Warten mit Camenisch

Zwei Männer warten am Schlepplift auf Kundschaft. Kommt er denn überhaupt noch einmal, der Schnee?  Konzert Theater Bern bringt zum dritten Mal ein Arno-Camenisch-Buch auf die Bühne.

Paul und Georg fragen sich: Wo bleibt der Schnee? Foto: Annette Boutellier

Paul und Georg fragen sich: Wo bleibt der Schnee? Foto: Annette Boutellier

Michael Feller@mikefelloni

Kaffee trinken, Karten spielen, Ausschau halten mit dem Feldstecher: Die zwei haben es sich gemütlich eingerichtet, doch zu beneiden sind sie nicht. Paul (Jonathan Loosli) und Georg (David Berger) warten, bis es losgeht. Bis die ersten Skifahrer des Winters kommen. Doch sie warten vergebens. Wo kein Schnee ist, will niemand fahren. 

«Der letzte Schnee», das ist ein wenig wie «Warten auf Godot» im Bündnerland. Im Samuel-Beckett-Klassiker warten Estragon und Vladimir irgendwo im Nirgendwo auf Godot, der nie kommen wird. Paul und Georg, den Protagonisten in «Der letzte Schnee» von Arno Camenisch, geht es nicht viel anders.

Das Warten ist ähnlich absurd wie bei Godot: Dass auf der anderen Seite des Fernrohrs die Gletscher abbrechen, dass sich das Klima verändert, das wissen die beiden. Dass dies ihre Auf­gabe bedroht, verdrängen sie indes bestens. Durch Routine. Am Morgen das Schild «Skilift offen» aufstellen, Billette für Kinder, Erwachsene und Senioren bereitlegen, dann Buch führen, Apéro. Und dazwischen allerlei Sprüche und Geschichten zum Besten geben. 

Autor Arno Camenisch hat das 99 Seiten schmale Büchlein 2018 veröffentlicht, nun bringt es Konzert Theater Bern schon in dramatisierter Form auf die Vidmar-1-Bühne. Bereits «Ustrinkata» und «Fred und Franz» wurden in Bern als Theater uraufgeführt. Mit Erfolg. Camenisch hat beim Berner Theaterpublikum eine Fangemeinde. Diese kommt auch beim dritten Streich auf ihre Kosten.

Aus dreierlei Gründen: Weil wieder einfach erzählt wird, aber doppelbödig geschürft. Weil Jonathan Loosli wieder dabei ist und er einfach zu diesen Camenisch-Typen passt. Wobei auch zu sagen ist, dass Letzteres auf David Berger ebenso zutrifft.

Und weil eben mehr gemacht wird, als einfach nur nachgespielt. Im Theater treten zwei weitere Figuren auf, genannt laut Programmheft «Spezialisten der Vergänglichkeit» (Luka Dimic, Mathis Künzler).

Sie amten als Erzähler, zugleich räumen sie die herzallerliebst hergerichtete Talstation (Bühne: Markus Karner) Stück für Stück aus: Zuerst nur die Kaffeemaschine, schliesslich nehmen sie das Häuschen auch noch auseinander. (Dramaturgie: Michael Gmaj, Regie: Jonas Knecht). Paul und Georg warten und merken nichts.  

Auch wenn sich dieses Warten ein wenig in die Länge zieht (aber Warten zieht sich ja immer in die Länge): «Der letzte Schnee» lohnt einen Besuch in den Vidmarhallen. Nicht zuletzt wegen einer, die mit ihrer weltentrückt schönen Stimme, mit der Zither und mit dem Kontrabass den Schnee, der nicht so recht kommen will, vorwegzunehmen scheint: Musikerin Anna Trauffer. Ihr könnte man ewig zuhören. Komme, was wolle.

Nächste Vorstellung: Dienstag, 12.11., 19.30, Vidmar 1, Liebefeld. Bis 31. März.

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