Bern

Von Bethlehem bei Jerusalem nach Bethlehem in Bern

BernNaeem Abu Tayeh ist bei Bethlehem aufgewachsen und wohnt jetzt in Bethlehem. Zwischen den beiden Orten jedoch liegen 2900 Kilometer. Der Palästinenser Tayeh kam von Jerusalem nach Bern – und hat eine neue Heimat gefunden.

«Natürlich feiere ich Weihnachten», sagt der Palästinenser Naeem Abu Tayeh.

«Natürlich feiere ich Weihnachten», sagt der Palästinenser Naeem Abu Tayeh. Bild: Urs Baumann

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Wenn es einen leibhaftigen Geist der Weihnacht gibt, dann ist er Muslim und lebt in Bethlehem. Genauer: in Bethlehem bei Bern – gleich neben der Kirche in einem unauffälligen Haus im ersten Stock. Hier hat vor fast sieben Jahren Naeem Abu Tayeh Quartier bezogen. Ein gebürtiger Palästinenser, der die Gabe hat, auf Anhieb Freundlichkeit und Wärme auszustrahlen. Der 58-Jährige ist Krankenpfleger, Sozialarbeiter und Friedensaktivist in einem – wer bei ihm klingelt, dem wird schnell warm ums Herz. «Komm nur rein», sagt er dann mit einem Lächeln auf den Lippen. Und schon ist man per Du.

Leben im Krieg

Naeem Tayeh ist im Ostteil Jerusalems geboren, später in Bethlehem zur Schule gegangen. Als er gerade mal 13 Jahre alt war, erlebte er den Ausbruch des Sechstagekrieges zwischen Israel und den arabischen Staaten Ägypten, Syrien und Jordanien. «Ich war auf dem Weg nach Hause, als ich plötzlich Schüsse hörte», erinnert er sich noch heute an das prägende Erlebnis. Er rannte in Panik nach Hause, kurz darauf floh seine Familie aus der Stadt. «Sechs Tage lang versteckten wir uns in einer Höhle ausserhalb Jerusalems», erzählt Tayeh. «Und als wir zurückkamen, war alles anders.» Eine Ausgangssperre erschwerte das Leben, der Schleier des Krieges lag über dem Alltag in Jerusalem – erst nach und nach kehrte die Normalität zurück.

Trotz diesen Erinnerungen spricht Tayeh gerne von seiner Zeit in der heiligen Stadt. «Damals war Jerusalem viel offener als heute», sagt er. «Juden kamen am Sabbat ins muslimische Quartier zum Einkaufen, weil ihre Läden geschlossen waren.» Keine Checkpoints, keine Mauer, keine Separation – die Religionen lebten weitgehend friedlich nebeneinander. Eine Erfahrung, die bis heute in Naeem Abu Tayeh nachhallt.

Dem muslimischen Glauben zum Trotz hatte er damals viel Kontakt zur deutschen Luther-Kirche in Jerusalem. Diese Verbindung half ihm 1980, als er seine Heimat verliess, um in Deutschland eine Ausbildung zum Krankenpfleger zu absolvieren. Sechs Jahre später zog es ihn in die Schweiz. Nach verschiedenen Stationen in und um Bern landete er 2006 in Bethlehem. «Lustig war das schon», sagt der gebürtige Palästinenser rückblickend. «Meine Freunde in Jerusalem lachten, als ich ihnen erzählte, es gebe in Bern ein zweites Bethlehem.»

Die goldene Regel

Dank seiner offenen Art fand er auch hier schnell Freunde. «Man kann überall akzeptiert werden», glaubt Tayeh. «Der Mensch ist entscheidend, nicht die Religion.» Heute arbeitet der Wahlberner als Pfleger in einem Blindenheim, in seiner Freizeit engagiert er sich für den interreligiösen Dialog und die palästinensischen Flüchtlinge. Dass er dabei oft mit der reformierten Kirche zusammenarbeitet, ist für ihn nur logisch: «Wir vertreten dieselben Werte und verfolgen die gleichen Ziele», sagt er. Dabei halte er sich stets an die goldene Regel, die sinngemäss in ähnlicher Form in jeder der grossen Weltreligionen vorkomme: «Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem anderen zu.»

Wahrlich hatte er nie Berührungsängste, wenn es um Religionen geht. Er hat eine katholische Frau geheiratet und hat viele jüdische Freunde in Bern. Und der Sohn, für welche Religion hat er sich entschieden? Der Vater winkt ab. «Er hat immer gesagt, er sei beides», sagt Tayeh, lacht und schenkt dem Gast eine neue Tasse Tee ein.

Sein «Haus der Religionen»

Sein Wohnzimmer in Bethlehem präsentiert sich denn auch als Sammelsurium der Religionen und Kulturen. An der Wand hängen Bilder der Stadt Jerusalem, auf einer Kommode steht eine Engelsfigur neben einem kleinen Buddha. Eine grosse Karte der Region Palästina hängt über einem orientalisch geprägten Sofa – nicht weit daneben eine Figur des Hindugottes Ganesha und brennende Kerzen, die weihnächtliche Stimmung verbreiten. «Natürlich feiere ich Weihnachten», sagt Naeem Tayeh ganz selbstverständlich. Vielleicht werde er in die Kirche gehen, vielleicht auch mit Freunden feiern. Was dabei im Zentrum stehen wird, ist klar: der Mensch, nicht die Religion.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 22.12.2012, 16:00 Uhr

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