Wie die Burger beim Berner Brückenpoker mitmischten

Bern

Sagt die Burgergemeinde mit ihrem Bodenbesitz bei Berns Stadtentwicklung, wo es langgeht? Nicht im Alleingang, erfährt man in der neuen Burgergeschichte. Beim Bau des Bahnhofs und der Kornhausbrücke aber setzten die Burger ihre Interessen clever durch.

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Stefan von Bergen@StefanvonBergen.

Die Villenbesitzer am besonnten Altenberghang waren gar nicht erfreut. 1888 entnahmen sie den Plänen für eine Kornhausbrücke, dass das Bauwerk direkt über ihre Anwesen und Gärten hinweg gebaut werden sollte. Sie machten sich deshalb für ein Gegenprojekt stark, das ihre Gunstlage verschont hätte: eine Waisenhausbrücke vom Waisenhausplatz hinüber in den heutigen Botanischen Garten.

Gebaut wurde die Waisenhausbrücke nie, obwohl sie kürzer und billiger gewesen wäre. Das lag nicht zuletzt an der Burgergemeinde Bern. Die bot nämlich der Stadt Bern lukratives Bauland im Spitalacker billig zum Kauf an, sofern die Stadt eine Kornhausbrücke propagieren würde. «Wer befiehlt in Bern?», fragten die Freunde einer Waisenhausbrücke darauf in ihrer «Berner Brückenzeitung» und monierten, die Stadt begebe sich «in die Abhängigkeit» der Burger.

Aufregender Poker um die Hochbrücken

Welch zentrale Rolle die Burger um 1890 im hitzigen Abstimmungskampf um eine nördliche Berner Aarebrücke spielten, kann man in der neu erschienen Burgergeschichte «Von Bernern und Burgern» nachlesen. Im Kapitel über die burgerliche Bodenpolitik geht der Berner Historiker Martin Stuber am Beispiel der Berner Brücken auch der Frage nach, ob die Burger als mächtige Strippenzieher trotz ihrer Entmachtung 1798 Berns Stadtentwicklung gelenkt haben.

Weil der Aarelauf um die Altstadt tief ausgeschnitten ist, waren Hochbrücken für Berns Stadtwachstum ein Schlüsselfaktor. Erst sie verwandelten die Kartoffeläcker rund um die Stadt in Bauland. Die wichtigste Landbesitzerin aber war die Burgergemeinde. Im Ausscheidungsvertrag mit der Einwohnergemeinde Bern konnte sie 1852 die Stadtfelder in ihrem exklusiven Besitz behalten.

Wie die Burger die Stadt Bern köderten

An einer Kornhausbrücke hatten die Burger ein vitales Interesse, weil sie ihr Land im Breitenrain direkt erschliessen und im Wert steigern würde. Sie köderten die Stadt also mit dem Landangebot im Spitalacker, dessen künftigen Wert als Bauland sie auf die damals stolze Summe von 500'000 Franken veranschlagten.

Die riskante Strategie der Burger ging auf: Die männlichen Stimmbürger der Stadt entschieden sich am 23. Oktober 1892 deutlich für eine Kornhaus- und gegen eine Waisenhausbrücke. Die Rechnung ging auch für die Einwohnergemeinde Bern auf. Die 3,3 Millionen Franken teure Kornhausbrücke entfesselte nach ihrer Eröffnung 1898 im heutigen Nordquartier sofort die Bautätigkeit, und der Spitalacker war bald weit mehr wert als 500'000 Franken.

Bankrott der Nydeggbrücken-AG

Hat sich die Burgergemeinde die richtige Brücke mit sanfter Bestechung erkauft? Historiker Stuber relativiert: Die Burgergemeinde habe zwar keinen Hehl daraus gemacht, dass sie bei den Brückenbauten auch Eigeninteressen verfolge. Sie sei aber froh gewesen, dass das klare Ja der Stimmbürger ihre Wunschbrücke demokratisch legitimiert habe. Den Burgern war laut Stuber damals schon klar, dass sie die Stadtentwicklung nicht im Alleingang bestimmen konnten.

Diese Lehre zogen die Burger nicht zuletzt aus früheren Brückenprojekten. Insbesondere dem Debakel der 1844 eröffnete Nydeggbrücke, die eine burgerliche Aktiengesellschaft gebaut hatte. Die Nydeggbrücke verlor den Überlandverkehr bald an ein Konkurrenzprojekt des Kantons, die besser gelegene Tiefenaubrücke bei Worblaufen. Als der neu entstandene Schweizer Bundesstaat noch die Brückenzölle abschaffte, ging die burgerliche Nydeggbrücken-AG bankrott.

Burger beeinflussen Bau des Bahnhofs mit

1858 forderte die Stadt die Burgergemeinde auf, sich an Berns erster Eisenbahnbrücke zu beteiligen. Diesmal waren die Burger vorsichtig und nannten Bedingungen: Sie wollten bei der Lage des Berner Bahnhofs mitreden. Sie forderten, dass sich auch die Stadt finanziell beteilige. Und sie verlangten, dass im Gitterkasten der Brücke ein Fahrweg angelegt werde.

Mit ihrem Beitrag von 515'000 Franken konnten die Burger dann doppelt profitieren, erklärt Martin Stuber: Sie konnten die Lage von Brücke und Bahnhof beeinflussen, obwohl die Verkehrsplanung in der Kompetenz der Einwohnergemeinde lag. Und das Burgerland jenseits der Aare wurde durch die Erschliessung als Bauland aufgewertet.

Tausende Arbeitskräfte

Auf dem Land aber entstand das Arbeiterquartier Lorraine. In den ärmlichen Holzhäusern wohnten zugezogene Angehörige jener «flottierenden Klasse», von der die Burger eine Veränderung von Berns gesellschaftlicher Zusammensetzung befürchteten. Beim nächsten Brücken- und Quartierprojekt versuchten sie deshalb, die Arbeiterschaft fernzuhalten.

Als die Burger das Kirchenfeld der britischen Berne Land Company verkauften, verpflichteten sie diese nicht nur zum Bau einer Kirchenfeldbrücke, sondern auch zur Anlage eines grosszügigen Villenviertels. 1898, bei der Eröffnung der Kornhausbrücke, liess sich der Zustrom von Arbeitern dann nicht mehr aufhalten. In der rasch wachsenden Stadt waren Fabriken entstanden, die Tausende Arbeitskräfte anzogen.

Burger sind ein Faktor für die Stadtentwicklung

Wer heute über die Kornhausbrücke fährt, nimmt nicht wahr, dass sie einmal mit einem Geldgeschenk in eine gewisse Richtung gelenkt wurde. Noch heute aber sind die Burger mit ihrem Bodenbesitz ein Player, der das Stadtwachstum steuert. Zum Beispiel in der Wankdorf-City. Dort steht der neue SBB-Hauptsitz auf Burgerland.

Vortragsreihe zur neuen Burgergeschichte: Martin Stuber referiert am Mittwoch, 20. Mai, 19 Uhr, in der Gesellschaft zum Distelzwang, Gerechtigkeitsgasse 79, zur burgerlichen Bodenpolitik und Berns Stadtentwicklung.

Berner Zeitung

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