«Sterben muss jede und jeder für sich»

Bern

Für sie ist der Tod allgegenwärtig: Pfarrerin Ursula Stocker begleitet in der Palliative-Care-Abteilung der Stiftung Diaconis in Bern Schwerkranke in ihren letzten Tagen.

«Ich war selbst sehr früh mit dem Tod konfrontiert»: Pfarrerin Ursula Stocker.

«Ich war selbst sehr früh mit dem Tod konfrontiert»: Pfarrerin Ursula Stocker.

(Bild: Stefan Anderegg)

Lucia Probst

In unserer Gesellschaft ist der Tod ein Tabu. Für Sie gehört er zum Alltag, wie halten Sie es aus, konstant damit konfrontiert zu sein? Der Tod ist in unserer Palliativabteilung zwar sehr präsent – aber auch das Leben. Viele schwer kranke Leute leben ihre Zeit noch sehr intensiv und bewusst. Oft spüre ich rasch sehr viel Vertrauen. Das ist ein enormer Reichtum. Die Arbeit ist herausfordernd, doch es gibt viele Momente, die mir auch Kraft geben.

Hat sich Ihr Blick aufs Leben durch Ihre Arbeit verändert? Die Endlichkeit ist mir bewusster geworden. Ich versuche, das Leben als Geschenk zu sehen, im Augenblick zu leben und Wünsche weniger aufzuschieben. Immer wieder treffe ich hier auf Menschen im frühen Pensionsalter, die ihnen Wichtiges nicht verwirklicht haben – und dann plötzlich todkrank sind. Ich dachte immer, ich lerne ein Instrument, wenn ich pensioniert bin. Wieso warte ich eigentlich?, fragte ich mich. Seit einem Jahr nehme ich Klavierunterricht.

Was haben Sie von Sterbenden gelernt?^ Es beeindruckt mich oft, wie sorgfältig Patienten und Angehörige miteinander umgehen. Wie sie es auch schaffen, noch Unbereinigtes zu klären. Manche wollen ihren Angehörigen auch noch etwas zurücklassen. Eine ältere Frau, die selbst nicht mehr schreiben konnte, hat mir einen Brief an ihren Mann diktiert. Das war sehr berührend.

Haben Sie Angst vor dem Tod? Nein. Ich finde das Leben wunderbar, aber die Welt ist unvollkommen. Nach dem Tod bei Gott aufgehoben zu sein, ist meine grosse Hoffnung. Ich glaube daran, dass wir es dann schöner haben.

Es stirbt sich also einfacher, wenn man gläubig ist. Das wäre schön (lacht). Für die einen wohl schon. Sie sagen, «ich weiss, wohin ich gehe». Ich erlebe manchmal aber auch tiefgläubige Menschen, die sagen, sie spürten Gott nicht mehr. Andere suchen nach dem Grund für ihre schwere Krankheit – und landen beim strafenden Gott. Denen versuche ich, noch ein anderes Gottesbild aufzuzeigen.

Begleiten Sie auch Nichtgläubige? Ich gehe bei allen vorbei und biete ein Gespräch an, dränge mich aber niemandem auf. Ich schaue einfach, wie die Reaktion ist. Man muss mit mir auch nicht über Gott reden. Oft versuche ich, zu merken, wo jemand Kraftquellen hat, wo die Ressourcen eines Menschen sind dafür, mit seinem Schicksal umzugehen.

Was lässt sich für todkranke Menschen tun? Viele haben noch Wünsche offen. Es wurde schon für jemanden ein Pferd hierhergebracht. Oder wir packten einen Patienten ganz dick ein, damit er nochmals Schnee fühlen konnte. Für einen anderen war es wichtig, seine liebsten Freunde nochmals zu sehen – sie feierten dann bei uns im Garten eine Abschiedsparty. Wenn so etwas gelingt, ist das wunderschön. Sterben selbst muss am Schluss aber jede und jeder für sich. Deshalb habe ich eher Mühe mit dem Wort Sterbebegleitung, ich sage lieber, ich bin Lebensbegleiterin bis zum Tod.

Ist Sterben so schwierig, wie sich das viele von uns vorstellen? Das Loslassen und der Schmerz der endgültigen Trennung sind schwierig. Die einen gehen ganz ruhig und haben schon alles bis zur Abdankung geregelt. Für andere bleibt der Tod auch hier noch ein Tabu, und sie erklären mir, sie wollten möglichst schnell wieder zu Kräften kommen, um heimzugehen.

Muss jemand alles aushalten? Oder helfen Sie auch, wenn jemand seinem Leben ein Ende setzen will? Wenn der Wunsch nach Suizidbeihilfe kommt, blocken wir das Thema nicht ab. Wir versuchen dann, zu erkennen, was für die Person das Leben so schwer erträglich macht. Der Wunsch wird oft aus Angst und Verzweiflung geäussert. Oder auch, weil Leute andern nicht zur Last fallen wollen. Ich bin jetzt neuneinhalb Jahre hier, und es sterben jedes Jahr etwa 170 Menschen bei uns. Mit Suizidbeihilfe sind letztlich nur fünf gegangen.

Wie verarbeiten Sie all die Tode und Schicksale? Ich war in meinem Leben selbst sehr früh mit dem Tod konfrontiert. Es ist ein Unterschied, ob jemand Nahestehendes stirbt oder ein Mensch, mit dem man wenig geteilt hat. Ich kann nicht jedes Schicksal zu meinem eigenen machen. Ich habe aber auch hier schon geweint. Es gibt schon Situationen, die uns alle «erhudle». Umso wichtiger ist es, auch einen Ausgleich zu dieser Arbeit zu haben.

Wie könnte unsere Gesellschaft lernen, mit dem Tod unverkrampfter umzugehen? Ich lebte mehrere Jahre in Afrika. Da ist der Tod ganz anders präsent. Auch die Trauer wird sehr intensiv gelebt. Hier setzt sich freiwillig kaum jemand diesem Thema aus. Vielleicht müssten Sterben und Tod schon in der Schule stärker ein Thema sein. Ich erlebe hier 50-jährige Menschen, die noch nie direkt mit dem Tod in Berührung gekommen sind. Wir haben viel verloren in unserer Gesellschaft, in Afrika zum Beispiel sind Tote daheim aufgebahrt. Ich finde, wir müssten auch lernen, mit Trauernden wieder sorgfältiger umzugehen.

Veranstaltung: Am 3.November um 19.30 Uhr tritt Ursula Stocker im Kirchgemeindehaus Schwarzenburg an einem Podium zum Thema Suizidbeihilfe auf.

Berner Zeitung

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