Stefan Niedermaier: «Das nächste Mal schmeisse ich mich selbst raus»

Bern

Der ehemalige CEO des Stade de Suisse wird Unternehmer und übernimmt ganz in der Nähe die Informatikfirma DV Bern.

Führt ab März die eigene Firma: Stefan Niedermaier, ehemaliger CEO des Stade de Suisse.

Führt ab März die eigene Firma: Stefan Niedermaier, ehemaliger CEO des Stade de Suisse.

(Bild: Andreas Blatter)

Herr Niedermaier, wie man hört, wird sich Ihr Arbeitsweg nicht gross verändern. Stefan Niedermaier: Er wird für mich sogar noch etwas kürzer mit dem Velo.

Sie übernehmen am 1.März die in der Öffentlichkeit kaum bekannte Firma DV Bern. Das klingt nach einem abrupten Szenenwechsel. Das klingt nur so. In Wirklichkeit ist es ein logischer Schritt – eine Rückkehr in mein angestammtes Gebiet. Meine Tätigkeit für eine Swisscom-Tochter und bei der Datagroup in Stuttgart war sehr ähnlich gelagert. Damals hatte ich bereits mit der DV Bern zu tun. Ich kenne sie seit langem.

Sie standen fünf Jahre im Rampenlicht. Das wird sich ändern. Und es macht mir überhaupt nichts aus. Als ich damals nach Bern kam, habe ich völlig unterschätzt, wie sehr ich da zur öffentlichen Person werden würde.

Wie lange steht Ihre berufliche Zukunft schon fest? Die letzten Verträge haben wir erst vor ein paar Tagen unterschrieben. Aber was wirklich lustig ist: Zum ersten Mal vage davon gesprochen haben wir am 11.August, zwei Tage nach meinem Rauswurf. Es war ein Zufall, das Mittagessen war schon lange abgemacht.

Dann hatten Sie gewissermassen schon zwei Tage später einen neuen Job. Nein, so war es überhaupt nicht. Damals war das nicht mehr als eine Möglichkeit. Ich habe neun konkrete Anfragen erhalten. Es war von Sport über Kultur bis Industrie alles dabei. Es wäre überheblich gewesen, nicht alle Möglichkeiten genau zu prüfen.

Warum dann doch DV Bern? Weil das eine wunderbare Firma mit siebzig Leuten ist, die sich seit 34 Jahren in diesem schnellen Geschäft behaupten und hervorragend aufgestellt sind. Und ich kann in Bern bleiben. Das wollte ich von Anfang an.

Sie übernehmen die Firma von SCB-Teilhaber Hans Dietrich. Er ist 67 und hat nun innert kurzer Zeit die Nachfolgeregelung installiert. Er wollte, dass ich das mache, weil er das Gefühl hat, ich ticke gleich wie er. Zudem beteiligt sich das langjährige Kader mit 40 Prozent. Was will man mehr?

Sie übernehmen 60 Prozent des Aktienkapitals. Sind Sie im Stade de Suisse so reich geworden? Von wegen. Aber wir haben mit der Berner Kantonalbank einen Partner gefunden, der an die Firma glaubt und der uns diese Lösung zu fairen Bedingungen ermöglichte. Und da gab es den Besitzer, der die Firma teurer hätte verkaufen können, wenn ihm nicht so viel an einer Berner Lösung gelegen hätte.

Als Hauptaktionär sind Sie nun selbst Ihr oberster Boss. Ja. Das nächste Mal schmeisse ich mich selbst raus.

Wie war das denn nun beim letzten Mal? Sie haben sich dazu nie geäussert. Und ich werde es nie tun. Ich hatte im Stade de Suisse 5 grossartige Jahre. Ich habe dort mit hundert Leuten zusammengearbeitet, die sich manchmal bis zur Erschöpfung engagiert haben. Wir waren wie eine Familie. Ich wünsche mir nichts mehr, als dass es dieser Familie weiterhin gut geht. Da werde ich nicht wegen ein paar wenigen schmutzige Wäsche waschen.

Wurden Sie von den Ereignissen im vergangenen August eigentlich überrascht? Sagen wir es so: Für mich war der Zeitpunkt sehr überraschend.

Haben Sie gelitten? Eine Therapie habe ich deswegen nicht aufgesucht, wenn Sie das meinen. Aber man kommt natürlich schon ins Grübeln. Ich habe als CEO auch schon Leute entlassen. Es war eine neue Erfahrung, einmal selbst auf die Strasse gestellt zu werden.

Gleichzeitig gab es viele Sympathiebekundungen. Deswegen ging es mir auch viel besser als anderen Entlassenen. Es war unglaublich. Rund tausend Leute auf Facebook. Immer wieder wurde ich von wildfremden Leuten angesprochen, wurde mir ein Bier spendiert. Am Sonntag war ich an den Solothurner Filmtagen und habe mir dort gemeinsam mit den Regisseuren Norbert Wiedmer und Enrique Ros den YB-Film angesehen. Nach dem Kino sprach mich ein fremder Herr an und bedankte sich bei mir. Solche Erfahrungen sind schön.

Bei der Premiere des Films in Bern blieb Ihr Stuhl leer. Haben Sie ihn erst jetzt gesehen? Nein. Ich war mal an einem Nachmittag im Westside und hab ihn mir angesehen. Aber ich hatte mit den Regisseuren vereinbart, dass wir das noch einmal gemeinsam machen.

Was haben Sie seit Ihrem Rausschmiss sonst noch gemacht? Was das Familienleben betrifft, habe ich in den letzten 5 Jahren schwer gesündigt. Jetzt hatte ich mehr Zeit. Einmal war ich mit meinen beiden Kindern in den USA. Ich habe Bergtouren gemacht und Sport getrieben, wenn ich nicht mit der Zukunftsplanung beschäftigt war.

War Thun nie ein Thema? Thun ist mir wichtig, es ist meine Heimatstadt. Aber ich wollte immer unternehmerisch tätig sein.

Bern profiliert sich als Sportstadt. Tut die Politik das Richtige? YB und SCB sind Unternehmen, die sollen sich ohne staatliche Hilfe behaupten. Aber Bern schafft gute Rahmenbedingungen. Müssten wir hier bei den Stadien ebenso hohe Sicherheitsleistungen bezahlen wie in Basel oder Zürich, könnten wir Fussball und Eishockey auf diesem Niveau vergessen. Dafür hat Bern zu wenig wirtschaftliche Kraft. Ich schätze es, dass Alex Tschäppät und Reto Nause diesbezüglich zu ihrem Wort stehen.

Was braucht die Sportstadt Bern bezüglich Infrastruktur? Wie gesagt. Die Stadien müssen von den Unternehmungen getragen werden. Eine Eislauf-EM wäre etwa in der alten Postfinance-Arena nie möglich gewesen. Grundsätzlich braucht eine Sportstadt ein gutes Angebot in der Breite. Wenn Sportplätze fehlen, sollte man vielleicht mit der Schliessung eines KaWeDe noch zuwarten. Aber für die Politiker ist es auch nicht einfach. Jedes neue Projekt stösst auf Widerstand.

Konkurrenzieren sich YB und der SCB im Sportgeschäft? Es gibt schon Bereiche, in denen Wettbewerb herrscht. Aber für beide Vereine ist es besser, wenn sie im Gespräch bleiben und bei gemeinsamen Interessen am selben Strang ziehen. Ich hatte mit Marc Lüthi vom SCB ein sehr gutes Verhältnis. Wir gönnten einander das kalte und das warme Wasser. Schon Ende August hatte ich zwei Saisonkarten für den SCB in der Post.

Und von YB? Ich werde sicher wieder auf der Tribüne sitzen. Ich habe das bleiben lassen, um nicht unnötig Öl ins Feuer zu giessen. Aber meine Kids gehen immer an die Spiele. Sie haben Saisonkarten.

Berner Zeitung

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