Vom Beobachter zum Versteher der Schweiz

Bern

Der in Bern lebende englische Autor Diccon Bewes hat mit «Swiss Watching» einen Bestseller abgeliefert. Die deutsche Übersetzung des Buches macht ihn nun zum «Schweizversteher». Bewes' nächste Liebeserklärung an seine Wahlheimat soll im Mai erscheinen.

Der Autor Diccon Bewes kann sich über die übersetzte Version seines Bestsellers freuen.

Der Autor Diccon Bewes kann sich über die übersetzte Version seines Bestsellers freuen.

(Bild: zvg)

Seit Bernerzeitung.ch/Newsnetzvor anderthalb Jahren zum ersten Mal über Diccon Bewes und sein Buch über die Schweiz berichtet hat, hat sich im Leben des 44-Jährigen viel geändert. Obwohl er seinen Job im English Book Shop in der Berner Buchhandlung Stauffacher mittlerweile an den Nagel gehängt hat, hat der gebürtige Engländer weniger Freizeit.

Vor allem die Übersetzung seines Bestsellers «Swiss Watching» hat in den letzten Monaten viel Zeit in Anspruch genommen und erwies sich nicht immer als einfach. Für ihn und sein Umfeld sei es sehr schwierig gewesen, die Qualität der deutschen Übersetzung zu beurteilen, berichtet Bewes. «Egal wie oft ich das Buch auf Deutsch lese, in meinem Kopf ist es immer noch Englisch», erklärt der Autor.

«Der Schweizversteher»

Es sei natürlich eine Herausforderung seinen englischen Humor in einer anderen Sprache richtig rüberzubringen und Wortspiele treffend zu übersetzen. Er glaube aber, dass es schlussendlich gut gelungen sei. Auch mit dem etwas provokanteren Titel des Buches könne er gut leben. «Der Schweizversteher» sei eine Anlehnung an den bekannten Schweizer Film «Die Schweizermacher», erklärt Bewes. Man müsse aber auch den Untertitel («Ein Engländer unter Eidgenossen») beachten um zu verstehen, um was es darin gehe.

Natürlich verstehe er noch nicht alles, was die Schweiz betreffe, gibt der Engländer offen zu. Er lebe zwar mittlerweile seit sieben Jahren hier und sei besonders bei den Themen Politik und Geschichte sattelfest. Es gebe aber noch Traditionen, die für ihn schwierig zu verstehen seien. Vor allem solche, die für Kinder wichtig seien. Er habe beispielsweise erst dieses Jahr richtig realisiert, dass in der Schweiz das Christkind die Weihnachtsgeschenke bringe und nicht «Santa Claus».

Bratensauce aus der Tube

Ansonsten habe aber nicht nur er sich der Schweiz angenähert, sondern auch die Schweiz England. Er meine damit nicht nur, dass die Schweiz und England beim Eurovision Song Contest beide schlecht abschneiden («Dank dem Alleingang von David Cameron werden die Engländer jetzt gar keine Punkte mehr erhalten»), sondern auch, dass man mittlerweile in jedem grösseren Lebensmittelgeschäft einen Truthahn kaufen könne. Vor sechs Jahren habe er diesen noch extra bestellen müssen, mittlerweile habe Coop in Bern aber sogar Gestelle mit englischen Spezialitäten. «Es ist faszinierend zu sehen, was die Grossverteiler als typisch englisches Essen bezeichnen», sagt Bewes lachend.

Er selber wird die Festtage dieses Jahr in England verbringen – zum ersten Mal seit mehreren Jahren: «Als ich noch in der Buchhandlung gearbeitet habe, war das natürlich die intensivste Zeit.» Im Gepäck hat der Wahlberner aber keine Schokolade, Messer oder Käse, sondern Bratensauce aus der Tube, Ovomatline-Güetzi und Thomy-Mayonnaise.

Zweites Buch fast fertig

Den Job im Stauffacher hat Bewes aber eigentlich nicht aufgegeben, weil er längere Weihnachtsferien wollte und sein Buch übersetzt wird, sondern weil er intensiv an seinem zweiten Werk über die Schweiz schreibt. Im etwa 150 Seiten starken Buch «Swisscellany» (eine Anspielung auf das englische Wort «miscellany» für Sammlung), das im Mai des nächsten Jahres erscheinen soll, sammelt er interessante, triviale und lustige Fakten über seine Wahlheimat.

Dass er sich bei den Recherchen zu seinem neuen Werk viel Wissen über die Schweiz angeeignet hat, bewies Bewes am 14. Dezember, als er auf Englisch über die Schweizer Bundesratswahl twitterte. Er vermeldete nicht nur die Resultate, sondern reicherte diese mit viel Hintergrundwissen und britischem Humor an. So fiel ihm beispielsweise sofort die Falschmeldung einer Schweizer Zeitung auf, die behauptete, das Alain Berset der jüngste Bundesrat aller Zeiten sei.

Burkhalters Krawatte, Calmy-Reys Lachen

Mit der Twitter-Aktion wollte Bewes englischsprachigen Freunden – aber auch Schweizern – das Schweizer Wahlsystem näher bringen. Er findet, dass die Schweizer Politik zu wenig transparent und zu ernst sei, um mehr als 50 Prozent der Wahlberechtigten für Politik zu begeistern und an die Urne zu locken.

Was er mit «weniger trocken» meint, zeigen zum Beispiel Statements zur Krawatte von Didier Burkhalter («Diese Krawatte ist typisch für englische Schulbuben»), dem Lachen von Micheline Calmy-Rey («Das Lachen ist ihr grösstes Plus. Andere Schweizer Politiker lachen viel zu wenig») oder der Information über die Anzahl Bundesräte die im Amt gestorben sind (ein Selbstmord). Natürlich hat er es sich auch nicht nehmen lassen, die Zeit zu stoppen, bis Toni Brunner in einem Statement das Wort «Konkordanz» benutzt.

Der einsame Autor

Während dem Übersetzen, recherchieren und twittern hat Bewes aber auch die Wurzeln seines Erfolges noch nicht vergessen. Er nimmt sich noch immer regelmässig Zeit, um seinen Blog «Swiss Watching» mit neuen Entdeckungen zu füttern. Zwei Jahre nach dessen Lancierung habe er mittlerweile tausende Leser aus der ganzen Welt.

Das Einzige, was Diccon Bewes in seiner schreibintensiven Zeit als Autor fehlt, ist die Interaktion mit Menschen. Er erhalte von den Besuchern seines Blogs und den Lesern seines Buches zwar noch regelmässig Post, er vermisse aber die interessanten Begegnungen in der Buchhandlung: «Als Autor ist man oft stundenlang allein», sagt er wehmütig.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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