Warum er kein typischer Gümmeler ist

Das Velo ist der Lebensinhalt von Mischa Kästli. Der Trailer zum multimedialen Porträt über den 28-Jährigen.

Ein Vorgeschmack zur nächsten BEsonders-Folge: Mischa Kästli und sein Velo.

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Der Laden von Velo Terra in der Länggasse brummt, seit die Temperaturen wieder gestiegen sind. Mischa Kästli steht vor dem Zentrierständer, der an der Werkbank befestigt ist, und korrigiert die Speichenspannung, sodass das Rad wieder rund läuft. «Ein Rad zu bauen, ist die Königsdisziplin der Velomechaniker», erklärt der 28-Jährige. Wenn man es gut mache, halte das Rad 20 000 Kilometer. Dass er das bauen könne, sei eine grosse Befriedigung.

Ursprünglich arbeitete der gebürtige Vechiger in der KV-Branche, wo er es bald satthatte, das ewig gleiche «Bigeli» Papier auf dem Pult zu haben. Er wollte mehr die Hände brauchen und am Abend ein Resultat sehen. Gedacht, getan: Nach einem Praktikum bei Velo Terra machte er eine Lehre als Velomechaniker. Seit sechs Jahren flickt er mit seinem Chef Domenico Ciano zusammen Velos, von der «Bahnhofswedele» bis zum Triathlonraumschiff. Die beiden verstehen sich so gut, dass sie sich öfter zusammenreissen müssen, «sonst meinen die Passanten, dass wir gar nicht arbeiten».

Runter in eine fremde Welt

Das Velo war für ihn bis vor sechs Jahren nicht besonders wichtig. Heute erklärt er seine Faszination so: «Ich kann mich auf der coolsten, effizientesten und ästhetischsten Maschine ohne fremde Hilfsmittel fortbewegen. Ich kann damit einen Kontinent durchqueren oder einen Pass bezwingen, um auf der anderen ­Seite eine fremde Welt zu ent­decken.» Tatsächlich hat er eine Amerika-Tour von mehr als 7500 Kilometern gemacht, und in seinen Ferien ist sicher mindestens ein Klappvelo mit dabei. Seine Liebe zum Fahrrad hat er auch unter seiner Haut verewigt: «Velodiebe kommen in die Hölle», hat er sich auf seinen Unterarm tätowieren lassen.

Auf seinem Kopf ist stets eine Fahrradkappe, die Ohrläppchen sind mit einem sogenannten ­Lobe-Piercing versehen, und auf seiner Nase thront eine grosse Brille mit durchsichtigen Rändern. Kästli verkörpert die Generation junger, stylischer Velo­freaks, wie man sie seit einigen Jahren gerade in Städten antrifft. Wenn er spricht, tut er dies in ­ruhigem Tonfall, reflektiert und mit seltenen berndeutschen Wörtern.

Das Fahrrad ist ein steter Begleiter in Kästlis Alltag: «Wenn ich aufwache, sehe ich als Erstes einen Rahmen neben meinem Bett. Blicke ich aus dem Küchenfenster, sehe ich eines meiner Fahrräder draussen.» Den Kaffee trinkt er neben einem Fenstersims voller Velokappen, eine Pumpe steht allzeit bereit neben dem Küchentisch. Den ganzen Tag verbringt er in der Werkstatt, mittags macht er eine Ausfahrt in den Bremgartenwald oder nach Kirchlindach, und abends geht es mit dem Drahtesel zur Bandprobe nach Worb. Zu seinen Lieblingsstrecken gehört der Dentenberg bei Worb, «die kleinste Passstrasse der Region», wo man auf vier Arten rauf- und runterfahren könne.

Inklusive Wienerlikostüm

Bei Kästli zu Hause, einer Sou­terrainwohnung in der hinteren Lorraine, stehen acht bis zehn Fahrräder, schätzt er. Die meisten davon hat er selber zusammengebaut. Ein minimalistisches Bahnvelo, das nur aus Rädern, Rahmen, Sattel, Kurbel und Gabel bestehe, baue er in ungefähr anderthalb Stunden zusammen. «Ich bin zwar kein typischer Gümmeler, schaue nicht auf Wattzahlen oder Geschwindigkeit, aber ich habe schon auch ein Wienerlikostüm», sagt der drahtige Mann. Und spielt auf Hobbyrennvelofahrer an, die sich trotz Bierbäuchen in hautenge, knallfarbige Kleider quetschen.

Kästli fährt auch bei Wind und Wetter mit dem Göppel zur Arbeit. Jetzt im Frühling, wo wieder mehr Velofahrer mit ihm auf der Strasse sind, gibt es schon Situationen, in denen er sich aufregt: «Manche Velofahrer haben das Gefühl, dass sich die ganze Welt für sie interessiert», sagt er. Auch Autofahrer können seine Nerven reizen, weil sie seiner Ansicht nach «in einer Waffe sitzen». Aber er versuche, sich wenig zu nerven: «Ich denke dann, du machst das Coolste, du bist auf dem Velo und musst nicht in eine Blechbüchse sitzen.»

Velostadt und Velofreunde

Zur Velohauptstadt, als die sich Bern gern promotet, hat er eine klare Meinung: «Velofahren ist praktisch und billig, deshalb fahren so viele. Und wir wohnen in einer kleinen Stadt, um nicht zu sagen in einem Dorf.» Die Markierungen, die vergangenes Jahr auf den Fahrradstreifen angebracht wurden, findet er zwar gut, wenn auch nicht ganz alle verständlich seien. «Ich fühle mich hier sicher, aber ich fahre keinen Meter ohne Helm. Manchmal erwische ich mich, wie ich selbst für eine kurze Testfahrt mit einem Kundenfahrrad den Helm an­ziehe», erklärt er und lacht. Unter dem Helm ist immer auch noch ein Fahrradhut zu finden.

Durch sein Interesse an Fahrrädern habe er besondere Menschen kennen gelernt: Velokuriere, die einen engen persönlichen Bezug zum Fahrrad haben; oder Reisende, die mit dem Velo, mit Packtaschen quer durch Wüsten gefahren sind. Plant er eine Städtereise, überlege er sich stets, welche Veloläden er besuchen möchte.

Als Drummer voll im Moment

Nicht nur bei mechanischen Arbeiten sind seine Hände zen­tral, auch in den zwei Bands, mit denen er auftritt. Seit er 6 Jahre alt ist, spielt er Schlagzeug. «Wenn ich auf dem Velo sitze oder Schlagzeug spiele, habe ich ähnliche Empfindungen. Ich bin hermetisch abgeriegelt und voll im Moment», sagt er.

Gerade letzte Woche hat er mit seiner Band Horace das erste Album herausgegeben. Bei der Plattentaufe, die im Rössli in der Reitschule stattfand, war bereits der Soundcheck ohrenbetäubend. Zwar spielte Kästli in kurzen Hosen, und auch sein Käppi war noch auf dem Kopf, aber bereits nach einem Song mussten Letz­teres und das T-Shirt weg. Ko­ordinativ und körperlich sei Schlagzeugspielen ähnlich anspruchsvoll wie Velofahren, vor allem weil er nicht gerade in einer Jazzband spiele, sondern etwas härter und auch öfters seine Stöcke kaputtgingen. «Ich mag nicht sanft spielen, das fägt einfach nicht.» Claudia Salzmann

Das Porträt finden Sie hier. (bm, cla)

Erstellt: 23.03.2017, 16:46 Uhr

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