Viele holen im Familienstreit erst Hilfe, wenn es bereits zu spät ist

Köniz

Am Anfang eines Familienstreits stehen oft Konflikte, über die man jahrelang nicht geredet hat: Diese Erfahrung macht der Berner Mediator Ernst Reber.

Das Gemeinschaftsgrab in Köniz: Nach einer aussergewöhnlichen Suche hat der Könizer Jean Stalder erfahren, dass seine Mutter hier beerdigt ist.

Das Gemeinschaftsgrab in Köniz: Nach einer aussergewöhnlichen Suche hat der Könizer Jean Stalder erfahren, dass seine Mutter hier beerdigt ist.

(Bild: Andreas Blatter)

Stephan Künzi

Eine Todesanzeige wie ein versteckter Hilferuf: Der Könizer Jean Stalder und sein Bruder zeigen sich in einer Todesanzeige betroffen darüber, dass ihre Eltern «auf eine unbegreiflich traurige Art und in Unfrieden von uns diese Erde verlassen» mussten. Stalder erzählt Bernerzeitung.ch/Newsnetz von einem Familienstreit der hässlichen Art – der soweit ging, dass die Söhne nun nicht wissen, wo ihr Vater begraben ist.

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Ernst Reber, durch eine Familie geht ein so tiefer Riss, dass die Söhne quasi aus dem Leben der Eltern eliminiert werden. Werden Sie als Mediator oft mit solchen Fällen konfrontiert?
Ernst Reber: Nein. Leider, müsste ich fast sagen.

Wie meinen Sie das?
Ich sage leider, weil man bei einem so schwierigen Konflikt in einem frühen Stadium Hilfe holen sollte. In der Regel merken viele zu diesem Zeitpunkt noch nicht, was sich anbahnt. Wenn dann die eine oder andere Seite bei mir anklopft, ist es häufig schon zu spät für eine Mediation.

Warum?
Wer einen Konflikt lösen will, muss bereit sein, sich mit der Gegenpartei an einen Tisch zu setzen. Je stärker der Streit eskaliert ist, umso schwieriger ist dies. Meist sind die Leute schon so weit, dass sie nur noch vor der Schlichtungsstelle und vor Gericht miteinander reden.

Die Schlichtungsstelle könnte ja auch schon etwas bringen.
Vielleicht, wobei diese für einen solchen Termin in der Regel nur zwei Stunden einsetzt. Eine Mediation nimmt mehrere Sitzungen in Anspruch. Bei Konflikten, die so tief gehen, ist das wichtig.

Wann können Sie helfen?
Ich sage immer: Wenn die Leute gemeinsam in mein Büro treten, ist es schon mal gut. Sie haben einen riesigen Schritt gemacht, auch wenn die Emotionen immer mal wieder aufflammen und die Leute damit drohen, zu gehen.

Was tun Sie, wenn eine Situation hoffnungslos vertrackt ist?
Ich mache die Erfahrung, dass Erbschaftssachen – und darum geht es im weitesten Sinn wohl auch in diesem Fall – immer schwierig sind. Unterschwellig sind über Jahre hinweg Dinge passiert, die nie richtig ausdiskutiert, sondern immer verdrängt wurden. Plötzlich eskaliert die Sache, der eine bringt diesen Vorwurf auf den Tisch, der andere jenen, ein riesiger Konfliktherd tut sich auf.

Und dann ist es zu spät.
An einem Tisch zu sitzen, geht für die Betroffenen nicht mehr. Dann braucht es jemanden, der erreicht, dass sie einander wieder zuhören. Und sich bewusst werden, dass sie sich nur selber etwas Gutes tun, wenn sie einen Schritt aufeinander zu machen. Ein Konflikt braucht immer sehr viel Kraft, die man gewinnbringender einsetzen kann.

Mit diesem Ziel haben die Brüder ja auch einen Vermittler eingeschaltet.
Dieser Weg kann tatsächlich zum Erfolg führen. Allerdings nur, wenn es gelingt, die richtige Person für diese Situation zu finden. Sie muss von Anfang an das Vertrauen aller Beteiligten haben.

Wie stark spielen Dritte eine Rolle, Leute, die die Eltern gegen die Kinder aufbringen?
Man weiss, dass Eltern nur zu gern zum Beispiel den Nachbarn mehr vertrauen als den eigenen Kindern. Die Eltern kennen ihren Nachwuchs von klein auf und wissen sehr genau um seine Schwächen. Oft hat auch die Abnabelung nicht richtig stattgefunden.

Wenn die Eltern später ins Heim eintreten, findet sich dieses plötzlich zwischen den Fronten wieder. Und dann will keiner wissen, wer die verstorbenen Eltern weggebracht hat.
Ich gehe davon aus, dass es ein Reglement gibt, das den Umgang mit solchen Situationen regelt. Generell steht für das Heim das Wohl der Pensionäre, der Eltern also, im Vordergrund. Entsprechend wird es sie schützen. Im konkreten Fall müsste man aber wissen, wer was gesagt oder eben nicht gesagt hat.

Berner Zeitung

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