Wie Lenin im Berner Exil den gewaltsamen Umsturz plante

Bern

Im September vor 100 Jahren trifft der russische Revolutionär Lenin in Bern ein. Unbeachtet von Öffentlichkeit und Polizei, feilt er in Zimmern im Länggassquartier und in Berns Bibliotheken an seinen Strategien.

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Stefan von Bergen@StefanvonBergen

Den Spaziergängern im Bremgartenwald fällt die siebenköpfige Gruppe an jenem Sonntag, 6. September 1914, nicht weiter auf. Obwohl sich die sieben auf Russisch unterhalten. Ungewöhnlich ist das nicht. Denn eine intensive Schweiz-Russland-Connection existiert nicht nur heute, sondern schon vor 100 Jahren. An der Berner Universität sind damals viele Studenten und Studentinnen aus dem Zarenreich eingeschrieben. Die Russengruppe im Wald spaziert in gehobener Stimmung. Nicht nur wegen des guten Wetters. Sondern auch wegen der Anwesenheit ihres Vordenkers Wladimir Iljitsch Uljanow (44) der am Vortag in Bern eingetroffen ist.

Der Umsturz im Berner Wohnzimmer

Obwohl er klein ist, sticht er wegen seines scharfen Blicks und seiner messerscharfen Rede aus der Gruppe heraus. Uljanow lobt die schöne Gegend und kommt dann gleich auf Europas politische Lage und den eben ausgebrochenen Weltkrieg zu sprechen. Gegen Abend kehrt die Gruppe zurück in das kleine Haus des Chemikers Georg Schklowski am Falkenweg im Länggassquartier. Wohl nach einem bescheidenen Nachtessen verabschiedet man Uljanows drastisches 7-Punkt-Programm zum Umsturz im Zarenreich. Einstimmig. Die sieben Revolutionäre bilden die Berner Sektion der Bolschewisten. Unter den politischen Russenvereinigungen in der Schweiz sind sie eine unauffällige, radikale Splittergruppe.

Wäre man hinter einem Vorhang Zeuge der Szene gewesen, hätte man sich über die russischen Emigranten gewundert. Mit feurigem Eifer und grotesker Arroganz beschliessen sie in einem gemütlichen Berner Wohnzimmer, Russland mit Gewalt umzugestalten.

Der Revolutionär, den die Berner Polizei übersah

3 Jahre später hätte man erst recht gestaunt. Denn im April 1917 stellt sich Uljanow, der in linken Politzirkeln als Sektierer ohne Widerhall und Anhänger gilt, in St.Petersburg an die Spitze der russischen Revolution. Der Mann, den man unter dem Pseudonym Lenin kennt, wendet nun an, was am Falkenweg beschlossen wurde. Er schwingt sich zum Alleinherrscher der Sowjetunion auf und wird einer der mächtigsten Männer der Welt.

Die Szene im Berner Wohnzimmer ist verbürgt in der ersten deutschen Übersetzung von Lenins Gesamtwerk. Der Spaziergang im Bremgartenwald wird von den Herausgebern überhöht zu einer klandestinen «Waldkonferenz». Wohl in der Annahme, die Revolutionäre hätten versteckt im Wald getagt, um den Polizeibehörden nicht aufzufallen.

Der Berner Polizei aber entgeht das Wirken des Mannes, der die Weltbühne betreten sollte. Das schreibt der 2004 verstorbene Historiker und Journalist Willi Gautschi in seinem Buch «Lenin als Emigrant in der Schweiz» aus dem Jahr 1973. Minutiös rekonstruiert er darin aufgrund von Texten und Briefen Lenins und seiner Vertrauten dessen Berner Zeit vor 100 Jahren. Ohne falsche Ehrfurcht vor seiner Hauptfigur erzählt Gautschi mit feinem Sinn für Ironie, wie sich Lenin in Bern mit Vermieterinnen herumschlägt und einen langweiligen Alltag lebt.

Als Sans-Papier und ohne Geld in Bern gestrandet

Lenin trifft laut Gautschi am 5.September 1914 in Begleitung seiner Gattin Nadeschda Krupskaja und seiner Schwiegermutter mit dem Zug am Zoll von Buchs SG ein. Die Einreise verzögert sich. Denn die österreichischen Behörden haben Lenins Pass eingezogen. Beim Ausbruch des Weltkriegs weilt er zur Kur in Österreich-Ungarn, das gegen das Zarenreich Russland kämpft. Als Bürger eines feindlichen Landes wird er verhaftet. Nach einer Intervention des Wiener Sozialdemokraten Victor Adler darf der Zarenfeind Lenin in die neutrale Schweiz ausreisen.

Erst als sich der Berner Robert Grimm, Kopf der Schweizer Sozialdemokraten, per Telegramm einschaltet, lassen die Zollbehörden den papierlosen Russen einreisen. Am Abend treffen die Lenins in Bern ein, wo sie Schklowski am Bahnhof abholt. Lenin erkundigt sich bei seinem Gastgeber sogleich über die Berner Wohnungspreise, über lokale Bibliotheken, Druckereien und die Möglichkeit, mit Referaten Geld einzuspielen. Denn Lenin ist chronisch knapp bei Kasse.

Das zeigt sich am 12.September, als er sich bei der polizeilichen Anmeldung in Bern ausser Stande erklärt, die geforderte Ausländerkaution von 1160 Franken zu bezahlen. Zu dritt leben die Lenins vor allem vom kleinen Erbe der Schwiegermutter, das durch den kriegsbedingten Einbruch des Wechselkurses entwertet worden ist. Lenins Anwalt kann erwirken, dass die Kaution erlassen wird. Ein SP-Grossrat streckt Lenin die Anzahlung von 100 Franken für die bis am 1.1.1916 gültige «Toleranzbewilligung» vor. Die Einwanderungsbehörde behandelt den Extremistenführer erstaunlich kulant.

Streit um die Weltlage mit Arbeiterführer Grimm

Die Lenins bleiben auch deshalb in Bern, weil sie hier den Starchirurgen Theodor Kocher in der Nähe wissen, der früher Krupskajas Kropf operiert hat. Bald macht Lenin Robert Grimm seine Aufwartung. Der 33-jährige Nationalrat, Führer der Schweizer Sozialdemokraten und Chefredaktor der später untergegangenen «Berner Tagwacht», erinnert sich, wie ihn Lenin, der fliessend Deutsch spricht, auf der Redaktion an der Monbijoustrasse besucht. Das Treffen macht gleich klar, dass sich die beiden linken Platzhirsche ins Gehege kommen werden. Sie sprechen über Russland. Lenin posaunt ins Redaktionsbüro: «Ich würde den Bürgerkrieg proklamieren!»

Der Satz ist eine Provokation. Denn Grimm hat den Burgfrieden der Sozialdemokraten mit den bürgerlichen Parteien gutgeheissen und die Wehrkredite für die Schweizer Armee akzeptiert. Für Lenin aber ist es ein Verrat, wenn Sozialdemokraten den Kriegskrediten ihrer Länder zustimmen. Er vertritt den radikalen Standpunkt, dass Europas unterdrückte Arbeiter und Soldaten Brüder seien, die gar kein Vaterland zu verteidigen hätten. Vielmehr müssten sie die Waffen gegen ihre Regierung und Wirtschaftselite richten. Der Weltkrieg der Nationen müsse in einen Klassenkampf gegen die Mächtigen verwandelt werden.

Grimm hält Lenins martialischen Aufruf für russische Romantik. Der Schweizer Arbeiterführer glaubt an den Fortschritt durch soziale Reformen. Er habe sogleich gewusst, «dass wir zwei verschiedene Sprachen redeten», notiert Grimm später. Lenin äussert sich über den Widersacher so: «Grimm ist ein fähiger, energischer, nicht dummer, aber ganz in seiner Alltagsarbeit versumpfter Mann! Er versinkt in den engen Verhältnissen der Partei seines spiessbürgerlichen Landes.»

Harmonie zu dritt im stillen Länggassquartier

Im Spätherbst 1914 ziehen die Lenins als Untermieter in das Einfamilienhaus von Frau Roth-Züsli in der hinteren Länggasse am Distelweg 11. Krupskaja lobt die «kleine, saubere, stille Strasse». Der Distelweg ist heute eine verkehrsarme Spielstrasse, am dreistöckigen Reihenhaus aus Backstein rankt Efeu.

Um die Ecke, am Drosselweg 23, wohnt die im Oktober 1914 in Bern eingetroffene Mitstreiterin Ines Armand. Über das Verhältnis der Russin französischer Herkunft zu Lenin kursieren diverse Ansichten, aber es ist nicht falsch, sie als Lenins Mätresse und Muse zu bezeichnen. Er hat sie 1910 in Paris kennen gelernt, wo sich die Zentrale der Internationale befindet, des 1889 formierten Paktes der sozialdemokratischen Parteien Europas.

Die attraktive Frau und vorzügliche Pianistin belebt den gefühlskalten Kopfmenschen. Lenin-Biografen beschönigen das Dreiecksverhältnis des roten Patriarchen als harmonische Ménage-à-trois. Lenins Frau und seine Geliebte hätten die Liebe der Revolution untergeordnet. Offenbar ist Krupskaja dennoch eifersüchtig, Lenin muss sie von der Trennung abhalten.

Oft spazieren sie zu dritt. Krupskaja beschreibt es so: «Wir sassen stundenlang an einem buschbewachsenen Berghang. Lenin verfasste Konzepte für seine Reden und Artikel, ich lernte Italienisch aus einem Lehrbuch, Ines nähte irgendetwas und liess sich wohlig von der Herbstsonne bescheinen.»

Kriegskunde in der Berner Stadtbibliothek

Im Oktober 1914 lanciert Lenin im Volkshaus von Lausanne einen eigentlichen Agitationsfeldzug. Er tritt dort gegen Georgi Plechanow an, den europaweit bekannten Führer der gemässigten russischen Menschewisten, die weit mehr Anhänger zählen als die Bolschewisten. Lenin hält sein Referat «Proletariat und Krieg» und plädiert für seine Aufstandsthese. Das Publikum applaudiert dem geistreichen Plechanow. Lenin aber bleibt unbeirrbar auf seiner harten Linie.

Die Sozialistentreffen sind geschlossene Veranstaltungen im kleinen Rahmen, damit die Polizeibehörden nicht darauf aufmerksam werden. In den Hinterzimmern aber spielen sich erbitterte Richtungskämpfe ab. Die Berner Jahre sind Lenins Trainingslager. Er schärft seine Ideen und trimmt die Bolschewisten in seinem Kopf zur militärisch strukturierten Kaderpartei. Willi Gautschi schreibt, Lenin präpariere in Bern eine «geistige Sprengladung», die er später in Russland zünden werde.

Zu dieser aufrührerischen Kopfarbeit steht das idyllische Berner Ambiente in einem eigenartigen Kontrast. Krupskaja bringt es auf eine Formel: «Bern ist verschlafen, aber seine Bibliotheken sind sehr gut.» Lenin sitzt tagelang in der heutigen Nationalbibliothek im Kirchenfeld. Im noblen Lesesaal der Stadtbibliothek an der Münstergasse liest der spätere Revolutionsführer «Vom Krieg» des preussischen Generals Carl von Clausewitz. Dessen Überzeugung, dass der Krieg «die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln» sei, inspiriert Lenin für seine Broschüre «Sozialismus und Krieg».

Gedruckt wird diese 1915 in der Bümplizer Druckerei Benteli, die in ihrer Setzerei über kyrillische Buchstaben verfügt. Benteli publiziert auch mehrere Nummern des bolschewistischen Zentralorgans. Wohl wegen der fremden Schrift fallen sie weder der Öffentlichkeit noch der Polizei auf.

Rauswurf aus der Wohnung wegen Gottlosigkeit

Lenin muss in Bern auch reale Kämpfe an der Alltagsfront ausfechten. Als die fromme Vermieterin erfährt, dass die Schwiegermutter des atheistischen Revolutionärs auf dem Bremgartenfriedhof ohne religiöse Zeremonie bestattet worden ist, wirft sie die Lenins aus der Wohnung am Distelweg. Sie kommen dann – nach einer Zwischenstation an der Blumensteinstrasse – am Seidenweg 8 unter. In einem Zimmer mit Bad und elektrischem Licht für 30 Franken im Monat, wie Lenin stolz vermeldet.

Über Bern äussert sich Lenins Frau dennoch verächtlich: «Das Leben ist hier ganz und gar von kleinbürgerlichem Geist durchdrungen. Bern ist eine ausserordentlich demokratische Stadt, die Frau des höchsten Beamten der Republik klopft eigenhändig Tag für Tag auf dem Balkon ihre Teppiche aus. Diese häusliche Gemütlichkeit füllt die Berner Frauen restlos aus.» Kein Wunder, schätzt Lenin die Kraft der Schweizer Arbeiter zum revolutionären Aufbruch als gering ein.

Wie man Konferenzen aufmischt und spaltet

Ab 1915 ändert Lenin seine Strategie: Er versucht das linke Lager zu spalten und eine neue Internationale auf der radikalen Linie seiner Bolschewisten zu gründen. Gelegenheit dazu bieten ihm sozialistische Konferenzen. Im Frühjahr 1915 tagt die internationale Frauenkonferenz im 1914 eröffneten Volkshaus Bern, dem heutigen Hotel Bern an der Zeughausgasse. Vom Volkshaus-Café aus zieht Lenin die Fäden und schickt seine Vertraute Ines Armand mit radikalen Anträgen in den Saal und ins Gefecht.

Im September 1915 greift Lenin selber ein. Robert Grimm bietet für die erste internationale Sozialistenkonferenz 38 Delegierte aus einem Dutzend Ländern auf. Mit Pferdefuhrwerken geht es auf Umwegen von Bern auf den Längenberg ins Dorf Zimmerwald, wo die Gruppe, getarnt als Ornithologenverein, in der heute abgebrochenen Pension Beau Séjour Quartier bezieht. Vier Tage lang wird debattiert über die Ausrichtung der Linken. Zwar unterliegt Lenin der reformistischen Mehrheit, aber er kann seine Standpunkte auf einer internationalen Bühne präsentieren und seine Bolschewisten als «Zimmerwalder Linke» positionieren.

Auch weil 1916 die Berner Aufenthaltsbewilligung ausläuft, ziehen die Lenins im Februar 1916 nach Zürich um, an die Spiegelgasse 14 im Niederdorf. Die Bibliotheken seien im weniger biederen Zürich besser als jene in Bern, die Debattierfreude grösser, schreibt Lenin in Briefen. Er dürfte auch geschätzt haben, dass er in Zürich folgsame Jünger fand und weiter weg war von Robert Grimms Einfluss.

Im April 1916 treffen die beiden Kontrahenten im Berner Oberland, im Hotel Bären an der internationalen Konferenz von Kiental, noch einmal aufeinander. Lenin kann diesmal in der Schlussresolution vermehrt seine Positionen durchdrücken. Zurück in Zürich, versucht er aber vergeblich, die Schweizer Sozialdemokraten zu spalten. Robert Grimm lässt sich nicht austricksen. Und doch könnte ihn Lenins Einfluss radikalisiert haben. 1918 dirigiert Grimm den Landesstreik und legt sich so mit dem Schweizer Establishment an.

Spurloses Verschwinden aus dem biederen Bern

Als im Februar 1917 in Russland eine Revolution den Zaren stürzt, ist der Nachrichtendienst des Deutschen Reichs – anders als die Schweizer Polizei – über die Aktivitäten von Lenins Gruppe in der Schweiz informiert. Die Deutschen wissen, dass Lenin für eine Beendigung des Kriegs zwischen Russland und Deutschland einsteht. Und so sind sie bereit, die Gruppe um Lenin durch Deutschland ausreisen zu lassen und via Schweden und Finnland nach St.Petersburg einzuschleusen. Trotz des Streits mit Lenin ist noch einmal Robert Grimms Einfluss dazu nötig, mit dem deutschen Gesandten in Bern die Ausreisemodalitäten zu regeln.

Am 9.April 1917, dem Ostermontag, besammeln sich die reisebereiten 16 Personen, unter ihnen auch Ines Armand, im Café Zähringerhof in Zürich. Um 15.20 Uhr fährt der Zug am Hauptbahnhof ab. Dass die Gruppe in einem plombierten Wagen gereist sein soll, ist laut Willi Gautschi übrigens ein unbestätigter Mythos. Lenin hinterlässt kaum Spuren in der Schweiz. Anders als an der Zürcher Spiegelgasse gibt es in Bern nicht mal eine Gedenktafel. Die breite Schweizer Öffentlichkeit hat weder die Einreise noch die Ausreise des Mannes mitbekommen, der kurz darauf die Welt umkrempeln wird.

stefan.vonbergen@bernerzeitung.ch

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