Von der Moschee in die christliche Bibelstunde

Köniz

Die Evangelisch-methodistische Kirche lädt regelmässig Asylsuchende zu Bibelstunden ein. Besucht werden sie von Iranern, die vom Islam zum Christentum konvertiert haben.

Mit der Bibel auf Persisch in der Hand: Die Bibelstunde ist auf die Asylsuchenden zugeschnitten.

(Bild: Christian Pfander)

Am Tisch wird es still. Während die einen andächtig in die Runde schauen, vergraben die anderen den Kopf in den gefalteten Händen. Alle wirken ernsthaft und konzentriert, als Werner Eschler zum Gebet anhebt und darum bittet, «dass wir zu leben versuchen, was wir gerade gelernt haben». Wer will, ergänzt nun die Wünsche des Pfarrers mit seinen eigenen, schliesslich sprechen alle gemeinsam das Amen. Der Abend ist offiziell zu Ende.

Es ist wie immer am Dienstagabend, wenn im Säli der Kapelle von Schlatt bei Gasel die Bibelstunde zu Ende geht. Neun junge Männer sind diesmal an den Versammlungsort der Evangelisch-methodistischen Kirche gekommen, die hier, im oberen, ländlichen Teil von Köniz, zu Hause ist.

Es sind Asylsuchende, die alle in irgendeiner Art im Iran verwurzelt sind. Ihnen bietet die Freikirche jede Woche einen Abend, der ganz auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten ist. Dass die Bibel auf Persisch gelesen wird, ist deshalb selbstverständlich; dass in der Runde neben Hochdeutsch auch Persisch gesprochen wird, ebenfalls. Eine Freiwillige übersetzt.

Zugang zu den Schweizern

Was Iraner, gemeinhin doch Anhänger des Islam, in einer christlichen Bibelstunde machen? «Sie sind einfach gekommen», sagt Ueli Stähli, BDP-Grossrat und aktives Mitglied der Evangelisch-methodistischen Kirche. Wie genau sie den Weg zu seiner Gemeinde gefunden haben, weiss er im Detail auch nicht.

Eine Rolle spielt wohl ihre Unterkunft, die meisten leben oder lebten zumindest mal in einer Unterkunft auf Könizer Gemeindegebiet. Wichtig sind weiter persönliche Bekanntschaften, plötzlich kommt der Kollege und später der Kollege vom Kollegen mit. Wobei: Wie genau die Asylsuchenden in die Kapelle fänden, sei von aussen nicht immer nachvollziehbar, relativiert Stähli. Und macht gleichzeitig klar, dass die Gruppe keine fixe Grösse ist, es immer wieder zu Wechseln kommt.

«Unser Pfarrer ist auch offen, spricht die Leute auf der Strasse an», fährt Stähli fort. Um gleich nochmals zu relativieren und so voreiligen Schlüssen zuvorzukommen: Nein, ums Missionieren gehe es nicht. Seine Kirche wolle den Asylsuchenden vielmehr eine Heimat, einen Zugang zur Schweiz und zu den Schweizern bieten.

«Die Asylbewerber vermissen bei uns die Grossfamilie.»Ueli Stähli

Stähli erinnert daran, dass sie neben der Bibelstunde regelmässig auch den Gottesdienst besuchen und dort auf die Predigtgänger treffen: «In ihrer Kultur ist die Grossfamilie zentral, und die vermissen sie bei uns.» Ihnen sei völlig fremd, dass sich die Freizeit hierzulande vor allem im kleinen Kreis abspiele.

Schon früher in Kontakt

Trotzdem. Ob sich mit dem Bekenntnis zum Christentum nicht auch die Hoffnung verbindet, im Asylverfahren von vornherein bessere Chancen zu haben? Wieder ist es Stähli, der erklärt, dass von den neun kaum einer mehr in die alte Heimat zurückkehren könnte, ohne ernsthafte Probleme zu bekommen.

Gleichzeitig sagt er aber auch, dass viele mit dem Glauben nicht erst in seiner Kirche in Kontakt gekommen seien. Auf eine entsprechende Frage in die Runde bleibt es wie so oft an diesem Abend länger still. Bis einer doch noch erzählt: Ja, er habe schon zu Hause im Iran einen christlichen Hauskreis besucht. Und ein anderer ergänzt: Den ersten Christen habe er noch während der Flucht in der Türkei getroffen.

Die Hoffnung auf einen generellen Vorteil wäre ohnehin vergebens. Nicht nur, weil der Bund jeden Fall einzeln prüft und dabei die Religion zwar berücksichtigt, aber nicht als einziges Kriterium gelten lässt. Auch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte machte letztes Jahr klar, dass nur der Wechsel vom Islam zum Christentum keinen Asylgrund darstellt.

In diesem Sinne stützte er einen Entscheid der Schweiz, die einen bekehrten Iraner zurückschicken wollte: Der Betroffene sei nur ein gewöhnliches Gemeindemitglied und habe sich als Christ nicht exponiert, heisst es dazu im Urteil. So müsse man nicht damit rechnen, dass er in der alten Heimat als abgefallener Muslim bekannt sei.

David statt Mohammed

Die jungen Männer im Säli dagegen dürften in ihrer Vergangenheit kaum so unauffällig gewesen sein. Zumindest einzelne nicht – wieder ergreift an ihrer Stelle Stähli das Wort, sagt, dass oft gerade Probleme mit der muslimischen Elite der Grund für die Flucht seien.

Wie bei jenem, der sich an der Vorschrift stiess, in langen Hosen baden zu müssen. Und bei jenem, der Fragen zum Islam stellte, zuerst vom Imam abgewimmelt – und dann regelrecht aus der Moschee getrieben wurde. «Sie haben mit dem Islam abgeschlossen.»

Das ist zum Teil sehr augenfällig in dieser Runde in Schlatt. Unübersehbar trägt einer ein Kreuz um den Hals, das christliche Symbol schlechthin. Ein anderer hat den Bruch über seinen Namen vollzogen. Statt Mohammed wie der Prophet im Islam nennt er sich nun David.