Ursula Wyss auch in der Exekutive auf dem Weg nach oben

Bern

Die Berner Gemeinderätin Ursula Wyss hat 2013 zahlreiche Projekte vorangetrieben. 2014 dürfte für sie mit einer Niederlage losgehen – und mit dem Tram Region Bern erwartet sie die erste ganz grosse Herausforderung.

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Christoph Hämmann

Kaum jemand bezweifelt, dass SP-Gemeinderätin Ursula Wyss nach den Wahlen 2016 Berns erste Stadtpräsidentin sein wird. Gegenkandidaten bleibt fast nur die Hoffnung, dass sich Wyss selber ein Bein stellt. Umso zerknirschter dürften sie zur Kenntnis nehmen, dass die Direktorin für Tiefbau, Verkehr und Stadtgrün im ersten Jahr kaum etwas falsch, dafür vieles richtig gemacht hat. Selbst politische Gegner räumen ein, dass sie ihre Dossiers innert Kürze im Griff hatte und auf (Selbst-)Inszenierungen verzichtete, die als «Oppositionsführerin» im Bundeshaus noch zum Job gehört hatten.

Durchbruch beim Grüngut

Wyss brachte einige Geschäfte ins Ziel, die Vorgängerin Regula Rytz (GB) vorbereitet hatte: Im März genehmigte das Stimmvolk wuchtig 11,8 Millionen Franken für den Hochwasserschutz in der Matte, im Sommer wurde die Marktgasse saniert.

Dazu reanimierte Wyss etwa die Erweiterung der Grüngutsammlung, an der sich Rytz die Zähne ausgebissen hatte. «Wir haben das Geschäft intensiv überarbeitet und dann zuerst den Gemeinderat und danach den Stadtrat überzeugt», sagt Wyss. Auch das Velo scheint unter ihrer Führung stärker in den Fokus gerückt zu sein. Dass es eine holländische Delegation brauchte, damit Berns Verkehrsplaner künftig stets auch ans Velo denken wollen, wirft deshalb höchstens auf ihre Vorgängerinnen und Vorgänger, die Verwaltung und generell die Kräfte hinter 20 Jahren RGM ein zweifelhaftes Licht.

Mit dem Entsorgungshof Schermen nennt Wyss auf Nachfrage gegenüber dieser Zeitung ein weiteres Projekt, das ihr 2013 gelungen sei. «Der Stadtrat hat dem Geschäft mit Überzeugung zugestimmt», sagt sie, unterschlägt damit jedoch, dass Bürgerliche und Linksaussen im Stadtrat gegen die Vorlage gestimmt und die Kommission erfolglos für eine Volksabstimmung und ein Gesamtverkehrskonzept geweibelt hatte.

Start mit einer Niederlage?

Gegenwind hatte Wyss zu gewärtigen, als die «Weltwoche» eine mehrteilige Kampagne gegen sie und den «Berner Güsel- und Verkehrswahnsinn» führte. Sie reagierte ungerührt, verwies auf die anstehende Vernehmlassung zur Litteringgebühr und die vielen unterschiedlichen Bedürfnisse der Verkehrsteilnehmer. «Die ‹Weltwoche› war mir ja nicht ganz unbekannt», sagt Wyss im Rückblick. «Neu war bloss, dass sie sich vor Abdruck ihrer Berichte nicht einmal mehr bei mir für eine Stellungnahme gemeldet hat.» Selber sieht sie in der Litteringgebühr eine grosse Herausforderung. «National wartet man gespannt auf unsere Lösung, für die wir übrigens einen bundesgerichtlichen Auftrag haben.» Für sie sei klar: «Wir müssen gemeinsam mit dem Gewerbe eine Lösung finden, die einfach umsetzbar und bezahlbar ist.»

2014 dürfte für Wyss mit einer Niederlage beginnen, wenn in der ersten Sitzung des Stadtrats über den Baukredit für einen Aareeinstieg unterhalb des Schönaustegsabgestimmt wird. Wyss wird das Geschäft gegen die vorberatende Kommission vertreten müssen. «Auch laut Experten der Lebensrettungsgesellschaft handelt es sich um die beste Lösung. Das Problem, dass vom Schönausteg aus nicht alle Schwimmer sichtbar sind, lässt sich tatsächlich einzig mit dem zusätzlichen Einstieg lösen», argumentiert sie.

Zweite Achse hilft dem Tram

Von ungleich grösserer Tragweite sind indes zwei andere Infrastrukturgeschäfte in Wyss’ Direktion: Der Ausbau des Bahnhofs und das Tram Region Bern.

Im Zusammenhang mit dem Bahnhof hat Wyss kürzlich dargelegt, wie der Verkehr beim neuen Zugang Bubenbergplatz organisiert werden soll – und dabei Streit mit Bürgerlichen und Gewerbe angezettelt, die in der geplanten Reduktion des Autoverkehrs eine Missachtung des Neins zu einem autofreien Bahnhofplatz sehen.

Das Tramprojekt wird dem Volk in Bern, Köniz und Ostermundigen im September 2014 vorgelegt – mit höchst ungewissem Ausgang. Für Wyss steht ausser Frage, dass die nötigen Kapazitäten nur mit der neuen Tramlinie bereitgestellt werden können. «Es ist die grosse Infrastrukturfrage der nächsten Jahrzehnte.»

Wenn der Stadtrat im Frühling über die Abstimmungsbotschaft für das Tram Region Bern diskutiert, will Wyss gleichzeitig den Projektierungskredit für eine zweite Tramachse in der Innenstadt vorlegen. Sie erfüllt so die Forderung des Parlaments, dass sich der Gemeinderat stärker für die Achse einsetzen solle. Die stärkere Verknüpfung des Tramprojekts mit einer zweiten Achse könnte in der städtischen Abstimmung den Ausschlag für ein Ja geben – es wäre ein nächster grosser Schritt auf Ursula Wyss’ Weg ins Stadtpräsidium.

Berner Zeitung

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