Bern

Streit um Schwobs letzten Willen

BernDie Stadtberner Behörden streiten sich mit Künstlern um das Testament der verstorbenen Villenbesitzerin Susanne Schwob: Wollte sie wirklich, dass die Stadt ihr Haus in der Länggasse zu Geld macht?

Bekannt als Künstlerhaus: Die Stadt will die Villa am Falkenhöheweg zu Geld machen.

Bekannt als Künstlerhaus: Die Stadt will die Villa am Falkenhöheweg zu Geld machen. Bild: Susanne Keller

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Hoch über dem Berner Länggassquartier, am Falkenhöheweg 15, steht eine seltsame Villa. Sie hat ein auffällig grosses Fenster auf der Nordseite. Es ist die Villa einer Künstlerin: Die 1967 gestorbene Kunstmalerin Susanne Schwob nutzte das grosse Nordlichtfenster im oberen Stock ihres Hauses, damit sie mehr Tageslicht fürs Arbeiten hatte.

Auch heute, fast ein halbes Jahrhundert nach Schwobs Tod, arbeitet hinter dem Nordlichtfenster ein Künstler: der Maler und Fotograf Adrian Scheidegger. Er hat das Atelier für monatlich 1000 Franken von der Stadt gemietet. Im Parterre und im ersten Stock wohnten und arbeiteten bis vor kurzem zwei weitere Kunstschaffende: die Performance- und Installationskünstler Klara Schilliger und Valerian Maly.

Geschenk an Kunstschaffende

Dass die Villa ein Künstlerhaus geblieben ist, ist kein Zufall: Susanne Schwob, Spross der Leinenweberei-Familie Schwob und Ende der 1930er-Jahre Mitglied der Eidgenössischen Kunstkommission, hatte ihr Haus der Stadt vermacht und in ihrem Testament verfügt, dass damit Kunstschaffende gefördert werden.

Die Stadt will diese Förderung künftig aber anders handhaben als bisher. Die Abteilung Kulturelles hat den drei Künstlern gekündet. Sie will die Villa verkaufen und mit dem Erlös an einem anderen Ort Ateliers zu günstigen Bedingungen an Künstler vermieten. Diese Pläne begründet Veronica Schaller, Leiterin der Abteilung, folgendermassen: «Die Villa ist nicht geeignet für mehrere Ateliers. Wir möchten, dass künftig mehr Kunstschaffende von Susanne Schwobs Vermächtnis profitieren können, und suchen deshalb andere Räume.» Die Abteilung Kulturelles fand es auch ungünstig, dass die drei Künstler, die das Haus genutzt haben, langjährige Mieter waren und nicht immer wieder andere Künstler eingezogen sind.

Die nach Schallers Ansicht allzu treuen Mieter Adrian Scheidegger, Klara Schilliger und Valerian Maly haben mittlerweile andere Räume gefunden und verlassen die Künstlervilla demnächst. Aber nicht, ohne weiter für Schwobs Vermächtnis zu kämpfen. Adrian Scheidegger findet: «Die Villa ist im Quartier als Künstlerhaus bekannt. Seit Jahren gehen hier Künstler ein und aus. Warum soll man ein solches Haus mit Geschichte verkaufen, damit man an einem beliebigen anderen Ort Ateliers subventionieren kann?» Er sei überzeugt, dass Schwob ihr eigenes Haus Kunstschaffenden zur Verfügung stellen wollte. «Und sie wollte nicht, dass die Stadt ihr Geschenk zu Geld macht, das dann für andere Ateliers eingesetzt wird.»

Haus leer, Juristen brüten

Zusammen mit anderen Kunstschaffenden machte Scheidegger der Stadt vor einigen Monaten sogar ein Kaufangebot: Für 1,3 Millionen Franken würde eine Stiftung die Villa im Baurecht übernehmen und sie weiterhin an Künstler vermieten. Die Stadt verlangte 2,5 Millionen Franken und winkte ab. Gerne würde die Stadt nun ihr eigenes Vorhaben vorantreiben und die Künstlervilla umnutzen. Auch von der Einrichtung einer Kindertagesstätte war schon die Rede. Doch nach dem Auszug der Künstler bleibt es hinter dem markanten Nordfenster vorläufig dunkel.

Denn jetzt brüten Juristen darüber, was Schwob mit ihrem Testament wirklich gemeint hatte. Die kantonale Justiz-, Gemeinde- und Kirchendirektion muss über eine Beschwerde entscheiden. Eingereicht hat sie eine Nachbarin, welche seit ihrer Jugend neben der Künstlervilla wohnt und Schwob zu deren Lebzeiten gekannt hat. Sie ist der Meinung, dass die Stadt Schwobs Vermächtnis nicht einfach umdeuten und die Villa zu Geld machen dürfe, auch wenn dieses Geld wieder Künstlern zugute käme.

Würden die drei bisherigen Mieter wieder zurückkehren, wenn die Stadt Bern die Villa nicht umnutzen dürfte? Nein, sagt Scheidegger. Er möchte nur, dass hinter dem Nordfenster weiterhin ein Künstler oder eine Künstlerin arbeitet. Dass es künftig nicht mehr er selber sein wird, damit hat er sich längst abgefunden. (Berner Zeitung)

Erstellt: 20.05.2015, 09:44 Uhr

Selbstbildnis der 1967 gestorbenen Künstlerin Susanne Schwob. (Bild: zvg)

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