Verwirrspiel im Kita-Streit

Bern

Das Berner Kita-System soll geändert werden. Familien werden – je nach Einkommen – mit Betreuungsgutscheinen finanziell unterstützt. Nun wird klar: Auch nach dem Systemwechsel können private Kitas auf Betreuungsgutscheine verzichten.

Privaten Kitas kann nicht vorgeschrieben werden, beim Gutscheinsystem mitzumachen.

Privaten Kitas kann nicht vorgeschrieben werden, beim Gutscheinsystem mitzumachen.

(Bild: Susanne Keller)

Tobias Habegger@TobiasHabegger

Marion Baldesberger, Leiterin der privaten Kita Krokofant, sendet ihren Ärger mittels E-Mail in die Welt hinaus. «Bravo SP und GB», schreibt sie – und meint diesen Texteinstieg ironisch. Sie fügt ernsthaft an: «Sie haben es geschafft, mit ihrer Verhinderungspolitik nun bald alle so grundsätzlich zu verwirren, dass das Ganze ins Wanken kommt.» Zum Schluss wieder ein ironisches Statement: «Ich gratuliere!»

Die E-Mail ging an verschiedene Stadträte und Lokaljournalisten. Marion Baldesberger ärgert sich, weil Linksgrün das neue Kita-Reglement bekämpft und dadurch die Einführung von Betreuungsgutscheinen verzögert.

Doch der Reihe nach:

Wie Kinder im Sandkasten

Am 15.Mai 2011 hat das Stimmvolk Ja gesagt zu einem Systemwechsel in der Kita-Finanzierung. Die Idee: Familien mit Kindern sollen – je nach Einkommen – mit Betreuungsgutscheinen finanziell unterstützt werden; diese Gutscheine können die Eltern in einer beliebigen Kita – frei nach ihrer Wahl – einsetzen.

Als sich der Berner Stadtrat daran machte, den Volksentscheid in einem neuen Kita-Reglement umzusetzen, gerieten sich die politischen Lager in die Haare. Linksgrün verteidigte die Defizitgarantie für städtische Kitas wie ein Kind seinen Spielzeugbagger im Sandkasten. Mitte-rechts pochte auf den freien Markt wie Teenager, die das versprochene Sackgeld einfordern. Die Teenager gewannen die Abstimmung im Stadtrat. Linksgrün rannte zur Mutter, diese schickte ihr Kind zum Unterschriftensammeln auf die Strasse. Erwachsene nennen sowas konstruktives Referendum. Deshalb kommt es am 9. Juni dieses Jahres erneut zu einer Volksabstimmung. Am Donnerstagabend wurde im Stadtrat die Abstimmungsbotschaft verabschiedet (siehe Kasten).

Private Kitas haben die Wahl

Die Ränkespiele im Sandkasten der Lokalpolitik sorgen für Verwirrung. Erst recht, weil nun bekannt wird, dass private Kitas auch im neuen System auf Betreuungsgutscheine verzichten können. Publik gemacht hat dies ein Vater, der sein Kind in eine private Kita schickt.

Jugendamtleiter Jürg Häberli bestätigt: «Wir können den privaten Kitas nicht vorschreiben, beim Gutscheinsystem mitzumachen.» Er erwähnt die wirtschaftliche Freiheit. Private Kita-Betreiber könnten die Bedingungen für ihr Betreuungsangebot selber bestimmen. «Sie müssen sich nur dann ans städtische Kita-Reglement halten, wenn sie Gutscheine annehmen wollen.»

«Praktisch unrealistisch»

Der oben erwähnte Vater sieht darin eine Ungleichbehandlung der Eltern. «Damit wird es weiterhin Situationen geben, wonach zwei Haushalte genau gleiche Einkommensverhältnisse haben können, aber beim Ergattern eines Kita-Platzes nicht gleich ausgehen», schreibt er in einer E-Mail an diese Zeitung. Er plädiert dafür, das ganze Reglement noch einmal zu überdenken und einen Systemwechsel anzustreben, der diese Bezeichnung auch wirklich verdiene.

Der Ärger von Kita-Leiterin Marion Baldesberger war eine Reaktion darauf. Sie widerspricht dem besorgten Vater: Das befürchtete Szenario sei theoretisch zwar möglich, aber praktisch unrealistisch. Die Gründe: «Zum einen ist das Gutscheinsystem ein gutes System», betont die Leiterin der privaten Kita Krokofant. «Zum anderen hat sich das Kita-Angebot in den letzten Jahren derart vergrössert, dass ein Alleingang im Markt aus wirtschaftlicher Sicht unmöglich wird.»

Von einer Ungleichbehandlung der Eltern könne keine Rede sein. «Alle Eltern, die vom Einkommen her berechtigt sind, erhalten Betreuungsgutscheine», sagt Marion Baldesberger.

Berner Zeitung

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