Bern

«Müslüm sagt, was viele denken»

BernMit dem Video zum Song «Erich, warum bisch du nid ehrlich?» erobert der Berner Komiker Semih Yavsaner alias Müslüm die Youtube-Charts. Politisches Engagement für die Erhaltung der Reitschule erachtet er als eine Selbstverständlichkeit.

Schrille Kultfigur: Semih Yavsaner hat das Alter Ego Müslüm geschaffen.

Schrille Kultfigur: Semih Yavsaner hat das Alter Ego Müslüm geschaffen. Bild: zvg

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Im Song «Erich, warum bisch du nid ehrlich?» rechnen Sie mit dem JSVP-Politiker Erich Hess ab, der sich für eine Schliessung der Reitschule engagiert. Sind Sie ein politischer Mensch?
Semih Yavsaner: Ich erachte meinen Entschluss, kulturpolitisch aktiv zu werden, als selbstverständlich. Es ist sozusagen die Pflicht jedes Berner Kulturschaffenden oder Kulturliebenden, sich für den Erhalt des kulturellen Austausches in unserer Stadt zu engagieren. Nicht Sprüche sind es, woran es fehlt in diesen Tagen, sondern Taten.

Was würden Sie in der Schweiz denn ändern, wenn Sie hier alleiniger Präsident wären?
Man kann in der Schweiz schon als einfacher Bürger sehr viel verändern, dazu braucht man nicht Präsident zu sein. Mir ist es wichtiger, kulturell viel zu bewegen und mich für Gutes zu engagieren. Die Politik überlasse ich nach meinem kleinen Ausflug in die Hitparade wieder den Politikern – ich beschäftige mich danach wieder mit meiner wahren Liebe, der Unterhaltung. Vorausgesetzt natürlich, die Bernerinnen und Berner stimmen am 26.September mit einem saftigen Nein gegen die Reitschule-Initiative.

Was für ein Verhältnis haben Sie denn zur Reitschule?
Ein sehr intimes. Ich gehe sogar so weit, dass ich sage: Wäre die Reithalle eine Frau, dann würde ich mit ihr permanent Liebe machen. Die Reitschule ist die einzige Schule, die wirklich Spass macht!

Über 190'000-mal wurde Ihr Video auf der Videoplattform Youtube bereits angeschaut – was geht Ihnen bei dieser Zahl durch den Kopf?
Dass die Kunst ein wirksames Medikament ist, um unsere «irritierte» Gesellschaft wieder zur Besinnung zu bringen. Zugleich sind diese Besucherzahlen auf Youtube der Beweis dafür, dass sich das Berner Volk nicht von den polemischen Äusserungen unserer Widersacher manipulieren lässt, sondern den kulturellen Austausch, der in der Reithalle stattfindet, schätzt und sich mit uns Kulturschaffenden solidarisiert.

Auf Youtube sind auch Telefonscherze, die Sie fürs Radio eingespielt haben, online. Warum löste nun gerade «Erich, warum bisch du nid ehrlich?» so einen Hype aus?
Ich denke, Müslüm sagt genau das, was viele Menschen hier schon lange mal hören wollten. Direkt und ohne Filter. Und klar, ich hatte unglaublich engagierte und talentierte Freunde um mich. Zum Beispiel Florian Wyss, der Regisseur vom Video. Er hat die Stimmung beim Dreh einfangen und die Energie visuell transportieren können. Er hat grossen Anteil am Erfolg.

Sie sind nicht der erste Komiker, der mit einem forcierten, türkischen Akzent auf kontroverse Gesellschaftsthemen aufmerksam macht, da gibt es etwa Erkan und Stefan oder Kaya Yanar im deutschen TV. Sind das Ihre Vorbilder?
Meine Bewunderung gilt den Menschen, die Grosses bewirken und dabei stets Mensch bleiben. Zum Beispiel traf ich mich letztes Jahr mit Kaya Yanar («Was guckst Du?») zu einem Interview für ein privates Radio. Ein sehr intelligenter und humorvoller Mensch, wirklich beeindruckend. Auch er hat starke Figuren erschaffen, die auf der Bühne wie auch in einem TV-Sketch wunderbar funktionieren.

Neu kann man Ihren Song auch im Internet kaufen, zudem sind Sie auf dem Album «Reitschule beatet mehr» vertreten. Was stellen Sie mit all dem Ruhm und Geld an, das Sie damit verdienen?
Am liebsten würde ich dem Erich Hess und dem Thomas Fuchs einen Afrikatrip offerieren, weit weg von der zivilisierten Welt, tief in den Dschungel. Vielleicht würde das bewirken, dass sich ihr menschlicher Horizont erweitern würde und wir in Zukunft über relevantere Themen diskutieren könnten, die unsere wunderschöne Stadt kulturell aufwerten würden, und nicht über die Schliessung des Berner Kulturmekkas. Aber eben, das ist so eine Sache mit dem Musikmachen und Geldverdienen Daher lässt der Afrikatrip für die beiden Herren wohl noch auf sich warten.

Haben Sie keine Angst, dass sich nach der Reitschule-Initiative niemand mehr für Müslüm interessiert?
In einer Zeit, in der Mike Shiva mehr Geld umsetzt als der WWF oder sonst eine Wohltätigkeitsorganisation? In einer Zeit, in der ein Erich Hess es zum Vorsitzenden einer Partei schafft? In so einer Zeit werden sich auch weiterhin viele Menschen für Müslüm interessieren und sich für die Figur begeistern. Hinzu kommt – und das mag jetzt ziemlich einfach klingen, trifft aber völlig zu –, dass ich niemanden kenne, der nicht gerne lacht. Und solange das so bleibt, wird sich der «Hans-Ruedi-Normalverbraucher» für Müslüm begeistern. (Berner Zeitung)

Erstellt: 23.08.2010, 09:11 Uhr

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Vom Radio in die Charts

Hinter Müslüm steckt der 30-jährige Berner Komiker Semih Yavsaner. Aufgewachsen in einer türkischen Gastarbeiterfamilie, wusste er früh, dass er Unterhalter werden wollte. Zuerst jobbte er beim Radio, wo er als Müslüm unter anderem Telefonscherze machte. Für den Schweizer Kinofilm «The Ring Thing» schrieb er den Soundtrack. Mit «Erich, warum bisch du nid ehrlich?» schrieb der nachdenkliche Komiker einen Song gegen die Reitschule-Initiative und landete damit prompt einen Hit auf der Videoplattform Youtube.com. In der Radio-Hitparade könnte sein Hit erstmals am kommenden Sonntag auftauchen.

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