Unterirdisches Brunnensystem entdeckt

Grossaffoltern

Niemand wusste, was sich unter dem Gullydeckel befindet. Bis Jörg Schläfli aus Grossaffoltern allen Mut zusammennahm und den Weg in ein beeindruckendes historisches Brunnensystem freimachte.

Gerade mal 80 cm breit und rund 16 Meter tief ist der Brunnenschacht, der zu den beiden Sandsteintunneln führt. (Video: Raphael Moser)
Simone Lippuner

Der Motor der Seilwinde surrt leise, der weisse Helm wird zum kleinen Punkt, verschwindet in der Dunkelheit. Wenige Minuten später tönt Jörg Schläflis Stimme nach oben, «alles okay!», ruft er, und wer gute Augen hat, kann im Schein der Taschenlampe einen nach oben gestreckten Daumen erkennen. Dann herrscht Stille. Jörg Schläfli ist unter dem Waldboden verschwunden – an einen Ort, den bis vor wenigen Jahren niemand kannte.

Im Waldstück in der Nähe seines Hauses in Grossaffoltern befindet sich ein jahrhundertealtes Bauwerk: ein Brunnensystem, vor circa 200 Jahren in jahrelanger mühseliger Handarbeit gegraben. Jörg Schläfli und seine Frau Rose waren es, die den Schacht von Schutt und Abfall befreit und die Höhlen damit erst zugänglich gemacht haben.

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Das Gefühl vor dem Abstieg ist mulmig. Der Durchmesser des Schachteingangs misst nicht mehr als 80 Zentimeter, die Drahtseile der eigens für diesen Abstieg konstruierten Seilwinde knacken. In einen Klettergurt gepackt, mit Helm, Stirn- und Taschenlampe ausgerüstet, geht es los.

Die Reise führt rund 16 Meter in die Tiefe. Die ersten paar Meter des Schachts sind gemauert und beleuchtet. Danach fühlt man beinahe die Nasenspitze an der feuchten Sandsteinwand, es ist eng, modrig, unheimlich. Plötzlich ist wieder Boden unter den Füssen spürbar, nämlich dort, wo zwei begehbare Stollen in nördlicher und südlicher Richtung abgehen. Schläfli löst den Haken der Seilwinde – durch­atmen.

Kerzen und Knochen

Die Luft ist feucht und stickig, jedoch etwas wärmer als oben im Wald. Jörg Schläfli geht mit der Taschenlampe voran durch den Nordstollen. Dieser Sandsteintunnel ist 63 Meter lang, circa 80 Zentimeter breit und knapp Meter hoch. In der oberen Hälfte des Tunnels sind in unregelmässigen Abständen Nischen eingelassen, «für die Kerzen oder Öllämpchen zur Beleuchtung» sagt Schläfli, der viel recherchiert hat.

Die Russspuren sind noch deutlich sichtbar. Der Boden im Stollen ist mit Schlacke überdeckt. Mit jedem Schritt weg vom Schacht wird diese Schicht dicker, der Boden unter den Füssen fester. «Es ist gut erkennbar, dass das Wasser hier lange Zeit gestanden sein muss», erklärt Schläfli. Unterwegs liegen immer wieder kleine Häufchen von Tierknochen.

Der Südstollen ist 54 Meter lang und komplett anders beschaffen. Nach einigen Metern ändern sich die Behauungsspuren, man befindet sich in einem Stollen, der von einem weiter südlich gelegenen Schacht aus gehauen wurde. Die Decke ist hier gut 50 Zentimeter höher als beim Schachteingang. Dieser ältere Teil liegt im Mergel und ist entsprechend verwittert. Der Stollen endet im Schutt: Hier hat es rostige Blechkanister, Glasbehälter und Haushaltmüll. «Hier getraue ich mich nicht weiter rein, Wände und Decke sind instabil», sagt Schläfli.

Ehrfurcht und Vorsicht

Begonnen hat alles mit einem Zufall. Jörg und Rose Schläfli, er Gipser, sie Architektin, bewohnen das rund 250-jährige Bauernhaus unterhalb des Waldrandes seit vielen Jahren. 2015 haben sie auf ihrem Grundstück ein Biotop gebaut, dabei kamen zwei Tonröhren zum Vorschein. Schläflis erforschten deren Ursprung mit einer Sonde und fanden so zum Brunnensystem.

«Die beiden Schächte waren mit Mühlesteinen zugedeckt und kaum sichtbar», sagt Jörg Schläfli. Denn eigentlich sei deren Existenz in der Gemeinde schon längst bekannt gewesen. «Doch wer den Deckel hob, erblickte unten lediglich einen Berg voll Schutt und Abfall, so wusste niemand, um was es sich eigentlich handelt», sagt Rose Schläfli. Und dann, nach Sturm Lothar 1999, sei sowieso alles wieder versteckt und vergessen gewesen, und niemand dachte mehr an die beiden Gullydeckel im Wald.

«Als wir das erste Mal unten waren, haben wir nur noch gestaunt und waren total beeindruckt von diesem Bauwerk.»Rose Schläfli

Man muss schon ein bisschen Freak sein, um ein Unterfangen zu starten, wie es das Ehepaar Schläfli getan hat. «Ich wollte da zuerst aus Sicherheitsgründen nicht mitmachen», sagt Rose Schläfli – doch ihren Mann hatte das Fieber bereits gepackt. Er tastete sich von aussen an das Abenteuer heran, liess sein Handy an einer Schnur in den Schacht runter, auch einen Joghurtbecher mit einer Kerze, um den Sauerstoffgehalt zu testen.

Danach folgte die grosse und aufwendige Abfallräumung. Nach rund vier Monaten Arbeit stiegen die beiden Hobbyhöhlenforscher im Herbst 2017 erstmals nach unten, dies mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Vorsicht, wie Rose Schläfli sagt. «Unten haben wir nur noch gestaunt und waren total beeindruckt von diesem Bauwerk.»

Musse und Mut

Schläflis wollten ihre Entdeckung mit anderen teilen und vor allem mehr über die Hintergründe des Brunnensystems erfahren. So stiegen letzten Herbst drei Mitglieder der Schweizerischen Gesellschaft für Höhlenforschung im Grossaffoltner Wald in den Untergrund. Die Höhlenforscher haben das Tunnelsystem vermessen und einen Bericht erstellt. Fazit: ein imposantes Bauwerk, das sicherlich 150 bis 200 Jahre alt ist.

Der Schacht sei mittels Bohrer erstellt worden, der mit Ochsen angetrieben worden sei. Anhand der Behauungsspuren sei die Wasserfassung in mehreren Etappen von Süden nach Norden erstellt worden. «Vermutlich wurde das Wasser knapp, weil sich der Grundwasserspiegel geändert hat und die Bauernbetriebe im Lauf der Jahrzehnte mehr Tiere hatten als früher», steht in dem Bericht.

Heute pumpen Schläflis das Wasser, das sich am Grund des Schachts sammelt, ab und leiten es mit einem Kunststoffrohr beim Bauernhaus ins Biotop. Ziel wäre, und da ist wieder Jörg Schläflis Eifer zu spüren, dass die Verbindung zwischen den beiden Schächten freigemacht werden kann und das Wasser dann von selber ablaufen würde. Aber zuerst brauche er einen Moment Pause, sagt Jörg Schläfli, bevor er nochmals so ein grosses Projekt in Angriff nehme. «Weil diese Arbeit nicht nur Musse, sondern auch Mut erfordert.»

Berner Zeitung

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