Wer im Berner Stadtrat wie oft fehlte

Bern

Die berufliche Belastung ist die häufigste Entschuldigung, wenn Berner Stadträte ihre vielen Absenzen erklären. Die diszipliniertesten Stadtratsmitglieder kommen aus zwei linken Kleinparteien.

Die fleissigsten Sitzungsteilnehmer im Berner Stadtrat vorab. Es gibt tatsächlich einen Politiker, der seit Beginn der Legislatur am 1.Januar 2009 mit 216 Sitzungen bis Ende Oktober 2012 nur gerade 4-mal gefehlt hat: Luzius Theiler von der Grünen Partei Bern, einer Kleinpartei. Zwei weitere Ratsmitglieder fehlten weniger als 10-mal: Rolf Zbinden (PdA, fehlte 5-mal) und Stadtratspräsidentin Ursula Marti (SP, 9-mal). Auch Manfred Blaser (SVP, 10-mal), Hasim Sancar (GB), Martin Schneider (BDP) und Miriam Schwarz (SP, alle je 11-mal) haben sehr wenige Absenzen. Berücksichtigt bei dieser Erhebung sind jene Stadtratsmitglieder, die von Beginn der Legislatur an dabei waren und es auch jetzt noch sind.

«Ich? Sicher?»

Jene Ratsmitglieder, die am anderen Ende der Anwesenheitsliste stehen, reagieren alle gleich, wenn man sie auf ihre häufigen Absenzen anspricht: Sie sind erstaunt. «Ich? Sicher? Ich habe doch in diesem Jahr fast nie gefehlt», meint etwa Simon Glauser (SVP). Blickt er weiter zurück, hat er eine Erklärung: Als Kommandant im Militär habe er in der Tat oft im Stadtrat fehlen müssen. Mit dem Formstand des SCB hängen wiederum die Absenzen von Sue Elsener (GFL) zusammen. Jeweils im Frühling stehe sie als Fanarbeiterin im Einsatz, wenn der SCB in den Playoffs spiele, donnerstags – wenn eben auch der Stadtrat tagt.

«Das überrascht mich aber sehr, da ich zu denen gehöre, die selten fehlen», versucht Rania Bahnan Büechi (GFL) ihre 47 Absenzen zu erklären. Sie fehle nur, wenn sie beruflich engagiert oder in den Ferien sei, versichert die selbstständige Psychotherapeutin. Überrascht reagiert auch Christoph Zimmerli (FDP). In diesem Jahr habe er nur 2-mal gefehlt. Die häufigen Absenzen des Vaters von vier kleinen Kindern und Geschäftsleitungsmitgliedes einer Anwaltskanzlei stammen aus der Zeit vor 2011, als der Stadtrat noch wöchentlich tagte, hält er fest. «Das war schlicht nicht milizverträglich.» Mit Michael Köpfli (GLP) brachte er einen Antrag durch, der festschrieb, dass der Stadtrat ab 2011 nur noch alle zwei Wochen tagte.

Mit ihrem Beruf begründen Dolores Dana (FDP), Thomas Göttin (SP), Nicola von Greyerz (SP), Patrizia Mordini (SP), Gendermanagement SBB, und Christine Michel (GB) ihre Absenzen. Sitzungsbeginn um 17 Uhr, das sei für sie oft «zmitzt» am Nachmittag, sagt Dana. Bei der Swisscom betreut sie Projekte, «da kann ich mir die Zeit nicht völlig frei einteilen und bin auch oft im Ausland». So erklärt auch Thomas Göttin, Kommunikationschef beim Bundesamt für Umwelt, seine Absenzen. Nicola von Greyerz, tätig im Event- und Kommunikationsbereich, verweist auf Anlässe, die sie oft betreue – «und die finden halt auch ab und zu an einem Donnerstag statt». Christine Michel (GB) sagt, dass sie als Gewerkschafterin im ganzen Land unterwegs sei und leider nicht alle Termine nach dem Stadtrat richten könne.

Kinder und Krankheiten

Es gibt Stadtratsmitglieder, die öfter fehlten als die bisher Erwähnten. Stefan Jordi (SP) etwa (99-mal). Aus gesundheitlichen Gründen fiel er 2010 fast ein Jahr aus. Er ist darum in der Grafik nicht aufgeführt. Genauso wenig wie jene Stadträtinnen, die in der Legislatur Mutter wurden. Aline Trede (GB, fehlte 55-mal) war nach der Geburt ihres Sohnes im letzten Juni im Mutterschaftsurlaub und erklärt damit einen grossen Teil ihrer Absenzen.

Gleich zweimal während der laufenden Legislatur wurde Béatrice Wertli (CVP, 57 Sitzungen gefehlt) Mutter. Den Mutterschaftsurlaub habe sie zwar kurz gehalten, «aus Verpflichtung dem Amt gegenüber», sagt sie. Aber dennoch habe die Mutterschaft natürlich zu einigen Absenzen geführt. Sie erwähnt ferner ihr mehrfaches Engagement als Kommunikationsberaterin, Verbandspräsidentin, Familienfrau und Stadträtin. «Ich muss fallweise entscheiden, was möglich ist», sagt sie. Mit 53 Absenzen führt Hasim Sönmez (SP) die Rangliste an. Er habe viel Zeit und Energie in den Aufbau seines Restaurants gesteckt. Dieses heisst sinnigerweise «Parlament». Im echten Parlament war Sönmez jedoch «bei den wichtigen Geschäften immer dabei».

«Eltern ausgeschlossen»

Zurzeit tagt der Stadtrat fast wöchentlich, weil aufgrund des gedrängten Programms Zusatzsitzungen einberufen wurden. Eine Rückkehr zum Wochenrhythmus würde ganzen Personengruppen verunmöglichen, ein Mandat auszuüben, findet Zimmerli: «Eltern, Selbstständige und Unternehmer würden quasi vom Amt ausgeschlossen.»

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