Konolfingen

Verena Dürrenmatt: «Er war einfach mein älterer Bruder»

KonolfingenFriedrich Dürrenmatt bezeichnete Konolfingen als «Kaff». «Dahinter steckte sicher keine Verachtung», beruhigt die jüngere Schwester Verena. Am Samstag hat sie von der «schönen Kindheit» im Pfarrhaus erzählt.

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Ganz in Schwarz gekleidet, die erstaunlich glatten Wangen etwas gerötet, weiss die Perlen und die Haare. Verena Dürrenmatt, 84-jährig, erinnerte sich am Samstag im Kirchgemeindehaus Konolfingen an die Kindheit im Pfarrhaus und im Dorf. Wenn sie sagt, «es war eine schöne Kindheit», glaubt man der alten Dame. Keine Schönfärberin hätte dieses feste Profil mit der leicht gekrümmten Nase und den energischen und doch vollen Lippen. Vor jeder Frage, die ihr Pfarrer Reinhold Becker stellt, denkt sie nach, scheint ihre inneren Bilder anzuschauen, bevor sie antwortet. Dezidiert, ohne schroff zu wirken und trotzdem mit Feingefühl.

«Fürsorgerin»

Verena und «Fritz» Dürrenmatt wohnten bis 1935 im Pfarrhaus Konolfingen. Danach zog die Familie nach Bern, wo Pfarrer Reinhold Dürrenmatt eine neue Stelle hatte. Der Umzug nach Bern sei «das Ende der Kindheit» gewesen, sagt Verena Dürrenmatt. Ihre Erinnerungen an die Spiele im Garten mit dem 3 Jahre älteren Friedrich sind noch wach. Auch an das bewegte Leben mit den Eltern im Pfarrhaus, wo täglich viele Menschen ein- und ausgingen. «Ich glaube, das hat meinen Bruder und mich geprägt», sagt sie. Friedrich habe ein Stück weit in seiner eigenen Welt gelebt, aber auch gerne Fussball gespielt. Dürrenmatt selber hatte später geschrieben: «Das Dorf ist grausam, noch unerbittlicher die Kinder. Der Sohn des Pfarrers lebt mit der Jugend des Dorfes, ohne ihr anzugehören.» Sie selber hatte wohl die soziale Ader von Mutter Hulda geerbt, «der Mutter aller Pfarrfrauen», wie Verena Dürrenmatt sagt. Sie hat nach der Töchterhandelsschule die Sozialarbeiterinnenausbildung gewählt. «Damals sagte man Fürsorgerin.» Ihr Bruder hatte nach dem Rauswurf aus dem Gymnasium an einer Privatschule mit Ach und Krach die Matura geschafft. «Eine spannungsvolle Zeit», in der sie oft zwischen Bruder und Eltern vermittelt habe.

Selber hat sie in der Psychiatrie gearbeitet. Bis zur Pensionierung im Psychiatriezentrum Münsingen. Danach führte sie mit einer Freundin zusammen noch zehn Jahre lang einen Kiosk. «Ich wollte noch etwas ganz anderes machen.» Heute lebt Verena Dürrenmatt in Bern.

Kein Kirchenfreund

Was ihr Bruder wohl zum Dürrenmattjahr im Kiesental sagen würde, wollte Pfarrer Reinhold Becker von der Heimwehkonolfingerin wissen. Dies sei schwer zu sagen. «Vielleicht wäre er gerührt gewesen?» Und dass ein Kirchenfenster in der Kirche Konolfingen nach seinem Bild Apokalypse gestaltet wurde, hätte ihn «vielleicht auch gefreut. Aber obwohl er sich immer für Religion und Theologie interessierte, war er kein Freund der Kirche», wusste die Schwester des 1990 Verstorbenen. Erst in späteren Jahren habe er gesagt, die Bibel sei es wert, gelesen zu werden. «Es steht viel Schlaues drin.»

Nicht politisch, «weder rechts noch links, sondern quer» sei ihr Bruder gewesen, so Verena Dürrenmatt. Und: «Er hatte eine Art, sich Menschen zuzuwenden, die es nicht so gut hatten.» Was sein Hauptanliegen gewesen sei, wisse sie nicht. «Sicher hatte er einen starken Gerechtigkeitssinn.» Sie persönlich mag «Den Besuch der alten Dame» immer noch am liebsten und den Roman «Durcheinandertal», weil er autobiografisch ist.

Viermal «Kaff»

In seinen 39 Werken habe Friedrich Dürrenmatt das Dorf Konolfingen vier Mal als «Kaff» bezeichnet, sagt Pfarrer Becker, ein profunder Kenner Dürrenmatts. «Sind wir Konolfinger deshalb bedauernswert?», fragt er Verena Dürrenmatt. Deren blaue Augen funkeln. «Dieses Wort geistert also immer noch herum. Wenn er Konolfingen ein Kaff nannte, steckte sicher nicht Verachtung dahinter.» Der Schriftsteller und Dramaturg habe sich ja auch durchaus positiv über sein Dorf geäussert.

Den Satz «Ich hatte ihn gern» spricht sie ganz unsentimental aus. Man glaubt der alten Frau, die über Friedrich Dürrenmatt sagt: «Er war einfach mein älterer Bruder, mit dem ich spielte und stritt.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 27.10.2008, 09:01 Uhr

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