Von Heuballen und Traktoren

Für einen Vormittag wechselt Regierungsratskandidat Hans Kipfer (EVP) den Job: Der Hotelier packt auf einem Bauernhof mit an. Die Arbeit weckt bei ihm Kindheitserinnerungen.

Der EVP-Regierungsratskandidat packte auf einem Bauernhof mit an. Video: Florine Schönmann

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Hans Kipfer sitzt mit einer Selbstverständlichkeit hinter dem Steuer des Traktors, als hätte der EVP-Grossrat nie etwas anderes getan. Eine halbe Stunde zuvor sagte er zwar noch, dass er vor den grossen Maschinen mehr Respekt habe als vor den Tieren. Davon ist aber nichts zu sehen. Gang rein, Bremse lösen, Kupplung kommen lassen. Eine kleine Abgaswolke schiesst aus dem Auspuff, und das tonnenschwere Gefährt setzt sich in Bewegung.

Die Kühe auf dem Hof von Landwirt Hansueli Strahm in Münsingen benötigen neues Heu. Deshalb fährt Kipfer hinter der Scheune mit genügend Schwung rückwärts auf die weissen Ballen zu und spiesst eine von ihnen mit einer Art Lanze auf, die hinten am Traktor befestigt ist. «Wo ist der Hebel zum Hochfahren?», fragt Kipfer. Nach einer kurzen Erklärung hebt die Lanze den Heuballen in die Höhe. Zurück gehts mit dem Futter zum Stall.

Hans Kipfer ist von Beruf Hotelier – seit einem Jahr führt er das Schlossgut Münsingen. Für den Jobwechsel mit dieser Zeitung ging der Regierungsratskandidat aber für einen halben Tag an die Front jener Direktion, die ihn bei einer allfälligen Wahl am 25. März besonders interessieren würde. Mit seiner Erfahrung in der Gastronomie und im Tourismus ist das die Volkswirtschaftsdirektion, zu der auch die Landwirtschaft gehört.

Vom Hof von Hansueli Strahm bezieht Kipfer zudem Produkte für das Restaurant Schlossgut. «Die Arbeit hier weckt aber auch Kindheitserinnerungen», sagt er. Verwandte von ihm führen einen Bauernhof, auf dem der Politiker als Kind immer wieder mitangepackt hat. Deshalb sass er auch schon einige Male am Steuer eines Traktors. «Das ist aber lange her.»

Dass Kipfer viele der Arbeiten nicht zum ersten Mal ausführt, ist an diesem Morgen in Mün­singen nicht nur beim Umgang mit Fahrzeugen augenfällig. Er ist kaum zu stoppen. Den Heuballen schneidet er im Stall mit einem Teppichmesser auf. Das neue Futter verteilt Kipfer mit der Heugabel auf dem Boden, sodass die Kühe wieder etwas zu fressen haben, wenn sie zurück im Stall sind. Zuvor gilt es aber noch, diesen zu reinigen und Mais zu holen.

Ohne zu murren, leistet Kipfer den Anweisungen Strahms Folge. Zuerst kehrt er mit einem Besen den Mist nach draussen, anschliessend stapft er durch den Schnee zum Silo. Darin lagert Strahm den Mais, der als Futterergänzung für die Kühe dient. Über eine schmale Leiter klettert Kipfer einige Meter in die Höhe und verschwindet durch ein Törchen im Silo. Schaufel um Schaufel befördert er anschliessend den Mais nach draussen.

Er sei es nicht gewohnt, körperlich zu arbeiten, sagt der Regierungsratskandidat jedoch. Entsprechend anstrengend sei für ihn dieser Jobwechsel. «Da ich aber gesund bin, ist dies kein Problem.» Zudem arbeite er gern mit den Händen. Auch wenn es nicht so ausgesehen habe, sei die grösste Herausforderung für ihn das Traktorfahren gewesen.

Der Einblick auf dem Bauernhof habe ihm einmal mehr gezeigt, wie wichtig die Landwirtschaft für den Kanton Bern sei. Zentral findet Kipfer dabei, dass sich die Bauern möglichst regional ausrichten und versuchen, die Produkte auch vor Ort zu vermarkten. «Grossbetriebe wie in den Niederlanden wären hier fehl am Platz.»

Zufrieden ist auch Kipfers temporärer Chef. «Ich bin positiv überrascht, wie gut er mitangepackt hat», sagt Hansueli Strahm. Bevor aber der Einsatz an diesem Morgen endet, muss Kipfer noch ein letztes Mal sein Können als Bauer unter Beweis stellen. Die Kühe müssen zurück in den Stall getrieben werden. Bei den meisten Tieren funktioniert dies reibungslos. Eines jedoch will nicht so recht und bleibt dauernd stehen. Auch nettes Zureden nützt nichts.

Erst als Kipfer die Kuh mit den Händen in Richtung Stall schiebt, kommt sie wieder in Bewegung. Drinnen zwängt er sich zwischen die bereits angebundenen Tiere und die Nachzüglerin. Und nach einigen wenigen Handgriffen ist schliesslich auch die letzte Kuh am richtigen Platz festgebunden. (Berner Zeitung)

Erstellt: 17.01.2018, 06:39 Uhr

Jobwechsel Teil 3

Raus an die Front, in eine andere Rolle schlüpfen. Mit dem Zivilschutz die Lauberhornstrecke in Schuss bringen, mit der Spitex auf Pflegetour gehen, auf der Baustelle eine Schwarzarbeitskontrolle durchführen: Das ist die Idee hinter der Serie «Jobwechsel» dieser Zeitung. Die zehn Regierungsratskandidatinnen und -kandidaten durften sich je einen Beruf aus einer der sieben kantonalen Direktionen aussuchen und für einige Stunden ausüben. Sie mussten sich bei der Auswahl entweder auf ihre heutige Direktion beschränken oder auf jene, die ihre Vorgänger heute führen. Ganz frei wählen durften einzig die beiden Vertreter der Nichtregierungsparteien GLP und EVP. phm

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