Riggisberg

Vom Bombenhagel reden nur noch wenige

RiggisbergEine Erinnerung verblasst. Heute weiss kaum mehr jemand richtig, was vor 70 Jahren in Riggisberg passiert ist. Dabei gingen damals über 200 Bomben auf das Dorf nieder.

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Ein Gedenkstein? Und Bomben? Tatjana Laudati schüttelt den Kopf. «Nein», sagt sie dann, davon höre sie zum ersten Mal. Dabei ist die 19-jährige Stiftin in der Region aufgewachsen. Sie hat schon in Wattenwil, Mühlethurnen und Helgisried gewohnt, und auch Riggisberg, wo sie nun vor der Post auf das Postauto wartet, ist ihr ja eigentlich vertraut.

«Ich komme selten dort vorbei», fügt sie fast entschuldigend an. Und blickt über die Strasse hinweg zum jenseitigen Trottoir.

Dem Gewitter ausgewichen

In der Tat fällt das Mahnmal auf der anderen Seite nicht auf den ersten Blick auf. Etwas verdeckt von einer halbhohen Föhre steht der Stein hinter dem Trottoir in einer Rabatte. Ein kleines Schild klärt darüber auf, woran er erinnern soll. «Bombardierung von Riggisberg» steht da, und in etwas kleinerer Schrift darunter: «12. auf 13.Juli 1943». Nebenan strahlt eine Sonne – oder ist es am Ende ein Lichtblitz?

Genau 70 Jahre wird es also heute Abend her sein, seit das Dorf einen kurzen Moment lang in den Strudel des Zweiten Weltkriegs gezogen wurde. Ein britischer Bomber, der die Schweiz von Norden her in Richtung Italien überquerte, hatte seine Last abgeworfen. Es war eine Notmassnahme: Der Pilot wollte über eine Gewitterwolke aufsteigen und musste seiner für dieses Manöver zu schweren Maschine Erleichterung verschaffen.

Auch Käthi Haldimann ist an diesem Mittag in Riggisberg unterwegs. Die gebürtige Winterthurerin ist vor 20 Jahren hergezogen, doch von den Bomben, erklärt sie, rede heute im Dorf so gut wie niemand mehr. Dass es den Stein gibt, weiss sie dennoch. «Ich bin seit je an Geschichte interessiert», fährt die 63-Jährige fort und erzählt von einem alten Heft, das die Nacht von 1943 ausführlich schildere. Ein Exemplar habe sie wohl noch.

Über 200 Bomben mit einem Gesamtgewicht von 1,2 Tonnen gingen damals über Riggisberg nieder, unter ihnen eine schwere Sprengbombe, eine Splitterbombe sowie etliche Phosphor- und Stabbrandbomben. Sie schlugen auf einer Länge von einem Kilometer und einer Breite von 250 Metern ein. Zwei Bomben trafen Häuser im Dorf, die grösste Bombe fiel auf die Moosmatt. Sie bohrte sich 4 Meter in den Boden, bevor sie explodierte.

Auf dem Horchposten

«Ich hörte die Nachricht im Radio.» Paul Huber ist 87 Jahre alt, und er weiss noch gut, was er damals als 17-jähriger Jüngling und Zivilschützer in der Stadt Bern erlebte. Regelmässig seien Bomber über die Schweiz geflogen, erzählt er auf dem Vorplatz zur Post Riggisberg. «Jedes Mal ging der Alarm. Ich bezog den Horchposten und blieb, bis nach vielleicht einer Dreiviertelstunde die Entwarnung kam. Meist liess der nächste Alarm aber nicht lange auf sich warten – die Nächte waren jeweils kurz.»

Gespenstisch muss es vom 12. auf den 13.Juli 1943 in Riggisberg gewesen sei. Noch vor 10 Jahren berichteten Augenzeugen über den Bombenhagel, als ob er gestern gewesen wäre. Über die ohrenbetäubende Explosion. Über die brennenden Häuser und Felder. Über die riesige Druckwelle, die Dächer abdeckte, Fenster zum Bersten brachte und fast an jedem Haus Schaden hinterliess – dass es in dieser Situation keine Toten gab, grenzte fast an ein Wunder.

Die Mutter erzählte

Wie sehr diese Erinnerung heute am Verblassen ist, machen wiederum die zwei letzten Passanten in dieser Mittagsstunde deutlich. Der 24-jährige Christoph Wenger hat zwar einmal «irgendetwas von meiner Mutter gehört», der 60-jährige Heinz Marthaler einmal «irgendetwas am Gedenkstein gelesen».

Doch Details über die Bombennacht vor 70 Jahren? Da müssen beide passen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 12.07.2013, 11:35 Uhr

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