Was sein Baby ausmacht

Dänu Binggeli hat den umfangreichsten Plattenladen der Schweiz. Der Trailer zum BEsonders-Porträt.

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Mit einem Espresso, einer Zigarette und einem Schwatz mit seinem Schatz startet Daniel, genannt Dänu, Binggeli den Tag in der Zarbar. «Im Zar kennt man sich», erzählt Binggeli. Für ihn und seine Lebenspartnerin Isabel Blaser sei es wie ein zweites Wohnzimmer, sie wohnen direkt um die Ecke. Die langen Haare hat Binggeli hinter die Ohren gestrichen, ein schwarzer Lederhut ziert seinen Kopf, und auf seiner Nase sitzt seit Kindertagen eine Brille. Wegen der Bar hätten die Leute angefangen, sich im Mattenhofquartier zu grüssen, meint Binggeli: «Je nachdem, wer hier ist, wird es auch mal ein Tram später, bis ich im Shop bin.»

Der 57-Jährige führt seit 9 Jahren an der Effingerstrasse den ­Oldies Shop. Der Schallplatten­laden ist nicht nur stadtbekannt, auch Touristen halten sich tagelang bei Binggeli auf. «Es sind wenige, aber ja, manche fliegen wegen meines Ladens nach Bern. Ich fühle mich gebauchpinselt, wenn ein Londoner zwei Tage im Oldies Shop ‹diggen› kommt.» Den Laden startete Binggeli vor 30 Jahren, gemeinsam mit seinem Freund Daniel Hahn. «Ganz am Anfang mussten wir unsere eigenen Plattensammlungen als Basis investieren – das war hart», erinnert sich Binggeli, der seine erste Platte mit 12 Jahren gekauft hat: «The Book of Taliesyn» von Deep Purple.

Heute stehen im 150 Quadratmeter grossen Laden über eine halbe Million Tonträger. Binggeli kann die Zahl nur schätzen, ein Inventar zu erstellen, sei schlicht unmöglich. «Jede der Platten ist durch meine Hände gegangen, aber natürlich habe ich sie nicht alle gehört», sagt er. Seine musikalischen Vorlieben seien nicht avantgardistisch: Am liebsten hört er Rock aus den ­60er- und 70er-Jahren, Funk, Reggae oder Blues.

Vom Boden bis zur Decke

Wer eintritt, merkt schnell: Jeder Zentimeter ist genauestens geplant, die Eingangstür bringt man gerade knapp auf, bis zur Decke sind Platten gelagert. Es kommt nicht selten vor, dass Binggeli in die Höhe steigen muss. Dass er die gesuchte Platte findet, grenzt an ein Wunder. «Vielleicht würde den Kunden ein Plan helfen, damit sie sich nicht in den Gängen verirren», sinniert er und lacht eines seiner raren Lachen. Und etwas traurig fügt er an: «Ich musste Kameras installieren, weil es eben doch eine Versuchung ist.»

Hinter dem Tresen stapelt sich eine frisch angekaufte Sammlung mit 10 000 CDs, die kontrolliert und kategorisiert wird. Nicht nur hier im Hauptladen verkauft er, quer über der Strasse, bei Bhatti im Untergeschoss, führt er ein Outlet, wo jede Platte zwei Franken kostet. Dort sieht man, dass Binggeli nicht nur ein Musik- Aficionado ist, sondern auch ein Künstler: Aus Platten, die man nicht mehr verkaufen kann, fertigt er Bilder an. Wer nicht genau hinblickt, erkennt die zerstückelte Schallplatte darin kaum.

Beschallung reicht vielen

Vinyl erlebt seit längerem ein Revival, bestätigt Binggeli. Das hänge damit zusammen, dass heute so viel digital konsumiert werde, dass ein Teil der Leute wieder lieber Platten statt CDs kaufe. «Platten sind etwas Ursprüngliches, etwas Haptisches. Ob der Trend anhält, wenn all die billigen Plattenspieler kaputtgehen und Ersatz gekauft werden muss, werden wir sehen.» Den Qualitätsunterschied zwischen Platten und CDs höre man auf einer ­guten Anlage deutlich. Doch das ­gelte nicht für alle: «Vielen Menschen reicht es, wenn sie beschallt werden.»

Ab Mittag ist der Oldies Shop offen, dann treffen auch Binggelis Angestellte ein. «Ich schätze es, mit Freunden und meiner Partnerin Isabel zu arbeiten.» Mit ihr wohnt er unter der Woche im Mattenhofquartier. Zwei bis drei Wochenenden pro Monat verbringen sie im Berner Jura, wo er ein Häuschen besitzt. Gerne verlängern sie das Wochenende auch mal, denn sie wissen, dass gut für den Laden gesorgt ist.

Unverkäufliche Raritäten

Die Effingerstrasse ist nicht die erste Adresse des Oldies Shop: 22 Jahre lang befand er sich am Bollwerk. «Dann kam die Kündigung, und das war ein Schlag», erinnert er sich. Sein Freund und Geschäftspartner, Daniel Hahn, verliess den Laden. Anders Binggeli, der bis dahin nur Teilzeit ­gearbeitet hatte und seine Brötchen als Sekundarlehrer im seeländischen Dotzigen verdiente. Er investierte seine Pensionskasse und das Ersparte und heuerte zehn Leute an, die das Inventar während einer Woche zügelten. «Müsste ich heute noch einmal umziehen, wäre das mein Ruin. Die Menge der Platten hat sich seither verdreifacht.»

Unter all den Platten gibt es auch Raritäten. Beispielsweise eine Erstpressung von Velvet Underground, von Andy Warhol gestaltet, die Binggeli in dreifacher Ausführung hat: Das Original, das nicht mehr intakt ist – ein Neugieriger hat die aufgeklebte Banane weggerissen –, verkauft Binggeli für 390 Franken. Oben an der Wand hängt das intakte Original, das er auf 5000 Franken schätzt. Es ist unverkäuflich.

Binggeli ist sich bewusst, dass er sich mit dem Verkauf der Raritäten einen goldenen Lebensabend machen könnte. Sein Ziel ist es aber, aus den anderen Plattenverkäufen so viel Erlös zu machen, dass er mit dem Laden überleben kann. «Ich habe lieber einen geilen Plattenladen als ein fettes Portemonnaie.»

Das multimediale Porträt über den 57-jährigen Dänu Binggeli publizieren wir am Sonntag unter besonders.bernerzeitung.ch. (cla, rmo)

Erstellt: 16.03.2018, 10:49 Uhr

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