Bern

Vaterfigur der rot-grünen Stadt Bern ist tot

BernSeine elefantenhafte Geduld hielt jahrzehntelang an, Konflikte ertrug er wie ein Fels in der Brandung: Am Donnerstag ist der langjährige Stadtpräsident Klaus Baumgartner (SP) 78-jährig nach langer Krankheit gestorben.

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Plötzlich war das Unvorstellbare passiert. Eben hatte Bill Clinton in den USA die Republikaner besiegt, und jetzt, am 6. Dezember 1992, erbebte auch die Stadt Bern. Die neu gegründete Koalition Rot-Grün-Mitte (RGM) entriss den Bürgerlichen die Mehrheit in der Stadtregierung. Und die imposante RGM-Leaderfigur, der gemässigte Sozialdemokrat Klaus Baumgartner, gewann im Januar 1993 den zweiten Wahlgang ums Stadtpräsidium gegen seinen bissigen Widersacher Sepp Bossart (CVP) mit unantastbarer Souveränität.

Geht die Stadt unter?

Ich erinnere mich, wie ich als junger Journalist mit wilder Frisur, zugegebenermassen beflügelt durch den Linksrutsch, mit dem streng bürgerlich denkenden damaligen Lokalchef dieser Zeitung im Erlacherhof zum Antrittsinterview beim neuen roten Stadtpräsidenten antrabte.

Und nicht dazu kam, auch nur eine Frage zu stellen. Weil die Befürchtung meines Chefs im Zen­trum stand: Erwächst, angesichts der neuen RGM-Mehrheit in Regierung und Parlament, in Bern nicht «eine gewaltige Polarisierung»? Man hätte auch fragen können: Steht die Stadt Bern jetzt vor dem Untergang?

«Nein, da hege ich keinerlei Befürchtungen», sagte Klaus Baumgartner väterlich. Er hatte als «blonder Bär» Wahlkampf betrieben, und es ist dieses Bild des stoischen, schief lächelnd hinter seinem Pult thronenden, in sich ruhenden Politbärs, das mir geblieben ist. Es kennzeichnet für mich die erste, unruhige, polemische Phase der rot-grünen Ära.

Baumgartner, der «Stapi für alle» sein wollte, hatte von der ersten Minute weg alle Hände voll zu tun, die bürgerliche Panik zu besänftigen. Und schon nach einem halben Jahr RGM wurde ich als Reporter losgeschickt, um die Unzufriedenheit, die der «blonde Bär» erzeugte, zu beschreiben.

Was mir mühelos gelang. Linke Weggefährten Baumgartners kritisierten, er verneige sich vorauseilend vor dem Klassenfeind, während ihm wirtschaftsnahe Bürgerliche unterstellten, er stehe in politischer Geiselhaft grüner Extremisten.

Bär im Shitstorm

Instinktsicher wie ein Bär bewegte sich der notorische Hutträger Baumgartner auf dem politischen Minenfeld. Als porentiefer Pragmatiker navigierte er das anfänglich aufregende, aber labile rot-grüne Experiment in einen stabilen Dauerzustand. Mag sein, dass diese politische Ausdauerleistung etwas unterging – vielleicht, weil sich in seiner zwölfjährigen Amtszeit auch Selbstzufriedenheit breitmachte, vor der nicht einmal er selber gefeit war.

Lange vor dem Smartphone- und Facebook-Zeitalter fegten heftige Shitstorms über ihn hinweg. Etwa, weil er wie ein Boss Stumpen rauchte und sich im Dienstwagen chauffieren liess. Oder weil er, obschon als Stapi gut entlöhnt, die Mietzinserhöhung für seine Wohnung anfocht.

Sein mächtiges Erscheinungsbild suggerierte Unverwundbarkeit, und die Gemütlichkeit, die er ausstrahlte, verbarg sein inneres Feuer, das er eisern am Lodern hielt, auch wenn nur noch er daran glaubte. Jahrzehntelang wurden in Berns Westen Planungen aufgegleist und wieder totgesagt. Baumgartner liess sich nie unterkriegen. Er machte die heute realisierte Kombination von Wohnungsbau und Dienstleistung salonfähig und holte die Migros ins Boot. Fertig wurde das Westside aber erst, als er nicht mehr im Amt war.

Baumgartner war kein Visionär, aber verhalf einer Vision zum Durchbruch. Ausgerechnet der behäbige «blonde Bär» rüttelte Bern wach: Der Ausbau im Westen stärkte Berns Glauben an sich selber. Das ist, was er in den Köpfen hinterlässt. (Berner Zeitung)

Erstellt: 10.12.2015, 22:56 Uhr

Alexander Tschäppät über seinen Vorgänger

Herr Stadtpräsident, wie behalten Sie Klaus Baumgartner in Erinnerung?

Alexander Tschäppät: Er war bis zum 31.?Dezember 2004 um Mitternacht Stadtpräsident. Keine Sekunde vorher hätte er den Schlüssel abgegeben. Bis zum letzten Moment war er der Berner Stadtpräsident. Nach der Amtsübergabe hat er sich zurückgezogen und nicht einmal versucht, mir bei irgendetwas dreinzureden. Servir et dispa­raître. Das hatte Stil.

Was haben Sie von ihm gelernt?

Ich hatte zwei Lehrmeister. Meinen Vater und Klaus Baumgartner. Es gab viele Geschäfte und Projekte, die er aufgegleist hatte, aber im Amt nicht mehr erleben durfte. Das Westside ist eines davon. Bei der Stadtentwicklung hat er Nägel eingeschlagen, die heute noch wesentlich sind.

Inwiefern war er ein Vorbild?

Er war ein unglaublicher Chrampfer und stets sicher in den Dossiers. Sein Ding zog er durch, egal ob er dabei Erfolg hatte oder nicht. Er wollte einmal eine Olympiade in Bern. Er kämpfte für den Schanzentunnel. Bei diesen Vorhaben hatte er keine grossen Chancen. Aber er setzte sich dafür ein. Heute fragen sich Politiker oft als Erstes: «Wie kommen meine Pläne an? Sind sie populär?»

Können Sie sich an eine Anekdote erinnern?

Am prägendsten waren seine Reaktionen, wenn ihm etwas nicht passte. Dann hat er jeden angerufen und ihm den Tarif durchgegeben. Mit offenem Visier, versteht sich. Danach war die Sache aber bereinigt. Und er hat einen problemlos um 7 Uhr morgens an Sitzungen bestellt. Schwierig, wenn man noch mit den Hunden rauswollte.

Wo gab es Gemeinsamkeiten zwischen Ihnen beiden?

Wenn es um die politischen Inhalte ging, hatten wir vieles gemeinsam. Zum Beispiel das Engagement für die Wohnbauförderung. Im Temperament allerdings nicht, diesbezüglich waren wir völlig verschieden. Klaus Baumgartner war der in sich Ruhende. Ich dagegen der Unruhigere, der sich mehr aufregte.

Was für Erinnerungen haben Sie an die Stabsübergabe?

Das Bild zeigt unsere Stimmung: Einer gibt etwas auf, der andere bekommt etwas. Er war leidenschaftlich gerne Stadtpräsident. Diese Übergabe war ein Moment, der ihm wehtat. Ich wiederum habe mich fast kindlich auf das Amt gefreut.

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