Wenn Fabrikhallen zu grossen Denkfabriken werden

Bern

Am Samstag hat der neue Stadtspaziergang des Vereins Stattland «Bern architektonisch – Von Arbeitshäuschen, Fabriken und Luxusvillen» Premiere. Während 90 Minuten flanieren Zuhörer geführt durch das Länggassquartier.

Institut für Geologie der Uni in der Länggasse.<p class='credit'>(Bild: Andreas Blatter)</p>

Institut für Geologie der Uni in der Länggasse.

(Bild: Andreas Blatter)

Noch 1854 war sie eine unbebaute Landwirtschaftszone. Danach wurde sie von der Industrie entdeckt. Heute ist sie der Inbegriff der Denkfabriken: die Länggasse in Bern. Ihr widmet der Verein Stattland ihren neuen Stadtspaziergang. In 90 Minuten erfahren Mit-Spaziergänger von einer Führerin oder einem Führer, wie aus den Arbeiterhäuschen am ehemaligen Ziegelweg heute edle Wohnungen am Amselweg wurden, oder wie die «neue Sachlichkeit» den Jugendstil verdrängte.

Grösster Hörsaal

Der Spaziergang beginnt bei den alten Fabriken nahe des Güterbahnhofs. In ihren mit Backsteinen aufgefüllten Stahlfachwerkhallen baute die Firma Von Roll ab 1860, als der Eisenbahnanschluss bis hierhin kam, Waggons, Seilbahnen oder Weichen. Die ehemalige Weichenbauhalle dient seit Anfang des vergangenen Jahrhunderts der Uni Bern als Hörschulzentrum. Im Gebäude befindet noch der grösste Hörsaal der Uni mit 500 Plätzen. Für sein Bauwerk, das kulturell einmalig und ökologisch und wirtschaftlich vertretbar sei und über Pilotcharakter verfüge, wurde der Architekt gar ausgezeichnet.

Bauten von Tobler

Weiter gehts durch eine kleine Gasse ins ehemalige Arbeiterquartier. Die heutigen Wohnperlen mit Garten nach Südwesten wurden 1891 als Arbeiterhäuser für die Mitarbeiter von Tobler oder Von Roll erbaut. Den Kontrast zu den poetischen Häuserzeilen macht ein nahe gelegener, 180 Meter langer Eisenbetonskelettbau, der heute der Uni Bern als Institut für Geologie dient. 1930, also lange bevor Beton in den 70ern die Landschaft verschandelte, stand dieser riesige, an einen Ozeandampfer erinnernde, heute geschützte Koloss bereits. Innen verläuft eine von aktueller Künstlerhand gemalte rote Linie exakt 551 Meter über Meer durchs ganze Haus und schliesst sogar die Bücher der Bibliothek mit ein.

Paulus und die Falken

Die Pauluskirche steht ganz im Stil der «Jugend» um 1900 herum. Der 72 Meter hohe Turm ragt über das ganze Quartier, während Jesus im Kircheninnern die Kinder zu sich kommen lässt. In Jugendstil-Weiss und Gold gehalten, mit sanft blauer Kuppel und verspielten Blütenranken verzaubert das Sandsteingebäude mit dem mächtigen Paulus-Relief nicht nur regelmässige Kirchengänger.

Weiter gehts zur Falkenburg, 1895 Inbegriff der bürgerlichen Selbstdarstellung. Sie vermischt billigen Backstein mit teurem Sandstein, gotische Elemente mit Renaissance und Barock. Den Schluss des Spaziergangs macht das Areal der Villa Favorite aus der Epoche des Klassizismus. Die 1864 erbaute Villa mit ihren dazugehörenden Häusern, dem 27 Meter tiefen Brunnen und dem Umschwung, auf dem die einzige Gurken-Magnolie der Schweiz steht, ist eine Oase. Früher war sie Wohnsitz des grössten Arbeitgebers Berns, des Seidenfabrikanten Eduard Simon, später Sitz französischer Botschafter, danach Kurhaus, wieder später Spital der Diakonissinnen. Heute sind die Häuser Heimat mehrerer Privatfamilien. Am Ende des Rundgangs angekommen, bietet das Restaurant Veranda auf dem Areal angenehme «Revue-passier-Gelegenheit».

Bern architektonisch – Von Arbeiterhäuschen, Fabriken und Luxusvillen. Premiere: Samstag, 7.Mai, 14 Uhr. Weitere Aufführungsdaten: Verein Stattland, Tel. 031 371'10'17

Berner Zeitung

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