Tote Hose in den Berner Sexkinos

Bern

Sexkinos verzeichnen starke Besucherrückgänge. Dick im Geschäft sind Porno-Anbieter im Internet und die TV-Anbieter. Wie behaupten sich die beiden Berner Sexkinos «Corso» und «Ciné 6» in diesem harten Umfeld?

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In der Stadt Bern gibt es zwei Erotik-Kinos: Das «Corso» in der Länggasse und das «Ciné 6» in der Altstadt. Hier heissen die Filme «Sex Fashion», «Exoten Schlampen» oder «Young Harlots – Junge Nutten». Zwei bis drei Filme für einen Eintritt, Nonstop-Erotik von 10 bis 23 Uhr.

Doch die meisten Inhalte, die dort für 15 Franken angeboten werden, sind heute gratis im Internet erhältlich. Oder man bucht sie für ein paar läppische Franken bequem vom Sofa aus bei seinem TV-Anbieter. Täglich 24 Stunden Nonstop-Erotik. Eine Entwicklung, die die Betreiber der beiden Berner Sexkinos traurig stimmt.

Esther Marti, die Betreiberin des einzigen unabhängig gebliebene Sexkinos «Corso» spricht Tacheles: «Seit ungefähr zweieinhalb Jahren sind die Eintrittszahlen rückläufig. Am schlimmsten hat es uns dieses Jahr getroffen.» Das sei kaum erstaunlich, befänden wir uns doch in einer Zeit, in der – dank Smartphone, Laptop und Digitalfernsehen – jeder hochindividualisiert und ortsunabhängig seine Lieblingsfilme herunterladen könne, sagt Marti.

Ähnlich sieht das Peter Preissle, Pornoproduzent und Programmierer bei East-Cinema, der Betreiberin des «Ciné 6» in Bern und weiteren Sexkinos in der Schweiz. «Es gibt immer weniger und immer schlechtere Filme, das ist ein Problem. Einer stellt seine Mutter auf einen Stuhl, lässt sie masturbieren, filmt die Szene mit dem Handy, nennt sie 'My dirty Hobby' und stellt es ins Internet. Furchtbar.» Trotzdem sieht er für die Zukunft nicht schwarz. Er glaubt, dass das Sexkino weiterhin seinen Reiz habe, weil es Treffpunkt sei und man dort im Gegensatz zum Internet keine Spuren hinterlasse.

Täglich fast 10 Minuten auf «Youporn»

Das erstaunt insofern nicht, als dass die Pornografie einer bestimmten Epoche normalerweise mit den Medien ihrer Zeit verschmolzen ist: In den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts wurden Pornos ohne Ton in Endlosschleife in Etablissements gezeigt. Sie sollten Kunden dazu anregen, mit einer Prostituierten im Hinterzimmer zu verschwinden. In den 1970er Jahren wurden Pornos gesellschaftsfähiger, man ging als Paar oder mit Freunden ins Kino. In den 1980ern, als die Videorekorder und noch später die DVD-Player kamen, wanderte der Porno ins Wohnzimmer. Mit dem Internet schliesslich wurden sie überall verfügbar.

Die Zahlen des «Porn 2.0» sprechen Bände: Die Seite «Youporn» belegt Rang 50 der meistbesuchten Websites in der Schweiz; im Durchschnitt verbringen Schweizer 9 Minuten pro Tag auf «Youporn».

Auch das Digital-TV leckt sich ob dem Porno-Geschäft die Hände: Wer sich einen solchen Film ansehen will, kauft ihn in «High Definition»-Qualität bei seinem Kabel-TV-Betreiber. «Dieser Bereich läuft gut», sagt Andreas Werz, Mediensprecher von UPC-Cablecom. «Konkrete Zahlen können wir aber nicht bekannt geben.» Recherchen von Bernerzeitung.ch/Newsnetz ergaben jedoch, dass der Umsatz im zweistelligen Millionenbereich liegen dürfte.

«Sexkino ist eine Mutprobe»

Diese Entwicklung verursacht im hiesigen Porno-Geschäft einen Teufelskreis: «Die Pornoproduzenten produzieren immer weniger Filme, die Filmauswahl für uns Kino-Betreiber nimmt ab. Momentan kommen viele alte Klassiker wieder auf den Markt», sagt Esther Marti. Und nicht zuletzt setzt das Schweizer Gesetz Grenzen. Tatsächlich: Im Internet sind Filmsequenzen, die Sex zwischen Mensch und Tier oder menschliche Ausscheidungen zeigen, frei zugänglich. In der Schweiz sind Konsum und Besitz solcher Filme aber verboten.

Und trotzdem gibt es immer noch Menschen, denen die Grossleinwand im Kino lieber ist, als das Sofa im stillen Kämmerchen zuhause. Donnerstagmittag, «Ciné 6», Bern. Ein Mann um die 50 kommt aus dem Kino spaziert. «Warum gehen Sie noch ins Sexkino und schauen sich die Filme nicht zuhause oder im Internet an?» «In jedem Film wird geleckt, gerammelt, gestöhnt. Wenn ich alleine bin weiss ich, wie ich mich zu solchen Szenen verhalte: Masturbieren oder spulen. Aber im Kino sitze ich im Dunkeln mit anderen Menschen, das ist eine ganz andere Situation. Ein öffentliches Pornoereignis ist sozusagen eine Mutprobe. Prickelnd!» Etwas Anrüchiges sehen, um dabei gesehen zu werden – so einfach ist das.

Trotz dem Negativtrend will Esther Marti vorläufig nicht auf andere Geschäftsmodelle setzen: «Ich plane keine Sex-Events in meinem Kino zu veranstalten.» Und solange es noch Leute gäbe, denen Sexkinos lieber seien als die billig produzierten Amateur-Filmchen im Internet, sterbe das Sexkino noch nicht aus. «Danach schauen wir weiter.»

Peter Preissle, seit 33 Jahren im Porno-Business, hat in Bern schon Live-Events im Kino veranstaltet. Aber: «Die Berner sind schüüch, sehr auf Diskretion bedacht.» Und: «Ich habe immer gerne mit Zelluloid gearbeitet, lieber als mit Cellulite». Aber der beste Tag im Jahr für sein Geschäft sei sowieso der «Zibele-Märit». Und der stehe ja noch an.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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