Viele Ziegler-Patienten wechselten ins teurere Unispital

Bern

Im Vergleich zum letzten Jahr wurden im ersten Halbjahr 2016 mehr einfache Fälle am Inselspital behandelt. Das ist Rückenwind für jene, welche die Fusion von Insel und Spital Netz Bern kritisierten.

Operationsvorbereitungen in der Neurochirurgie des Inselspitals.

Operationsvorbereitungen in der Neurochirurgie des Inselspitals.

(Bild: Stefan Anderegg)

Sandra Rutschi

Seit Anfang Jahr sind das Inselspital und die Spital Netz Bern AG zur Insel-Gruppe zusammengeschlossen. Die Fusion wird von diversen Seiten kritisch betrachtet. Ein Ziel des Zusammenschlusses war es, dass einfachere Fälle künftig in den Regionalspitälern der Gruppe und im Stadtspital Tiefenau behandelt werden. Komplexe Fälle indes sollten in der Insel abgehandelt werden.

Kritiker befürchteten, dass mit der Fusion jedoch immer mehr einfachere Fälle in der Insel behandelt würden – wo sie unter dem Strich mehr kosten. Eine Knieprothese zum Beispiel ­kostet im Tiefenauspital 19 641 Franken, im Inselspital 22 300 Franken.

Die neusten Zahlen aus dem Inselspital geben nun den Fusionskritikern Aufwind. Im ersten Halbjahr seit der Fusion ist der sogenannte Casemix-Index am Universitätsspital gleich viel gesunken wie in den letzten vier Jahren zusammen.

Das lässt darauf schliessen, dass mehr einfachere Fälle am Inselspital behandelt werden. Würden die Fälle vermehrt komplexer, müsste der Index steigen – so wie er dies offenbar am Unispital Zürich tut.

Viele Fälle vom Zieglerspital

Die Insel habe im Vergleich zum letzten Jahr mehr einfachere ­Fälle behandelt, bestätigt Ver­waltungsratspräsident Joseph Rohrer. Dies vor allem, weil viele Patienten aus dem geschlossenen Zieglerspital in die Insel wechselten. Ausserdem habe es mehr Leute gegeben, die nur kurz im Spital blieben.

Rohrer sagt auch, dass es im Vergleich zum Vorjahr generell weniger komplexe Fälle gegeben habe – etwa in der Herzchirurgie durch Verlagerung in die Kardiologie, in der Kinderheilkunde und in der Intensivmedizin. 37 Prozent des Rückgangs seien dadurch entstanden, dass Operationen, die letztes Jahr durch die DRG (diagnosebezogene Fallgruppen) noch höher eingestuft waren, nun in der Bewertung reduziert wurden.

Insgesamt, so Rohrer, seien die neusten Zahlen nicht besorgniserregend. «Sie liegen im Rahmen und bis Ende Jahr wird sich noch einiges ändern, weil im ersten Halbjahr weniger komplexe Fälle behandelt werden. Im zweiten Halbjahr ist in der Regel mit höheren Komplexitäten zu rechnen.»

Insel am meisten neue Fälle

Insgesamt wurden dieses Jahr bei der Insel-Gruppe mehr Fälle behandelt als in der ersten Hälfte des Vorjahres. Prozentual hat das Tiefenauspital mit rund 20 Prozent den grössten Zuwachs. Auf die Fälle betrachtet, wächst die Insel um 9 Prozent. Sie hat im Vergleich zur ersten Hälfte des letzten Jahres 1229 Fälle mehr verzeichnet, das Tiefenau 545.

Diese Zeitung hat Informationen, gemäss denen die Kosten in der Gruppe nach der Fusion um 20 Prozent gestiegen sind. Rohrer vermutet, dass die Informanten dabei die ehemalige Inselspitalstiftung betrachtet haben, ohne die Integration vom Spital Netz Bern zu berücksichtigen. «Wenn man bedenkt, dass die Spital Netz Bern defizitär war, wären 20 Prozent als Erfolg zu werten», sagt er.

Eine Sorge von Schnegg

Der neue Gesundheits- und Fürsorgedirektor Pierre Alain Schnegg (SVP) beobachtet die Zahlen mit Skepsis. «Es ist eine Sorge von mir, dass das Inselspital Operationen durchführt, die anderswo günstiger gemacht werden könnten.» Deshalb hat er bereits vor seinem Amtsantritt angekündigt, eine tief gehende Analyse machen zu wollen. Diese habe er in den ersten drei Monaten seines Amts noch nicht durchführen können, sagt Schnegg.

Eines ist für ihn jedoch klar: Die verschiedenen Stufen der Insel-Gruppe – komplexe Medizin am Unispital, weniger komplexe Fälle im Tiefenau und die Grundversorgung an den Regionalspitälern – müssten zwingend gut zusammenspielen. Nur so könne man die Kosten verbessern. Ihm bereite Sorgen, dass viele Patienten des Zieglerspitals direkt in Privatkliniken oder an die Insel gelangten.

Die Fusion betrachtet er kritisch. «Es kommt selten gut, wenn man zwei Unternehmen fusioniert, bei welchen eines Probleme hat. Die Probleme lösen sich damit nicht, sie multiplizieren sich.» Konkret will Schnegg nicht werden, er sagt lediglich, es sei an der Insel-Gruppe, diese Probleme nun zu lösen. Der Kanton könne nur versuchen, sie dabei so gut wie möglich zu unterstützen. So könnte man etwa die Baserate – also jenen Faktor, der die gleiche Operationen im Unispital teurer macht als im Tiefenau – flexibler handhaben.

«Mit Initiative nichts zu tun»

Eine Schwierigkeit der Fusion sei, dass verschiedene Institutionen administrativ unter einen Hut gebracht werden müssen. «Das braucht viele Ressourcen und ist nicht in einem Jahr gemacht.» Schnegg nennt aber auch Vorteile der Fusion: So verfüge das Unispital nun über eine grössere Menge von Patienten, was für Lehre und Forschung gut sei. Und es könnten Synergien mit dem Tiefenau und den Landspitälern genutzt werden.

Mehr Informationen erhofft sich auch das Initiativkomitee der Spitalstandortinitiative. Via SVP-Grossrätin Anne Speiser (Zweisimmen) will es bei der Regierung eine Interpellation einreichen. In dieser hinterfragt es den Fallmix bei der Insel. Die neusten Zahlen könnten der Initiative, welche auch die Zentralisierung von Spitälern kritisiert, Aufwind geben. Schnegg winkt aber ab: «Die Entwicklungen bei der Insel haben absolut nichts mit der Initiative zu tun.» Denn sie hätten keine Auswirkungen auf die Anzahl der Spitalstandorte.

Berner Zeitung

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