924, als Anna Haller starb. Weitere Schicksalsschläge wie der Tod des Vaters und jener des letzten Bruders liessen ihr Schaffen noch intensiver werden – genauso wie später auch die stillen Jahre im Engadin. Davon zeugen die bewegenden Aquarelle, die tiefsinnigen Bildgeschichten, die fantasievollen Miniaturen dieser Jahre, dazu die Malereien, mit denen Mili Weber ihr Haus verzierte. Wände, Decken, Balken und Möbel, ja sogar Hausorgel und Badezimmer verwandelten sich in eine regel­rechte Fabelwelt.

Im Alter verunmöglichte ihr ein Augenleiden das Malen zunehmend, ein Grauschleier trübte die Farben. Das freundlich-sonnige Lächeln blieb ihr allerdings erhalten, und auf die Frage, ob es sie nicht bedrücke, die eigenen Bilder nicht mehr sehen zu können, meinte sie gelassen, dass sie diese in ihrem Herzen trage.

Still gelebt, leise gestorben

So still und leise, wie sie gelebt hatte, starb Mili Weber 87-jährig am 11. Juli 1978 in ihrem Märchenhaus. Dank der von ihr noch zu Lebzeiten gegründeten Stiftung bleibt dieses «Kunsthaus im Wald» der Nachwelt erhalten. Es nimmt auch heutige Besucher gefangen und lässt sie wie kleine Kinder staunen ob so viel stiller Grösse.

Infos und Termine für Führungen unter www.miliweber.ch (Berner Zeitung)

Erstellt: 06.01.2018, 19:02 Uhr

Märchen ohne Gewalt

Mili Weber war die Herzlichkeit selber, sowohl den Mitmenschen als auch der Natur und ihren Geschöpfen gegenüber, was sich in ihrem Werk un­verkennbar widerspiegelt. Menschlichen Wunschfantasien folgend, beseelte sie in ihren Bildern die Natur mit Kinderfiguren, anfänglich in Form personifizierter Blumen. Später mutierten die kleinen Gestalten mit den runden Köpfchen und den grossen, staunenden Augen zu eigentlichen «Seelchen», wie etwa die «Kirschenkinder» oder «Das Nixlein Sonnenscheinchen» – Mixturen von exaktester Naturbeobachtung und nativ-naiver Fantasie, unschuldige Traumwelten, die den Betrachter in kindliches Staunen versetzen. In allen Werkperioden tauchen Symbole der Lebensweisheit sowie Gestalten aus Geschichte und Sagen auf, so etwa das Marienkind oder Jeanne d’Arc. Neben Einzelbildern schuf sie auch Bildergruppen (wie «Schneewittchen und die sieben Zwerge») oder Bildergeschichten (wie «Das Märlein vom gefangenen Königssohn», in dem selbst Felszinnen beseelt sind). Ob Zeichnungen, Aquarelle oder Ölbilder, ob Plastiken und Miniaturen (für ihre raumfüllende, schlossartige Puppenstube), ob Bilder- und Buchtexte oder Musikkompositionen für ihre Hausorgel – alles, was diese eigen- und einzigartige Künstlerin erschaffen hat, ist durchströmt von ihrer ureigenen, naturverbundenen Weltanschauung, die in den Polaritäten des Lebens immer vom Bösen zum Guten und vom Schatten ins Licht führt – und damit heute so aktuell ist wie damals.

Der Autor

Heini Hofmann war früher Zoo- und Zirkustierarzt und arbeitet heute unter anderem als Wissenschaftspublizist. Er ist eng mit dem Engadin verbunden, hat sich im Seeland aber auch einen Namen als freischaffender Autor gemacht.

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