Stadtschützen wehren sich gegen Verbannung aus dem Ferienpass

Im diesjährigen «Fäger» wird zum Beispiel Karate, Wing-Tsun oder japanisches Bogenschiessen angeboten. Doch auf Geheiss des Stadtrats wurden die Luftgewehr- und Luftpistolenkurse aus dem Programm verbannt. Gegen diesen Entscheid gehen die Stadtschützen nun juristisch vor.

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(Bild: Illustration: Max Spring)

Ralph Heiniger

Sommerzeit ist «Fäger»-Zeit. Der «Fäger» ist das Ferienpass-Angebot des Jugendamts der Stadt Bern. Geboten werden 300 Kurse und Veranstaltungen für Kinder und Jugendliche, teilweise auch für die ganze Familie. Das Programm ist breit und vielfältig. Man kann zeichnen, zaubern oder eine Zirkusschule besuchen, es gibt Kurse im Babysitten, Eishockey oder Kung-Fu.

Zwei Kurse, die in den letzten Jahrzehnten zum Standardangebot des Berner Ferienpasses gehörten, sucht man diesen Sommer aber vergeblich: Luftgewehrschiessen und Luftpistolenschiessen wurden von der Stadt Bern aus dem «Fäger» verbannt.

Die Berner Stadtschützen, welche diese Kurse angeboten haben, wollen diese Verbannung aber nicht hinnehmen. «Wir fechten diesen Entscheid an und sind bereit, bis vor Bundesgericht zu gehen», sagt der Präsident der Stadtschützen, Alt-Regierungsrat Ueli Augsburger (SVP).

Stadtrat befürchtet Affekt

Luftgewehr- und Luftpistolenschiesskurse werden eigentlich fast im ganzen Kanton Bern im Rahmen des lokalen Ferienpasses angeboten (siehe Kasten). Doch Schülerinnen und Schülern das Schiessen mit Luftgewehr und Luftpistole zu lehren, ist gemäss der Weltanschauung des Berner Stadtrats problematisch.

In einem Postulat hat der grüne Stadtrat Luzius Theiler (GPB-DA) letztes Jahr verlangt, diese beiden Schiesskurse zu streichen. Denn es sei gefährlich, wenn sich Jugendliche für den Schiesssport begeisterten: «Bis zu einem Missbrauch in einem unkontrollierten Affekt ist es dann nur noch ein kleiner Schritt», heisst es in Theilers Postulat.

Die Mehrheit des Stadtrats befand diese Argumentation offenbar als plausibel und überwies das Postulat mit 34 zu 29 Stimmen – gegen den Willen des Gemeinderats.

Gemeinderat wollte erst nicht

Die zuständige Gemeinderätin Franziska Teuscher (GB) sagte nämlich zu Theilers Postulat, dass bei der Auswahl der Angebote, die in der «Fägerzeitung» publiziert werden, keine politischen oder weltanschaulichen Wertungen vorgenommen werden sollten. Deshalb hat sich die Stadtregierung damals für die Beibehaltung der umstrittenen Schiesskurse im «Fäger» ausgesprochen.

Dennoch hat der Gemeinderat nach der Annahme des Postulats durch den Stadtrat verfügt, dass ab sofort im städtischen Ferienpass auf die Inserate für Luftgewehr- und Luftpistolenschiessen zu «verzichten» sei.

Eine Frechheit, findet Stadtschützenpräsident Ueli Augsburger. Er nimmt zwar den Entscheid des Berner Stadtrats zur Kenntnis, kritisiert aber klar und deutlich den Gemeinderat: «Der Stadtrat hat Narrenfreiheit und kann ohne Rücksicht auf die Rechtsstaatlichkeit Postulate überweisen. Doch der Gemeinderat darf sich nicht einfach über die Rechtsordnung hinwegsetzen, selbst wenn der Stadtrat dies wünscht.» «Ideologischer Entscheid»

Aus Augsburgers Sicht verstösst die Verbannung der beiden Kurse gleich in mehrfacher Hinsicht gegen das Gesetz. Zum Beispiel würden das Willkürverbot, die Medienfreiheit oder die Rechtsgleichheit verletzt. Durch den Ausschluss der beiden Kurse aus dem «Fäger» werde den Stadtschützen eine Möglichkeit geraubt, Nachwuchs zu finden und junge Menschen für ihren Sport zu begeistern.

Friedlich, verantwortungsvoll

Für Augsburger ist nicht verständlich, warum der aktuelle «Fäger» Kampfsportarten wie Jiu-Jitsu oder Wing-Tsun oder auch das Schiessen mit japanischen Bögen anbietet, während Schiessen mit dem Luftgewehr oder der Luftpistole zu gefährlich sein soll.

«Die Griffe, die man beim Kampfsport lernt, können bei intensiver Anwendung verletzende oder gar tödliche Folgen haben.» Er sei aber überzeugt, dass alle diese Kursanbieter den verantwortungsvollen und friedfertigen Umgang mit der Körperkraft und dem japanischen Bogen lehren würden. «Ganz genau so, wie wir Schützen dies mit unseren Sportgeräten über Jahrzehnte getan haben.»

Zudem fallen die Luftgewehre und Luftpistolen, welche bei den Kursen in den letzten Jahren jeweils verwendet wurden, wegen ihrer geringen Mündungsenergie noch nicht einmal unter das schweizerische Waffengesetz, wie Augsburger sagt.

«Ein Teil der Kultur»

Diese beiden Kurse der Stadtschützen seien ganz klar aus ideologischen Gründen aus dem «Fäger» verbannt worden, erklärt Augsburger. «Das Unesco-Weltkulturerbe der Stadt Bern besteht nicht nur aus seinen Fassaden. Es besteht auch aus seinen Inhalten.» Die Stadtschützen wurden 1818 gegründet und sind ein Verein mit langer Tradition. Auch sie gehörten zum Kulturerbe der Stadt Bern, betont ihr Präsident. «Man kann nicht die kulturelle Vielfalt verbieten, wenn sie einem ideologisch nicht in den Kram passt.»

Bis vor Bundesgericht

Jetzt fechten die Stadtschützen das Publikationsverbot im Ferienpass juristisch an. Sie haben sich per Einschreiben an die Direktion Bildung, Soziales und Sport – die Direktion von Franziska Teuscher – gewandt. «Wenn die Stadt unsere Inserate für die Schiesskurse weiterhin nicht zulassen will, ziehen wir als Nächstes vor das Verwaltungsgericht», so Augsburger. «Spätestens vor Bundesgericht werden wir gewinnen.»

Übrigens: Gänzlich wurden die Stadtschützen dann doch nicht aus dem diesjährigen «Fäger» verbannt. Der Kurs Armbrustschiessen auf eine Distanz von 30 Metern ist im Ferienpass aufgelistet. Organisiert wird das Angebot von den Stadtschützen. Man braucht allerdings kein ausgewiesener Waffenexperte zu sein, um zu wissen, dass eine Präzisionsarmbrust gefährlicher ist als ein Luftgewehr oder eine Luftpistole.

Berner Zeitung

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